{"id":412,"date":"2018-05-20T10:43:12","date_gmt":"2018-05-20T10:43:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.walcker.com\/?p=412"},"modified":"2018-09-29T23:39:13","modified_gmt":"2018-09-29T23:39:13","slug":"orgel-mathematik-phaenomenologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.walcker.com\/?p=412","title":{"rendered":"Orgel &#8211; Mathematik &#8211; Ph\u00e4nomenologie"},"content":{"rendered":"<p>Im letzten &#8222;Ars Organi&#8220;, dem Hochglanzorgan der ausgeklungenen Orgelbewegung, fand ich einen Diskussionsbeitrag, der mich wieder auf die Wurzeln dieser scheinbaren &#8222;Bewegung&#8220; zur\u00fcck f\u00fchrte.<br \/>\nEs geht um eine Buchbesprechung &#8222;Karlheinz Sch\u00fcffler &#8211; Phytagoras, der Quintenwolf und das Komma&#8220;, die vom Autor, einem Mathematikprofessor, als total daneben qualifiziert wurde.<br \/>\nDie Art und Weise der Argumentationen, damals in den 20er Jahren (Freiburger Orgeltagung 1926, kurios, aber nachvollziehbar, dass ein Jahr sp\u00e4ter &#8222;Sein und Zeit&#8220; von Heidegger erschien), waren \u00e4hnlich gestrickt, wie uns das heute nach \u00fcber 90 Jahren wieder serviert wird.<br \/>\nZun\u00e4chst einmal bin ich pers\u00f6nlich der Auffassung: einen Quintenwolf erkl\u00e4rt man nicht mit Zahlen sondern man f\u00fchrt ihn per Pfeifen- oder Saitenstimmung vor und l\u00e4sst dann die Zuh\u00f6rer entscheiden, welche Schl\u00fcsse daraus zu ziehen sind. So \u00fcbrigens w\u00e4re mit allen zur Diskussion stehenden Stimmungen zu verfahren. Wer die Feinheiten einer Kellnerschen Bachstimmung en detail geh\u00f6rt hat, der braucht keine mathematischen Belehrungen. Wenn das Interesse weiter greift, w\u00e4re angebracht die praktische Realisierung durch die entsprechende Intervallstimmung zu erfahren. Tabellen, Computer, mathematische Konstruktionen w\u00e4ren dazu nicht erforderlich.<br \/>\nDer mathematische Schleier vor der Musik und dem Musikinstrument verunm\u00f6glicht uns eher in eine peinliche Abstraktion abzugleiten, die das Musizieren in ein Theoretisieren verunglimpft, das uns gerade den lebendigen Zugang zu dieser Musik verwehrt. (Nietzsche nannte diesen Zustand <em>die innerliche Bildung f\u00fcr \u00e4u\u00dferliche Barbaren<\/em>).<br \/>\nDie Mathematik, \u00fcbrigens eine Wissenschaft, die keiner allgemein g\u00fcltigen Definition unterliegt, die von den beiden Herren Billeter und Sch\u00fcffler in ihrer Auseinandersetzung beschworen wird, erscheint mir, nach \u00fcber 50 j\u00e4hriger T\u00e4tigkeit im Orgelbau, als ein Monstrum, das den wirklichen, ph\u00e4nomenologischen Zugang zur lebendigen Orgel und ihrer Musik nicht nur blockiert, sondern verweigernd auf Geleise schickt, die dem urspr\u00fcnglichen Gedanken von Musikentfaltung, sei er klassischer oder romantischer Natur, v\u00f6llig entstellt. Man denke sich nur Mendelssohn oder Liszt mit einem Stapel Exceltabellen die Vektorrechnungen der Eulerschen Tongitter und ihren Temperaturvorg\u00e4ngen studieren.<br \/>\nWenn Katheder und Computer auf den Orgelbau einwirken wollen, ohne R\u00fccksichtnahme, dass das Ma\u00df an Technik und Wissenschaft ein begrenztes sein muss, weil lebendige Leidenschaft und Kreativit\u00e4t darunter verschwinden, dann wird am Ende ein Konzert in Form einer Diskussion aufgel\u00f6st, ohne, dass eine einzige Note gespielt werden muss. Das w\u00e4re in der Tat eine echte moderne Projektion, die zudem kritische Kreation hervorbringen w\u00fcrde.<br \/>\nAls Lehrling hatte ich das Gl\u00fcck, von einem Meister mit einer seltsamen Empfehlung in den Orgelbau eingef\u00fchrt zu werden. Erst Jahre sp\u00e4ter habe ich begriffen was er damit eigentlich sagen wollte:<br \/>\n<i>Wer eine Orgel verstehen will, der sollte alle B\u00fccher zur Seite legen und sollte es sich im Untergeh\u00e4use dieser Orgel bequem machen, um dort einen Tag zu sitzen, zu staunen, zu riechen, zu tasten und ganz langsam dabei zu erfahren, was dieses &#8222;organum&#8220; zu sagen hat. Nahe an den Dingen bleiben, auch mal rechnen und Geometrie betreiben, aber die Dinge auf sich zukommen lassen, Zeit und Geduld anstatt Technik investieren.<br \/>\n<\/i>W\u00e4re der Orgelbau auf dieser technischen Stufe stehen geblieben, wohl Mitte des 19.Jahrhunderts, er w\u00fcrde heute noch Feste der Freude und Begeisterung ausl\u00f6sen.<br \/>\nHeute jedoch, wo der Intonateur mehr in sein Smartphone als ins Pfeifenwerk klotzt, noch den Professor dazwischen bl\u00f6cken zu h\u00f6ren, das w\u00e4re des Satyrspiels schon zuviel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im letzten &#8222;Ars Organi&#8220;, dem Hochglanzorgan der ausgeklungenen Orgelbewegung, fand ich einen Diskussionsbeitrag, der mich wieder auf die Wurzeln dieser scheinbaren &#8222;Bewegung&#8220; zur\u00fcck f\u00fchrte. 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