{"id":850,"date":"2019-09-10T07:14:57","date_gmt":"2019-09-10T07:14:57","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.walcker.com\/?p=850"},"modified":"2019-09-10T07:28:09","modified_gmt":"2019-09-10T07:28:09","slug":"orgel-spieltechniken-kuechler-blessing-versus-gwm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.walcker.com\/?p=850","title":{"rendered":"Orgel-Spieltechniken, K\u00fcchler-Blessing versus gwm"},"content":{"rendered":"<p>Sehr geehrter Herr Walcker-Mayer,<\/p>\n<p>Sie schreiben in einem Ihrer Artikel, dass s\u00e4mtliche von Ihnen befragten Organisten (u.a. Heinz Wunderlich) die Frage, ob man als Spieler das besondere Anspracheverhalten einer mechanischen Kegellade musikalisch f\u00fcr unterschiedliche Klangwirkungen nutzen k\u00f6nne, verneinten. Im selben Artikel beschreiben Sie kurz zuvor, dass die Tonventile bei einer Schleiflade durch den Winddruck &#8222;aufgerissen&#8220; werden (und deswegen eine vergleichbar breite Gestaltungspalette gar nicht erst erm\u00f6glichen). Aus meiner Erfahrung muss ich Ihnen (und \u2013\u00a0im ersten Punkt \u2013\u00a0damit leider auch den vielen ungenannten Kollegen) widersprechen: es gibt durchaus Spieltechniken, mit denen sich in geradezu erstaunlichem Ma\u00dfe der Klang hinsichtlich seiner An- und Absprache modifizieren l\u00e4sst. Freilich ist da dann geboten, das an vielen Stellen gelehrte und zu beobachtende &#8222;Rundstellen&#8220; der Finger bzw. ein Spielen aus den Fingergelenken und damit ein Musizieren mit dem kleinsten &#8222;Federweg&#8220; zu vergessen und eher zu einem Musizieren zuzuneigen, mit dem man \u00fcber unterschiedlichste &#8222;Transmissionen&#8220; arbeitet (je nach dem und immer flexibel: mal tats\u00e4chlich aus dem Fingergelenk, mal aber auch mit gestreckten Fingern, ganz sensibel auf den Wind- und Federdruck achtend, mal \u00fcber das Handgelenk, mal \u00fcber den Unterarm bis hin zum vollen Gewicht aus dem R\u00fccken&#8230; und das immer und in s\u00e4mtlichen Abstufungen). Das funktioniert an mechanischen Kegelladen hervorragend, l\u00e4sst aber auch geradezu frappierende Klangerlebnisse an \u2013 gut in Mechanik und Intonation ausgestalteten \u2013 mechanischen Schleifladen zu: praktisch seit Beginn meiner T\u00e4tigkeit am Essener Dom ist mir eine gro\u00dfe Freude, Laien und Fachleute zu \u00fcberraschen mit dem gro\u00dfen Ausdrucksreichtum, den ein und dieselbe Registrierung (im Blindtest!) erm\u00f6glicht \u2013\u00a0einfach nur ausgehend von unterschiedlicher Anschlagsqualit\u00e4t. Regelm\u00e4\u00dfig zeigen dabei im Rahmen des internationalen Orgelzyklus&#8216; am Essener Dom Organisten wie L\u00e1szl\u00f3 Fassang, Nathan Laube, Thomas Ospital und Daniel Beckmann (und viele, viele mehr \u2013\u00a0ganz bewusst verzichte ich hier auf die Nennung fr\u00fcherer Lehrer), dass solcherlei erw\u00e4hnte Spieltechnik mitnichten irgendwelche quasi-unseri\u00f6se Suggestion ist, sondern schlicht einfach nur: gutes Orgelspiel. Gerne lade ich einmal nach Essen ein, um da entsprechendes aufzuzeigen und zur Diskussion zu stellen. (Dass sich mit einer solchen Spieltechnik \u00fcbrigens auch das Schwellwerk der Rieger-Walcker in Trossingen durchaus souver\u00e4n hat beherrschen lassen, sei nur am Rande erw\u00e4hnt. Roland Eberlein agiert da sehr unprofessionell, wenn er Bossert in einem derart zentralen Punkt angeht, ohne den um seine Meinung zu fragen.) Mit besten Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>Sebastian K\u00fcchler-Blessing<\/p>\n<p>Domorganist zu Essen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr K\u00fcchler-Blessing,<\/p>\n<p>Haben Sie besten Dank f\u00fcr Ihre hochinteressanten Ausf\u00fchrungen \u00fcber Spieltechniken an Kegel-und Schleifladenorgeln, die f\u00fcr mich sehr lehrreich sind.<\/p>\n<p>Ich denke, dass Sie in der Schilderung dieser Spieltechniken eine fantastische Art die Orgel zu spielen propagieren, die mich \u00fcberzeugt haben, dass wir es einfach mit v\u00f6llig unterschiedlichen Perspektiven der Organisten zu tun haben. So war Wunderlich eher ein\u00a0 Vertreter einer modernen Spielweise, der einfach von der Orgel erwartete, dass diese m\u00f6glichst seine klanglichen Vorstellungen vollst\u00e4ndig beinhaltet. Das Wichtigste f\u00fcr ihn war bei der Interpretation von Reger eine gut abgestimmte Crescendowalze. Die Idee, dass er mit seinem Spiel an einer Kegellade den Klang modifizieren k\u00f6nne, war ihm v\u00f6llig fremd. Weswegen er den\u00a0 Vorschlag machte im Berliner Dom die Pneumatik gegen elektrische Steuerung zu ersetzen. Er \u00fcbte ja auch ganz intensiv noch im neuzigsten Jahr an seiner elektrisch gesteuerten Hausorgel. W\u00e4hrend nun die neuen Generationen, vielleicht kann man diese die postmodernen Interpreten nennen, am menschlichen K\u00f6rper geschaffene Strukturen in den Interpretationsprozess einbringen, was sicher v\u00f6llig neue Muster des Orgelspiels offenbaren wird. Es ist aber auch m\u00f6glich, dass es sich um singul\u00e4re Perspektiven handelt, die zwar der Interpret bewusst wahrnimmt, aber der Zuh\u00f6rer sich verweigert. Insbesondere wenn weitere Filter, wie die der digitalen Beschneidung tiefer ins Geschehen greifen.<\/p>\n<p>Ich habe gestern ein Buch zur Seite gelegt, indem eine meiner stillsten Vermutungen laut und deutlich ge\u00e4u\u00dfert wurde: &#8222;Es gibt keine Realit\u00e4t, au\u00dfer die, welche wir in uns selbst schaffen. Wir erzeugen die Realit\u00e4t der Dinge, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten. Unsere Realit\u00e4t existiert nur in der Wahrnehmung.&#8220; Alles dies von Quantenphysikern seit Jahrzehnten ge\u00e4u\u00dfert, und die damit gewisserma\u00dfen eine Selbstaufhebung ihrer Disziplin bewirken. Denn damit wird gesagt, der Grad der Objektivit\u00e4t ist unendlich schmal. Ob wir Objektivit\u00e4t in der Kunst je finden, das k\u00f6nnte n\u00e4chtelange Diskussionen hervorrufen.<\/p>\n<p>Was ich damit sagen will, ist, Sie interpretieren nicht nur die Musik vergangener Kompositionen sondern Sie interpretieren auch Ihre Interpretation, zum Beispiel nach einem Konzert. Ihr als K\u00fcnstler gefundener Weg, die Orgel wesensgerecht zu spielen, bleibt eben auch eine Perspektive. Vielleicht begeistert sie viele junge Organisten, was zu w\u00fcnschen w\u00e4re, dadurch ist aber die andere Perspektive, die der dynamischen Klanggestaltung durch Tastenschlagen kein Interesse entgegenbringt, nicht die Welt des k\u00fcnstlerischen Orgelspiels versperrt. Denn in der Folge w\u00fcrde ja in der Tat Ihre Sicht der Dinge beweisen, dass elektrischen Trakturen den tiefsten Dimensionen k\u00fcnstlerischer Interpretationen kein Zugang gew\u00e4hrt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es gab und gibt ja genug bekannte Organisten, die gar keine Kenntnis von mechanischen Orgeln hatten, und trotzdem haben diese gro\u00dfe Bekanntheit erlangt.<\/p>\n<p>Dennoch muss ich sagen, finde ich Ihren Beitrag ganz toll, weil er gewisserma\u00dfen der heutigen Welt der Technik den menschlichen K\u00f6rper entgegen h\u00e4lt und sagt: da ist noch viel mehr!<\/p>\n<p>Danke und besten Gru\u00df,<\/p>\n<p>Gerhard Walcker-Mayer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrter Herr Walcker-Mayer, Sie schreiben in einem Ihrer Artikel, dass s\u00e4mtliche von Ihnen befragten Organisten (u.a. 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