zu Murrhardt eine Stellungnahme von Burkhart Goethe

Vor zwei Wochen erhielt ich, ganz überraschend,  eine Email vom zuständigen Sachverständigen, die ich hier ungekürzt und unkommentiert zeigen möchte. Anlass zu diesem Schreiben war wohl mein Artikel dazu.

Sehr geehrter Herr Walcker-Meyer,

bezugnehmend auf Ihren Kommentar »Murrhardt und die sieben Schwaben« in Ihrer homepage bitte ich Sie, folgende Punkte zur Kenntnis zu nehmen:

  1. Im Gegensatz zu meinem Amtsvorgänger Bornefeld habe ich während der letzten 36 Dienstjahre und bei rd. 560 Orgelberatungen niemals versucht, einer Kirchengemeinde im Falle eines Neubaues meinen Prospektentwurf zu oktroyieren, es sei denn, sie hat mich ausdrücklich darum gebeten. So auch nicht in Murrhardt, wo der Entwurf für das neue Instrument einzig und allein von Orgelbau Mühleisen stammt.
  2. Bei der Planung einer neuen Orgel für Murrhardt habe ich anfangs durchaus den Versuch unternommen, die Gemeinde zur Erhaltung des Bornefeld-Prospektes (und auch großer Teile des Klangbestandes) zu bewegen. Leider konnte ich mich nicht gegen den örtlichen Kirchenmusiker und einen mir noch heute völlig unbekannten Stifter durchsetzen. Auch meine Empfehlung, das Instrument mit Blick auf die Raumgröße auf maximal 35 Register zu beschränken, blieb ungehört. Diese Empfehlung hatte übrigens auch der mitbietende Claudius Winterhalter ausgesprochen.
  3. Anläßlich einer Gemeindeversammlung im April 2015 zeigte sich, daß ein großer Teil der Gemeindemitglieder seit Bau des Walcker/Bornefeld-Instrumentes 1976/77 sich ganz offensichtlich nie mit der Prospektgestaltung und hier vor allem den Holzpfeifen anfreunden konnte. Dies hat mich selbst überrascht.
  4. Von den 91 durch Bornefeld gestalteten Orgeln wurden 2002 für den Bereich der württ. Landeskirche nach einer flächendeckenden Bestandsaufnahme im Einvernehmen zwischen der »Heidenheimer Stiftung« und dem Evang. Oberkirchenrat 30 Instrumente zum Eintrag als Kulturdenkmal vorgeschlagen. Die Murrhardter Orgel wurde in diese Liste nicht aufgenommen, weil sie zu dieser Zeit bereits durch Kreisz ganz erheblich verändert worden war. Diese Veränderungen 1996, 2000 und 2001 fielen nicht in meine Mitverantwortung, da Murrhardt erst seit 2002 zu meinen Dienstbereichen gehört.
  5. Fatalerweise kam es beim damaligen Landesdenkmalamt BW jedoch nie zu einem Eintrag der genannten 30 Orgeln als Kulturdenkmale. Fast die Hälfte, nämlich 14 der Instrumente auf dieser Liste stehen in den von mir zu betreuenden Kirchenbezirken. Und 13 von diesem Instrumenten wurden zwischen 1985 und 2018 trotz fehlenden Denkmalschutzes und nicht selten gegen vehemente Änderungswünsche der Organisten/Innen durch rein konservative Maßnahmen (Hauptausreinigung/techn.Instandsetzung/Schimmel- und Anobienbehand-lung) instand gehalten, ohne daß irgendwelche Veränderungen an Gehäusen und Klangaussagen erfolgt wären. Die jüngste Maßnahme dieser Art erfolgte erst im April 2018 an der Walcker/Bornefeld-Orgel (op. 3172, Bj. 1953, II/12 mS) in der Evang. Matthäuskirche SHA-Hessental durch OBM Michael Mauch.
  6. Insgesamt wurden für die Erhaltung dieser 13 Orgeln (ohne lfd. jährliche Warungskosten) zwischen 1985 und 2018 umgerechnet 370.133,07 € ausgegeben. Das mag gering klingen, ist aber für die armen Hohenloher Kirchengemeinden eine Menge Geld.
  7. Bei op.3801 (Westorgel Stadtkirche Schorndorf, 1961, III/45) lag die Sache anders: Hier waren nach heftigem Herumgehüpfe während eines Pop-Konzertes die Widerlager in den Emporentreppungen so verrutscht, daß Empore und Orgel statisch stark gefährdet waren. Die Empore wurde gesperrt und Lenter sicherte das Instrument durch Absprießungen entsprechend ab. Dann wurde die Kirche komplett innenrenoviert und die Orgel –wie so oft- entgegen dem Rat des OSV unzureichend verpackt. Es gab enorme Staubschäden.

Überdies hatte die elektrische Schwachstromanlage signifikante Sicherheitsmängel und die Trakturen waren erneuerungsbedürftig. Aus diesem Grunde wurde eine technische Sanierung ausgeschrieben und Fa. Mühleisen erhielt den Zuschlag. Sowohl der Prospekt (Entwurf Architekt Heim/Stuttgart), als auch der gesamte Klangbestand blieben bis auf die Teilung von zwei gemischten Aliquotstimmen unverändert erhalten. Für die Nachintonation haben wir KMD Jürgen Schwab aus Stuttgart als einen der profundesten Kenner Bornfeldscher Klangintention beratend hinzugezogen. Die gesamte Maßnahme kostete 418.000 €. Trotz des gewünschtes Einbaues einer Setzeranlage (mit dualer Beibehaltung der freien Kombinationen) blieb die Bornefeld’schen Gestaltung auch des   Spieltisches unverändert. Die Chororgel (Link/Bornefeld) wurde ein Jahr später ebenfalls überholt und bekam neue Registerzugmagnete. Auch sie blieb klanglich völlig unverändert.

Zusammenfassend kann ich sagen, daß ich nicht zu den (sieben) Schwaben gehöre, sondern aus Norddeutschland stamme, wo ich eine fundierte, 6 ½ jährige Ausbildung als Schreiner, Orgelbauer und Pfeifenmacher erhielt. Daher zähle ich mich auch nicht zu den Künstlern, ob zweit- oder drittklassig. Und im Hinblick auf die Erhaltung des Bornefeld’schen Erbes habe ich mir nichts vorzuwerfen. In der Ablage noch ein Beispiel für Goethes »eklektizistische Prospektgestaltung«.

Mit freundlichen Grüßen

Burkhart Goethe

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