Von Bälgchen und Membranen

Unter der Hauptwerkwindlade

wie komplex eine solch relative gemäßigte Orgel sein kann, zeigt das Beispiel das ich nachfolgend demonstriere.

Zunächst sehen wir im Bild oben die Balg-Membranleisten, welche unter dem I.Man befestigt werden.

Man erkennt unmittelbar die unterschiedlichen Größen der Bälgchen und Membranen. Stellt sich die Frage: weswegen aber die Mischung aus Membranen und Bälgchen?

Wir erkennen sehr schnell das orgeltypische Koordinatensystem (x-Achse von links nach rechts C-c4 und y-Achse die Register unten beginnend beim Prinzipal 8′, ganz oben die Cymbel 3f.)

 

Die Kegel des Prinzipal 8′ werden also mit Membranen bedient, während bei anderen Register sowohl Membranen wie Bälgchen vorkommen.

Das findet seinen Grund darin, dass verschiedene Pfeifen sowohl vom Pedal und I.Manual angespielt werden, aber auch spielt das I.Manual Pfeifen der Pedallade an z.B. beim eingeschalteten Gedeckt 16′, der die tiefen Subbaßpfeifen dafür nutzt.

Damit das nun keine ungewünschten Zwischentöne gibt, werden bei eingeschalteter Transmission im Pedal, zum Beispiel Cello 8 die Pfeifen der Viola 8 gespielt (das ist die 4.Reihe von unten) und dabei werden technisch raffinierte Maßnahmen ergriffen. Über beiden Bälgchenreihen schweben zwei Eisenstangen, die in der Regel auf den Bälgchen aufliegen und die damit keine Ventile öffnen können. Bei Einschaltung des Cello 8′ im Pedal wird die Eisenstange über die 30 Bälgchen des Pedals gehoben und Pfeifen erklingen dann, wenn entsprechende Tasten im Pedal gedrückt werden. Im ersten Manual erklingt hingegen kein Violaton, obwohl die Kanzelle dieses Registers mit Wind gefüllt ist, weil eben die Eisenstange alle Bälgchen des Manuals fixiert hält, bis das Register Viola 8′ eingeschaltet wird.

Ein sehr komplexes Verfahren, das auf exakte Regulierung und Maßhaltigkeit bei den Bälgchen angewiesen ist.

Dazu ein weiteres Foto, an dem man erkennt, dass die Bälgchen sehr genau gefertigt sein müssen.

Denn hätten wir selbst minimal Maßdifferenzen zwischen diesen Bälgchen, wäre es möglich, dass auch mit niedergedrückter Eisenstange Bewegungen durch diese Bälgchen verursacht werden können, oder im anderen Fall die Reise zum Heben der Kegel nicht ausreichen würde.

Eine ähnliche Problematik finden wir in dem weiter fortgeschrittenen Spieltisch dieser Orgel, wo wir nun nach Einbau der Bälgchen mit dem Einbau der Bleirohre begonnen haben:

gewalcker 22.05.22

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Keilbälgchen für Walcker-Spieltische

Man glaubt es kaum, wenn man diese simple Ansicht eines Walcker-Spieltisches ansieht, dass hier sage und schreibe 690 Keilbälgchen eingebaut sind. Die handtellergroßen Bälge zum Heben der Koppelgestänge sind da noch nicht mitgerechnet.

Hier ein Bild eines solchen Bälgchens

Bei diesen pneumatischen Steuerelementen sind neben dem Material zwei Dinge besonders wichtig:

a) sie müssen absolut perfekt schließen, das heißt das Leder darf nicht Widerstand leisten und der oberen Platte Widerstand entgegenbringen und

b) die Maße, Bohrungen, Breite und Länge sind exakt dem Original zu folgen. Denn schon geringe Maßtoleranzen können Probleme verursachen. Das Material sollte grundsätzlich aus gleichem bestehen, wie die original Bälgchen: Obere Platte Eiche, untere aus Fichte(Kiefer).

Das Leder sollte bestes Pneumatikleder sein (Jargon der Firma Herzog), das bessere Dichtigkeit und Widerstandskraft als Spaltleder besitzt. Das sind dann Dinge, die sich bei einer besseren Repetition bemerkbar machen

Hier nun bei unserem Spieltisch für Berlin haben wir eine solch hervorragende technische Transparenz, wie man es nicht oft antrifft. Man kann nahezu alle Bleirohrleisten problemlos von oben nach unten ausbauen und dasselbe passiert dann mit den Relais, die wir einfacherweise als Modul 1 bis 3 markiert haben.

Hier eine Zeichnung die zeigt, welch recht großer Umfang an unterschiedlichen Bälgchen und Bestückungen in diesem einfachen Spieltisch vorgenommen werden muss.

Ja, es trifft sich dann gut, dass wir unmittelbar nach Start der Arbeiten an diesem Spieltisch aus Berlin mit einem weiteren Auftrag, Restaurierung eines 3manualigen pneumatischen Spieltisches, beauftragt wurden, über den wir zu gegebener Zeit dann berichten werden.

gwm 5.März 22

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From our friend and organbuilder Vitaliy


we learn that he was also drafted into the military in Lviv (Lemberg). His wife and daughter managed to escape to Poland for the time being.
We offered him our help and hope that the resistance of free Ukraine against Russian aggression will have consequences.
Walcker was active in Ukraine several times, so an e-positive was sent to Worsel. I was in Zhitomir in 2013 on the occasion of a restoration request in the Roman-Catholic Church and made various proposals. There is also a quite passable travel report from Ukraine. Also in the Evang. church in Schitomir a Walcker organ was built under Opus 1709. At that time I had the opportunity to talk with two bishops about the political situation in the country.
With Vitaliy we were able to do beautiful restorations both in Costa Rica and San Salvador.

we are very sad about this development, but assure the whole Ukraine our deepest solidarity.

(Reisebericht von gwm: reise-nach-schitomir (1))

Gerhard Walcker-Mayer

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Komplexer pneumatischer Spieltisch

Mit dem Auftrag Berlin-Siemensvilla erhalten wir einen äußerst komplexen pneumatischen Spieltisch der nicht einfach zu behandeln ist.

Wie der  französische Philosoph Descartes in seiner Schrift “Discours de la méthode” um 1530 feststellte, ist auch hier der richtige Weg sich selbst eine stark begrenzte Arbeitsvorgabe im Ablauf der Arbeit vorzuschreiben:

  1. Erfassung aller technischen Details möglichst in einer einzigen Zeichnung (wie oben gezeigt)
  2. Alle Probleme, die von der technischen Gestalt vorgegeben werden, in so viele Teile zu zerlegen, wie es erforderlich ist, um diese leichter lösen zu können.
  3. An den einfachsten Gegenständen beginnen, und damit ein Ordnungsschema zu konzipieren. Von hier aus stufenweise in die komplexeren Strukturen aufsteigen.
  4. Eine vollständige Aufzählung und damit Übersicht zu erstellen und sich damit ein sicheres Gerüst für die Arbeit festzulegen.

Hier der Spieltisch in der Siemensvilla in Berlin beim Abbau der Orgelteile. Wie auch auf der Zeichnung erkennbar, steht der Spieltisch unmittelbar hinter der Windlade des I.Manuals, was Regulierungen an dem Spieltisch so ziemlich unmöglich machen.

hier der Abbau der Relais vom I.Man, wo der Spieltisch stand:

Bei diesem Spieltisch nun, um beim konkreten Gegenstand zu bleiben, stelle ich fest, dass er komplett zerlegt werden muss. Dieses Vorgehen fällt bei diesem hervorragend durchdachten Spieltisch von Walcker recht einfach aus. So kann

  1. die Organola mit ein paar Schrauben komplett vom Spieltisch gelöst werden und eigenständig restauriert werden
  2. Vor irgendwelchen Ausbauarbeiten ist ein Beschriftungsschema für die wiederlösbaren Etiketten zu finden, das einhergeht mit ständiger Bilderfassung beim Ausbau.
  3. Nahezu alle Bleirohrverbindungen können durch Abschrauben der Rohrleitungen gelöst werden (das ist eigentlich nur bei Sauer und Walcker so einfach gelöst)
  4. Alle Keilbälgchen werden mit neuen Bälgchen, die mit Pneumatikleder bezogen sind, ausgetauscht. Dabei ist wichtig, und dies trifft auf alle Bälgchen und Membranen zu die auch in der Orgel ausgetauscht werden müssen, dass der Boden der Bälgchen mit Papier belegt ist und die Bälgchen innen an der Bohrung eine kleine Keilöffnung erhalten, was die Repetition verbessert.

Vor dem Zusammenbau der restaurierten Teile sind alle eigenständigen Relais, wie Melodiekoppel, Basskoppel, die Normal und Sub+Superkoppeln mit einem statischen Winddruck durchgetestet werden. Wir haben hier im Magazinbalg 80mmWS. Die Pneumatik hat also mit recht niedrigem Druck gearbeitet.

Auch das gesamte Pfeifenwerk, das wir bisher überprüft haben, ist sehr zurückhaltend intoniert.

Hier noch zwei Bilder der Organola, eins davon im ausgebauten Zustand:

gwm 13.Feb 21

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Die Walcker-Organola Patentschriften aus 1904

So umstritten die “Organola Selbstspielapparate” ab den 1920er Jahren auch waren, heute rückblickend kann man diese Wunder einer höchst sonderbaren Technik nur noch bestaunen. Und wenn es wie in unserem Auftrag der Fall ist, man Gelegenheit bekommt, solche Maschinen restaurieren zu dürfen, dann wird erstmal alles an Literatur herangezogen was nur geht.
So wurden alle Mittel und Wege ausgeschöpft, um einen detaillierten technischen Einblick zu bekommen. Da waren die beiden Patentschriften, die Walcker 1904 beim “Kaiserlichen Patentamt” einreichte, eine große Hilfe. Es wurden, wie bei allen Patenten üblich, zwei Zeichnungen mitgeliefert, die mehr oder weniger alles erklären, was sich bisher als Rätsel offenbarte.


Wir haben in unserem Archiv rund 30 Rollen für die Selbstspielanlage und die wollen wir natürlich nach der Restaurierung auch ausprobieren.
Hier kann man die Organola-Patentschriften als PDF-Dokument herunterladen.

Schöne Adventszeit wünscht

gerhard@walcker.com

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Vier romantische Walcker-Orgeln in Ostdeutschland

Vier wunderschöne spätromantische Walcker-Orgeln hat uns Christian Schmidt, Bad Düben, in den letzten Tagen zugestellt. Danke! Hier wird eine wirklich großartige Atmosphäre in sächsischen Kirchen geoffenbart. Ein tiefes Eintauchen in die Zeit vor den Weltkriegen weht aus diesen Bildern herüber. Hoffen wir, dass diese herrlichen Kirchen nicht mit Westmethoden aufgehübscht und kommerzialisiert werden.

Der Klang dieser Orgeln muss ungewöhnlich schön sein, wenn die Substanz all dieser Orgeln einmal musikalisch ansprechend dargestellt werden kann.
Das war der Grund die vier Instrumente noch dieses Wochenende in unsere Opusliste zu integrieren.
Hier die Links dazu:

Opus 1617 Göschnitz

Opus 1766 Ebersdorf

Opus 1875 Titschendorf

Opus 1563 Lodersleben

Mein Herz schlägt für den Osten, seitdem ich von diesen (und anderen) schönen Orgeln dort gefangen genommen worden bin.

gwm

 

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Über pneumatische Relais im Orgelbau

gibt es nicht sehr viel Literatur. (Ellerhorst ist ganz gut) Hin und wieder erhalten wir Anfragen die besonders auf schwierige Konstruktionen oder fehlerhafte Behandlungen rückschließen lassen.

 

Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Steuerungen:

  1. das Relais mit positivem Ausgang
  2. das Abschalt-Relais

Hier die Ansicht eines solchen Relais wie 1)           und hier die Schnittskizze dazu

 

Wir sehen, wenn vom Registerschalter oder von der Walze ein Impuls kommt, geht das Ventil auf und der Abgang zum Register in der Orgel wird freigeschaltet.

Bei unserem pneumatischen dreimanualigen Spieltisch haben wir für alle Register ein solches Relais wie unter 1) beschrieben. Es kommt ein pneumatischer Impuls in Form von Winddruck auf eine Membrane, die ein Ventil daraufhin öffnet und damit am Ausgang ein Bleirohr mit Wind füllt, das wiederum auf ein Relais trifft, das mit diesem Winddruck geöffnet wird. Hier kommt oft die Frage auf, warum man denn nicht gleich den ersten Impuls an das zu öffnende Ventil in die Orgel führt.

Die Antwort ist, dass der Winddruck der von den Registertasten über die Kegelventile zum Ausgang am Spieltisch führen würde nicht ausreicht, nach 20-30m Bleirohrlänge diese pneumatischen Ventile noch zu öffnen. Denn im Bereich  der Registertasten liegen versteckt und windraubend verschiedene Rückschlagventile der Festen Kombinationen. Daher hat sich der Erbauer zu dieser Maßnahme entschlossen.

Bei Walcker-Spieltischen (wird weiter unten gezeigt) wären solche Konstruktionen unnötig, da diese Rückschlagventile (Aluminiumplättchen) kaum Wind durchlassen und die gesamte Registerpneumatik wesentlich solider und exakter verarbeitet ist, als die Pneumatik des Erbauers unseres besprochenen Spieltisches.

Bei der Schnittzeichnung finden wir noch ein Rückschlagventil, das verhindern soll, dass z.B. vom Register die Walze eingeschaltet werden soll.

Das Abschaltrelais nach 2) gibt Ausstromeffekte frei, wie sie bei unserer Membranenkoppel erforderlich werden.

Im Ruhezustand ist der Wind ständig eingeschaltet (links), im Aktivmodus hingegen wird Wind abgestellt (rechts).

Ein weiteres ist die Koppelkonstruktion über sogenannte “Membrankoppeln”. Ich zeige hier eine Zeichnung eines solchen Wechselwindrelais und möchte das noch kurz erläutern:

Ist die Koppel ausgeschaltet befindet sich in der Koppelkanzelle Wind (hier haben wir drei hellblau  markierte Kanzellen für die Koppeln Sup I, Sup I/P und I/P). In dem Moment, wo die Koppel eingeschaltet wird, wird der Wind abgestellt und die Membrankoppel kann Wind von der Tontraktur durchlassen. Drücktnman im I.Man den Ton C wird die Membrane gehoben und leitet den Druck weiter zum Ton c des I.Man.

Soweit so gut, das Ganze hat nur einen kleinen Nachteil, dass nämlich das Abschalten des Winddurchlasses bei den Membrankoppeln nicht 100% bei allen Tönen unterbricht, etwas Wind, 10-30mmWS, je nach Winddruck der herangeführten Kondukte, wird man dennoch messen können.

In der Regel macht das nichts aus, weil dieser Druck nicht ausreicht ein Ventil hochzudrücken, aber es hat Nachteile in der Repetition und z.B. bei der Melodiekoppel oder anderen Festen Kombinationen, die mit den Tastenwinddrücken vom I.-III.Manual arbeiten.  Auch hier hat Walcker eine robustere Konstruktion, die dann, wenn mit Koppelbälgchen anstatt mit Membranen gearbeitet wurde, noch viel mehr Sicherheit bietet.

Hier also das Koppelsystem bei Walcker:

 

Und hier noch eine ganze besondere Relaisschaltung, die mir mindestens ein Wochenende erhebliche Nachdenklichkeiten verschafft hat:

Zunächst einmal sei gesagt, dass hier ein erheblicher Teil der Bleirohre durch die Lieferung herausgefallen waren und schon allein dieser Umstand mehr als genug Probleme mit sich brachte. Dann aber war es nicht möglich irgendeine Person aufzufinden, die erklären konnte, wie denn die Melodiekoppel und das Autom. Pedal eingestellt waren. Mal abgesehen von dem Umstand, dass man hier kein frei einstellbares Autom. Pedal erwarten konnte, sondern dass einfach beim II. und beim III.Manual die Registrierung im Pedal reduziert wird.

So ging es also am Ende nur darum herauszufinden, welche Register durch das II. und III.Manual abgeschaltet werden, wenn dieses Autom. Pedal in Funktion ist.

Und hier die Lösung: wenn im I.Man. eine Taste bewegt wird, werden die beiden Möglichkeiten der Ventile 7/8 und 9/10 abgeschaltet. Durch eine raffinierte pneumatische Aktion konnte dieses Ventil das mit 26/27 betätigt werden kann beide genannten Manuale ausschalten.

Also daraus konnte ich schließen, dass die beiden Bleirohre in blau zu Relais Q und O eindeutig zugeordnet werden konnten. Das III.Manual (egal welche Taste gedrückt ist) schaltet über die beiden Ventile links die Tastenimpulse vom I. und II.Manual ab, während das II.Manual Tastenimpulse vom  I.Man. ausschaltet.

Sehr interessant gelöst, mit einer pneumatischen Selbsthalteschaltung, die durch Auslöser wieder gelöst werden konnte.

 

gwm

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Auftrag zur Restaurierung der Walcker-Orgel in Berlin, Siemens-Villa

Vor rund 8 Tagen erhielten wir den Auftrag zur Restaurierung der Walcker-Orgel Opus 1869, Baujahr 1916, mit 25 Register auf zwei Manualen und Pedal.

Das Instrument besteht aus pneumatisch angesteuerten Kegelladen in der Hauptorgel, im I. und II.Manual sowie im Pedal. Dazu wurde ein Fernwerk mit elektropneumatischen Hängebalgladen ein Stockwerk höher integriert. Dort befindet sich eine mit extra Schwell-Gehäuse umhüllte Vox humana. Im Hauptwerk haben wir ein Glockenspiel als Beiwerk.

Am Spieltisch gibt es eine Organola, ein Selbstspielapparat, der mit Papierrollen gefüttert werden will. Wir haben über 32 Rollen für diesen Apparat in unserem Archiv und sind schon eifrig am Studieren und überlegen uns schon mal die Registrierung vom Vorspiel zum “Parsifal”. Ich denke, es war gang und gebe, dass der Hausherr bei einer Conversation ab und zu mal eine Rolle in den Spieltisch einlegte, wie es weiland Jahre später beim “kultischen” Auflegen einer Schallplatte geschah.

Die Siemens-Villa in Berlin-Steglitz beherbergt heute zwei private Hochschulen.  Es herrscht also reger Personenverkehr um das Instrument herum.

Die Orgel, sie steht direkt im Musikzimmer neben dem Haupteingang im Untergeschoss, fand sowohl beim Erbauer der Villa Friedrich Christian Correns (Varta) großen Anklang, wie auch bei dem späteren Besitzer Werner F. Siemens (Siemens & Halske AG)

Werner F. Siemens war ein großer Orgelliebhaber, der in den 1920er Jahren neben der Villa einen großen Musiksaal bauen ließ. Dort wurde eine der größten Wurlitzer-Orgeln Deutschlands eingebaut, die heute, nach einer Restaurierung von Walcker 1981-83, im Musikinstrumentenmuseum Berlin, nahe Potsdamer Platz, den Besuchern frei zur Besichtigung steht. Eine unheimlich interessante Begegnungsstätte, die ich nur empfehlen kann. Es gibt dort drei größere Orgeln und eine Masse an anderen Tasten- und Saiteninstrumenten.

Wir werden noch in diesem Jahr den Ausbau der Walcker-Orgel vornehmen. um dann gegen Ende 2022 den Wiedereinbau vornehmen zu können. Sowohl die hier eingesetzte “Pneumatik” wie die sehr frühe “Elektrik” haben ihre Spezialitäten und werden manches Kopfzerbrechen auslösen.

Sicher werden wir hier auf unseren Blogs regelmäßig darüber berichten.

 

(gerhard@walcker.com)

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Der Begriff der Orgel

Wir Deutschen wissen spätestens seit Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dass die Einstiegsdroge in die Kommunikation der “Begriff” ist. Wer ihn nicht kennt, hat Pech gehabt, ähnlich dem Verkehrsteilnehmer, der die Bedeutung des Vorfahrtschildes nicht kannte und munter drauf los fuhr.

Mein stiller Begleiter in Sachen “Orgelbegriff” war bisher in meiner rund 54jährigen Orgelbauerlaufbahn das A5-Büchlein des Carl Elis “Orgelwörterbuch”, das in der E.F.Walcker & Co. Bücherei in Ludwigsburg die Numero 173 trug.

Schön und unaufgeregt an Elis’ Büchlein ist, man findet immer was man sucht und es fließt  eine klare Sprache,  die den gesuchten Begriff deutlich benennen kann.

Ganz anders als in sprachlichen Ungetümen wie Locher, Töpfer, Ellerhorst oder gar Karl Lehrs monsterdeutsch verfasstes Buch “Die moderne Orgel” aus 1912. Leute.., zu dieser Zeit hatte Thomas Mann die feine Feder bereits gespitzt und Georg Trakls Gedicht “Grodek” stand davor den deutschen Expressionismus in den Bann zu schlagen. Da also würgten noch deutsche Organisten und Orgelbauer an ihren Zungen, als ob ein Stück Rindfleisch an ihren Gaumen kleben würde.

Auf Mahrenholz möchte ich nicht detaillierter eingehen, das ist “Oberlehrerdeutsch” mit ausgestrecktem Zeigefinger, von der Kanzel die Gebote herunterbrüllen zur geneigten Aufmerksamkeit. Ein unmöglicher, barbarischer Stil, den manche unserer Sachverständigen sich zu eigen gemacht haben, was dem Orgelbau gewaltig geschadet hat. Es gibt einfach Menschen, die noch nichts von der Dynamik des Deutschen Idealismus gehört haben und die immer noch glauben die Dogmatik des Mittelalters sei ja gar nicht so übel gewesen.

Leider konnte ich  keine orgellexikalische Literatur der vergangenen 8o Jahre finden, die sich mit den Gewohnheiten der Spätromantik und ihren Spielhilfen beschäftigt.

Im “Lexikon der Orgel”, ein aufgeblasenes Ungetüm von Hermann Busch und Matthias Geuting, war nicht einmal “Automatische Pedalumschaltung” zu finden. Die “Melodiekoppel” fand keinen eigenen Beitrag, dafür wurde sie unter “Koppeln” gelistet. Es wird ausgiebig über Komponisten im ” Lexikon der Orgel” schwadroniert, was ich leichter und umfassender im “MGG – Die Musik in Geschichte und Gegenwart” zu finden weiß, und zwar in der Ausgabe der Digitalen Bibliothek, wo man heute für ein paar Euro vierzehn prall gefüllte Bände auf den Computer ziehen kann. (Jeder Artikel, jeder Band kann sogar als PDF generiert werden und in die eigene Bibliothek leicht und gut integriert werden.

Da nun mein gegenständliches “Elis- Orgelwörter-Büchlein” so richtig zersaust daher kommt, habe ich diese Schrift digitalisiert und stelle sie hier zum Download als PDF zur Verfügung, was ganz gut auch zum Ausdruck taugt: https://1drv.ms/b/s!Aq53TTjRsRgFgecV0qc3m2a_chj5cg?e=2uHqch .

Hier eine gedruckte Doppelseite, wie sie in dem PDF aufgemacht sind.

Zum Abschluss noch eine kleine Geschichte, die zeigen soll, dass der “Begriff der Orgel” keinesfalls ein schwerfälliger Geistesbegriff sein soll, der nur den wenigen Schreibtischtätern als geistiger Zierrat zu dienen habe. Sondern, es ist und bleibt kein Geheimnis, dass in den Begriffen des Handwerks bereits die Lösungen bei einer Problemsuche enthalten sind. Insofern haben wir tatsächlich eine Form der Dialektik in unserem Gewerbe vorliegen, mit der auf Lösungssuche gegangen werden kann, bevor wir mit Schraubendreher und Bohrmaschine am Werkstück erscheinen.

Vor einigen Jahren bei einer Orgelbauer-Sachverständigen Tagung trat ein Orgelbauer, Inhaber eines größeren Unternehmens auf mich zu mit der Frage, ob man, die bei einigen pneumatischen Orgeln anzutreffenden mit Löchern versehenen Bleirohre korrigieren muss, oder ob das sogar als grober Pfusch markiert werden sollte. Er selbst hatte mit seinem Unternehmen noch keine hinreichende Erfahrung mit pneumatischen Orgeln sammeln können, diese Fragen traten hin und wieder bei Wartungen an solchen Instrumenten bei ihm auf.

Nun sind das natürlich Erscheinungen, die von Fall zu Fall geprüft werden sollten, aber es gibt auch eindeutige Hinweise in Form von Zeichnungen oder hier im “Elis-Orgelwörterbuch”, die allerdings in gedanklichen Zusammenhang gebracht werden müssen.

Ich zitiere zunächst das Orgelwörterbuch:

Ausgleichsloch. Ein in der Zuführung zu pneumatischen Bälgchen oder Membranen angebrachtes kleines Loch, das die schnelle Entleerung des Bälgchens oder der Membran sichern soll. Sehr häufig ist in die Ausgleichsbohrung noch eine Regulierungsschraube eingesetzt, sodass sich die Schnelligkeit, mit der das Bälgchen oder die Membran zusammenfällt genau abstimmen lässt.

Hier nun weitere Erkenntnisse aus anderen Objekten:

Auf Zeichnungen der Firma Walcker, besonders bei mit Organola bestückten Salonorgeln,  fand ich solche Einrichtungen, wo Ausgleichsbohrungen mit Schrauben reguliert werden können.

Bei einem anderen Orgelbauer in Thüringen waren diese systematisch über das ganze Klavier angebracht.

Nun also zurück zur Frage, ob man Bohrungen in Bleirohre zur Entlastung anbringen darf, wenn die Repetition leidet oder andere Beeinträchtigungen zu finden sind. Da wäre zunächst zu prüfen, ob der Winddruck nicht überhöht ist ( wir haben schon Winddrücke über 150mmWS in “normalen” pneumatischen Steuerungen gemessen, was völlig überhöht ist und mit solchen Maßnahmen nicht zufriedenstellend geklärt werden kann).

Also setzen wir voraus, dass ein gebräuchlicher Winddruck im pneumatischen System von 90-110mmWS vorliegt und keine überlangen Bleirohre von 20-30m betroffen sind, hier nun alle Maßnahmen ausgeschöpft sind, ohne das Problem zu lösen, dann bohren sie doch ein Loch von 1mm ins Bleirohr zu Testzwecken. Und wenn das erfolgreich ist, ohne Nebeneffekt, dann ja, dann geht das.

 

Zu hoher Winddruck malträtiert das Ledersystem. Hinzu kommt, dass wir bis zum I.WK Leder mit Biogerbung im Orgelbau hatten, heute wird chemisch gegerbt, was bei Ausstromsystemen wie Taschen-Hängebalgladen nur noch Lebenszeiten von 30-40 Jahren bereitstellt.

Peter Dohne/Sauer meinte in der Schrift “Die Restaurierung der Berliner Domorgel und Fragen der Instandsetzung pneumatischer Instrumente” das hier am Berliner Spieltisch der Winddruck lt. Kostenanschlag auf 115mmWS festgelegt war, aber während der technischen Montage 1904 auf 135mmWS (Paul Walcker) festgelegt wurde. Bei ihrer Restaurierung in 1985-1990 habe man den Winddruck auf 90mmWS gesenkt mit dem Ergebnis, dass die pneum. Relais präziser gearbeitet haben als zuvor. Der Grund war schlicht und einfach der, dass das Ausstromsystem mit dem Pfeifenwinddruck harmonieren muss. 135mm Systemdruck  gegen 90mm Pfeifenwinddruck, das funktioniert nicht. Außerdem vertritt Dohne den Standpunkt, dass für Membranen und Bälgchen kein gespaltenes Leder verwendet werden soll.

have a nice summer ….

gwm

Anmerkung v. 22.06.21

Die Überschrift “Der Begriff der Orgel” stellt eine kleine Provokation dar: es handelt sich um einen der leersten, nichtssagende Begriff überhaupt, der an Allgemeinheit kaum mehr zu übertreffen ist. Ja, dieser Begriff unterscheidet noch nicht einmal  zwischen dem “Naturtoninstrument” und der “elektronisch synthetisierten” Nachahmung der Orgel.

Aber den Finger auf die Wunde legen, war mir einen Versuch wert. Denn als Orgelbauer ist man manchmal schon erstaunt, wie leger in manchen Schriften über Begriffe des Orgelbaus schwadroniert wird. Andererseits gibt es sehr differenzierte Begriffe aus dem 19.JH und dem beginnenden 20.JH., die heutzutage kaum unter Orgelbauer bekannt sind, die aber für Gestaltung und Fehlerfindung reichhaltige Hinweise geben können. Deswegen dieser kleine Exkurs ins “Begriffliche” des Orgelbaus. gwm

 

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Neuigkeiten im Jahr der Orgel (2021)

  1. Die Walcker-Orgel (hier im zeitgemäßen Comic-Format) in Essen-Werden aus dem Jahr 1900 soll Orgel des Jahres werden.
  2. Wir haben 4 legendäre eingemottete Internetseiten aus 2003-2008 wieder zugängig gemacht:
    1. SpieltischeWeb (romantische Entwicklung der Spieltische in Deutschland aber auch anderen Ländern)
    2. Aeoline.de (Bauformen und Soundfiles v div Orgelpfeifen) nahezu alle romantischen Orgelpfeifen werden in Bild- und Klangform vorgestellt
    3. EF-Walcker.de ….die Seite des Meister Eberhard Friedrich Walcker, der bedeutende Orgelbauer aus unserer Familie…
    4. Bunkorgel-Reinoldi (über die Dortmund Reinoldi Walcker-Orgel)

Diese Seiten erlauben etwas tiefer in die Klänge und Ideen der Walcker-Orgeln einzutauchen.

g

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