Reisebericht aus Schitomir / Ukraine im Dezember 2012

       Abbildung 1 Kathedrale von Schitomir, Ukraine

Eine der seltsamen Reisen, die man als Orgelbauer so machen darf, ins Land des Nikolai Gogol, das wohl auf den ersten Blick noch so aussieht, wie es wohl vor 200 Jahren aussah. Also man geht in der Zeit zurück, so etwa vor dem Bau der Petersburger- und Rigaer-Walcker-Orgeln.

Bitterkalt und mit dicken Eis- und Schneeschichten auf den Straßen. Aber, die „Toten Seelen des Wassiljewitsch“ konnte ich nicht finden, dafür die dahinter verborgene Ironie. Und, was noch viel schöner war, die verschmitzten Gesichter der Ukrainer, die in solchen Geschichten wie in Gogols Romanen, die sie mit unerbittlicher Regelmäßigkeit neu zu lesen verstehen, ihre Identifikation gefunden haben.

Von Vitaliy Chyzhevskyy erfuhr ich vom bedenklichen Zustand der Walcker-Orgel in der Kathedrale zu Schitomir.

Da ich mich einige Zeit mit den Walcker-Orgeln in der ehemaligen Sowjetunion beschäftigt habe, kannte ich das Instrument aus dem Buch von Leonid Rojsmann (erschienen GDO 2001). Und so begann ich rasch noch vor Weihnachten eine Reise in die Ukraine zusammen zu stellen, um mich mit Orgel und Leuten in Schitomir zu beschäftigen, die dieses Instrument wieder auf Vordermann bringen wollten.

Sehr erfreut war ich zu hören, dass man dieses Signal in Schitomir ebenfalls mit überraschter Freude zur Kenntnis nahm und dass mich der Prior persönlich mit einem deutschsprechenden Vikar am Flughafen in Kiew abzuholen gedachte.

Abbildung 2 Vikar Jaroslaw, Orgelbauer Vitaliy, Sergei 

Das alles geschah nun am 13. Dezember 2012. Pater Grigoriy und Vikar Jaroslaw erwarteten mich im nagelneuen Flughafen zu Kiew. Ihre Anreise von Schitomir war durch erheblichen Schneefall der letzten Tage ein wahres Abendteuer geworden und genauso die Rückfahrt, an der ich teilhaben sollte. Aber dennoch wollten sie mir noch in aller Ruhe die Stadt Kiew zeigen, was durch den starken Verkehr ein weiteres Abendteuer werden sollte, was unsere Fahrt zurück nach Schitomir erheblich verzögerte.

Vom Lemberg waren die beiden Orgelbauer Vitaliy und Sergey gleichzeitig unterwegs nach Schitomir, von Westen nach Osten, auch eine hübsche Strecke, die bei dem Glatteis auf der Landstraße gut und gerne 7 Stunden gedauert hat. So etwas nehmen die Menschn in der Ukraine in Kauf, wenn es um die Restaurierung einer Orgel geht, die schon lange nicht mehr ihre besten Tage gehabt hat.

So kommen wir am Donnerstagabend gegen 19Uhr im Refektorium der Kathedrale an, um mit den Orgelbauern und Priestern das Abendessen einzunehmen und danach ein erstes Kennenlernen der Orgel zu wagen. Es gibt Krautsalat, Krautgemüse, Kartoffelbrei,
eingemachte Tomaten, seltsame Wurst- und Darmkombinationen und allerlei andere ukrainische Spezialitäten, die kein deutscher Orgelbauer je zu essen angedacht hat. Und diese speziellen Mahlzeiten setzen sich auch in dieser Form in den nächsten Tagen fort, was zur Folge hat, dass die längst überfällige Gewichtsreduktion des deutschen Orgelbauers ordentliche Formen angenommen hat.

Gregoriy bemerkt bereits am ersten Tage die Zurückhaltung des Orgelbauers beim Essen und ermuntert den deutschen doch richtig zuzulangen, worauf dieser entgegnet: „ this is not allowed für organbuilder, to eat so much, becouse the organs are too small, but it is allowed to the priest!“, was mit allgemeinen Gelächter quittiert wird, denn Gregorii beweist durch seine Gestalt, dass er sich um enge Orgeln kaum bekümmern könnte.

Der erste Kontakt mit der Orgel in der Kathedrale, die leidlich geheizt war, überraschte mich nicht, da ich bereits von Vitaly eine umfangreiche Bildsammlung per Email zugeschickt bekam.

Als Schlafstätte wird mir das Apartment des Bischofs zu geteilt, das warm und mit hervorragendem Badezimmer ausgestattet ist.

Am nächsten Morgen, … ich erspare mir die aufgetischten Speisen in allen Einzelheiten zu beschreiben, es sei nur so viel gesagt, dass durch ein seltsames Glück ein Glas Honig durch all die Kraut- und Wurstvitrinen den Weg zu mir gefunden hat und dies mit Brot und Butter unterfüttert die Sache des Frühstücks erledigt hat…,  und an der Reihe war nun natürlich der Aufgang zur Orgel mit dem Plan alles erforderlich zu tun, damit man eine anständige Dokumentation erstellen kann.

Die Orgel in der Kathedrale in Schitomir wurde im Jahre 1895 von Hermann Walcker aufgenommen, der nach dem Bau der Walcker-Orgel in Riga verblieb und sich auch in dieser Stadt verheiratete. Hermann Walcker war das verbindende Glied für alle in Russland tätige Orgelvorhaben von Walcker. Es handelte sich um rund 100 Orgeln, die von 1894 bis 1914 in russischen Städten aufgebaut wurden. Hermann hat eine Maßskizze dieser vorhandenen Orgel erstellt und den Umbau dieser Orgel auf Kegelladen unter Verwendung von erheblichen Teilen des Pfeifenwerks geplant.

Die Fertigung dieser Orgel fand im Jahre 1897 statt. Die ursprünglich geplante Auslieferung im September 1897 konnte aber nicht eingehalten werden. Man intonierte noch im Oktober 1897 in der Werkstatt.

Die neue Walcker-Orgel wurde mit pneumatischen Kegelladen gefertigt.

Abbildung 4 Die Walcker-Orgel in der Kathedrale in Schitomir

Das Pfeifenwerk wurde, wie in der Disposition angegeben, von der alten Orgel zu erheblichen Teilen übernommen. Neu im ersten Manual waren Floete und Gemshorn 8‘, im zweiten Manual Concertflöte, Aeoline und Voix celeste 8‘, im Pedal Violonbaß 16‘ und Violoncello 8‘. Windanlage und Windladen wurden samt dem Gestell neu gefertigt. Das Gehäuse blieb alt, der Spieltisch wurde neu gefertigt, mit Blick zum Altar.

Abbildung 6 Obere Windlade II.Manual, Voix celest, Aeoline, Salicional, Concertflöte, Geigenprincipal

Die alten Prospektpfeifen weisen erhebliche Mängel auf, während das Pfeifenmaterial von Walcker sich ganz gut durch die Zeit brachte.

Abbildung 7 Prospektpfeifen

Abbildung 8 Pfeifen der oberen Lade des I.Manuals, Gambe, Gemshorn, Bourdon 16′, Principal

Der Spieltisch der Orgel wartet mit übersichtlicher Gestaltung auf, die sich auch im Inneren des Spieltisches vorsetzt. Es sind keine komplizierten Steuerungen erforderlich, weswegen die Überarbeitung dieses Spieltisches kein Problem darstellt.

Abbildung 9 Spieltisch der Walcker-Orgel in Schitomir

Nun, am Ende meines Aufenthaltes in Schitomir bleibt noch zu berichten, wie interessant die Gespräche waren mit Bischof Vitaliy Skomarowski in Schitomir, auch während den Mahlzeiten, und Bischof Stanislaw Shyrokoradyuk in Kiew, dessen Apartment ich in Schitomir bewohnen durfte.

Nachdem wir morgens um 5 Uhr ins bitterkalte Fahrzeug am Montag, den 17.Dezember gestiegen sind, und rasch die perfekt gebaute Verbindungsstraße von Lemberg nach Kiew erreicht hatten, waren Grigorij und ich überrascht zu sehen, dass wir sehr leicht zum vereinbarten Zeitpunkt in Kiew schon 3 Stunden früher erreichen würden. Und so war es.

Bischof Stanislav, Präsident der Caritas in der Ukraine, erwartete uns und geleitete mich zum Erzbischof Peter, der ebenfalls in die Sache der Orgelrestaurierung eingeweiht war. So entwickelte sich rasch ein Gespräch über Orgel- und Orgelmusik in diesem Land und welche Möglichkeiten von solch einer Restaurierung ausgehen könnten.

Es war noch möglich im Anschluss an die Gespräche ein Frühstück in MacDonalds einzunehmen, um langsam wieder an die westeuropäische Küche herangeführt zu werden, und ein paar der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt Kiew zu sehen, bevor ich wieder mit der Lufthansa-Maschine auf dem Kiewer-Boryspil-Hafen ins 20 Grad wärmere Deutschland entschwinden konnte.

gerhard@walcker.com

Schytomyr [ʒɪ’t] ukrainisch Житомир; russisch Житомир Schitomir, polnisch Żytomierz ist eine Großstadt in der Ukraine mit etwa 270.000 Einwohnern und Verwaltungssitz der gleichnamigen Oblast.

Dieser Reisebericht, vor 10 Jahren erstellt, wurde aus Anlass der erneuten Bombardierung der Stadt Schitomir und des völkerrechtswidrigen Angriffs der russischen Nation auf die Ukraine, erneut auf unseren Seiten veröffentlicht. Wir werden den Russen dieses Verbrechen an der Menschheit nie vergessen. Es ist unmittelbar vergleichbar mit den Verbrechen der deutschen Nazibande in den 1930-40er Jahren. gwm

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4 Kommentare zu Reisebericht aus Schitomir / Ukraine im Dezember 2012

  1. claudius sagt:

    lieber gerhard,
    sind immer wieder spannend, informativ und unterhaltsam, Deine Reiseberichte. nach Deinen kulinarischen beschreibungen wurde mir klar, warum man in dieser region der welt nicht ohne ein gewisses tägliches quantum vodka auskommt…
    ich schließe mich der frage von ruth fleischmann an: gibt es nach der barbarischen russischen agression dieses instrument in schyrtomyr noch?
    kollegiale grüße aus dem schwarzwald (wir haben hier kirschwasser;-), claudius

    • gwm sagt:

      Lieber Claudius,
      besten Dank! Hat mich sehr gefreut.
      Wir haben uns schon mehrfach nach dem Befinden von der Kathedrale und der Orgel erkundigt, aber, die Leute werden z.Zt. besseres zu tun haben. Ich wende mich noch an den Orgelbauer, der hoffentlich was anderes zu tun hat, als beim Militär Dienst zu schieben, und hoffe da etwas zu erfahren.
      In der Tat sind die Essgewohnheiten schon in Polen und dann erst recht in der Ukraine total unterschiedlich zu unseren schwäbischen Spätzle. Selten so gehungert, wie dort.
      Aber es war doch recht schön diese menschliche Wärme erfahren zu dürfen
      Es grüßt Dich bestens in alter Freundschaft,
      Gerhard

  2. Ruth Fleischmann sagt:

    Hoch interessant – vielen Dank.
    Bitte berichten Sie irgendwann wenn möglich ob Dom und Orgel beschädigt worden sind.

    • gwm sagt:

      Liebe Frau Fleischmann,
      ich bin immer noch am abwarten auf meine Rückfrage diesbezüglich nach Schitomir und nach Lemberg.
      Sobald da was kommt gebe ich Ihnen Bescheid,
      viele Grüße
      Gerhard Walcker-Mayer

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