{"id":338,"date":"2017-12-23T15:06:34","date_gmt":"2017-12-23T15:06:34","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.walcker.com\/?p=338"},"modified":"2018-09-29T23:43:30","modified_gmt":"2018-09-29T23:43:30","slug":"die-orgel-fetisch-zur-weihnachtsfeier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.walcker.com\/?p=338","title":{"rendered":"Die Orgel, Fetisch zur Weihnachtsfeier"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder wenn man gen\u00f6tigt wird in Zeitungen \u00fcber sein Fachgebiet lesen zu m\u00fcssen, ergreift einem die blanke Wut \u00fcber Dummheiten, die dort laut verk\u00fcndet werden. So wird vor Weihnachten gerne das Terrain &#8222;Orgelmusik &amp; Orgelbau&#8220; von unserer Oberfl\u00e4chenjournaille aufgegriffen und vergewaltigt, ohne dass sich der geringstm\u00f6gliche Tiefstand bei\u00a0 solchen Recherchen zeigt. Alles l\u00f6st sich da in Nebel und Geschwafel auf. Zuletzt gesehen bei der S\u00fcddeutschen Zeitung, die in Ihrer vergangenen Freitagausgabe bereits in den Schlagzeilen f\u00fcr Verwunderung sorgte.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"339\" data-permalink=\"https:\/\/blog.walcker.com\/?attachment_id=339\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_3853.jpg?fit=2339%2C1534&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"2339,1534\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"IMG_3853\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_3853.jpg?fit=300%2C197&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_3853.jpg?fit=640%2C420&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_3853.jpg?resize=640%2C420\" class=\"alignnone size-full wp-image-339\" height=\"420\" alt=\"\" width=\"640\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_3853.jpg?w=2339&amp;ssl=1 2339w, https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_3853.jpg?resize=300%2C197&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_3853.jpg?resize=768%2C504&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_3853.jpg?resize=1024%2C672&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_3853.jpg?w=1280&amp;ssl=1 1280w, https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_3853.jpg?w=1920&amp;ssl=1 1920w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Wir lesen da: &#8222;Orgeln wie die von Johann Fux in F\u00fcrstenfeld z\u00e4hlen jetzt zum &#8222;Immateriellen Kulturerbe&#8220;. Klar, dass ein Idiot, um im Wortspiel von Herrn Prantl zu bleiben, das Wesen der von der UNESCO vergebenen Auszeichnung nie und nimmer verstanden hat.<\/p>\n<p>Ich will gar nicht so weit ausholen und den platonischen Unterschied zwischen Idee und Objekt oder Materie bem\u00fchen, aber es muss doch klar sein, dass das Brauchtum des deutschen Orgelbaus und die dazugeh\u00f6rige Orgelmusik ausgezeichnet wurden und nicht wie man dem Zeitungsleser mit Bildern und lauten Begriffen klar machen will, es handle sich um fassbare Gegenst\u00e4nde oder gar bestimmte Orgelwerke oder Orgelbaufirmen.<\/p>\n<p>Auch der zweite Artikel, bei dem der Organist Michael Hartmann mit zweifelhaften Daten in der Orgelhistorie herumstochert, die Orgel sei von Byzanz nach Europa gekommen, stimmt uns \u00e4rgerlich. Zwar wurde das Byzantinische Reich <em>(etwa 650 v.Chr.-330 n.Chr)<\/em> in der Geschichtsschreibung ganz allgemein als &#8222;Byzanz&#8220; bezeichnet <em>(also nicht nur die Stadt Byzanz, die dann ab 330 Konstantinopel genannt wurde und heute Istanbul hei\u00dft, sondern das Byzantinische Reich hatte um 1025 seine Ausdehnung bis \u00d6sterreich, war also in Europa angekommen)<\/em>.<\/p>\n<p>Die Orgel aber stammt aus der griechischen Antike<em> (und Griechenland war lange Zeit durch Byzanz absorbiert worden)<\/em>, auch wenn man sich darauf geeinigt hat , dass Ktesibios aus Alexandria <em>(\u00c4gypten)<\/em> die Orgel, wie wir sie heute definieren, im Jahr 246 v. Chr. erfunden hat. Denn Ktesibios war ein griechischer Techniker, was wir heute eher mit k\u00fcnstlerischem Handwerker \u00fcbersetzen sollten. Au\u00dferdem ist bekannt, dass in der griechischen Antike die Orgel <em>(als hydraulos= Wasser-Aulos)<\/em> sehr oft genannt wurde. Vitruv\u00a0 <em>(ein r\u00f6mischer Gelehrter um 100 v.Chr.)<\/em> und Heron haben erste genauere Skizzen zu diesem Instrument geliefert. So w\u00e4re also auch aus dem Grund, dass man anhand der gefundenen r\u00f6mischen Orgeln, die zweifellos Kopien der griechischen waren, mit der man \u00fcbrigens die antike Musiktheorie rekonstruieren konnte, die klare Aussage richtig gewesen: &#8222;Die Orgel stammt aus dem europ\u00e4ischen Kernland der Antike, aus Griechenland&#8220;<em> (und wie sie in die mitteleurop\u00e4ischen Kirchen kam, ist eher umstritten)<\/em>.<\/p>\n<p>Sogar der r\u00f6mische C\u00e4sar Nero lernte die Orgel im Jahr 66 n.Chr. in Griechenland kennen und gelobte selbst Orgelspieler werden zu wollen, was den mittelalterlichen Kirchen den Geschmack auf das Instrument zun\u00e4chst vermasselte. Wir k\u00f6nnen aber heute davon ausgehen, dass der r\u00f6mische Adel und seine F\u00fchrer reichlich Gebrauch vom Orgelspiel machten.<\/p>\n<p>Nach Untergang des westr\u00f6mischen Imperiums verschwand das Instrument in Rom, wurde aber in &#8222;Ostrom&#8220;, also Konstantinopel weiterhin auf den Kaiserh\u00f6fen benutzt. Und so erfolgte\u00a0 im Jahr 757 n.Chr. eine Schenkung einer Orgel vom byzantinischen Kaiser Konstantin V.\u00a0 an den K\u00f6nig Pippin der Kleine <em>(714-768, Sohn Karls des Gro\u00dfen, K\u00f6nig der Franken)<\/em>.<\/p>\n<p>In die Kirchen kam die Orgel, entgegen allen falschen organologischen Behauptungen, gegen 680 n.Chr. in England, wo der heilige Aldhelm ausf\u00fchrlich und mehrfach \u00fcber dieses Instrument berichtete. Woher diese Orgel stammte ist v\u00f6llig unbekannt, aber dies war der Einstieg in die Kirche. Im Jahre 950 n.Chr. wurde in Winchester St. Peters eine &#8222;Riesenorgel&#8220; mit 400 Pfeifen errichtet, die von 70 starken M\u00e4nnern betrieben werden musste <em>(wahrscheinlich v\u00f6llig \u00fcbertriebene Darstellung der Sache, wie es eben im Mittelalter oft geschah).<\/em> Auch erste Orgelliteratur stammt aus englischen Kirchen, so dass wir heute ziemlich klar England als das Ursprungsland der\u00a0 beginnenden Orgelkultur in europ\u00e4ischen Kirchen benennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was aber entscheidend f\u00fcr die heutige Darstellung der Orgel, des Orgelbaus und der Orgelmusik ist, das ist die gegenw\u00e4rtige miserable Lage dieses Brauchtums. Und hier wird in den mir zug\u00e4ngigen Medien ein wunderliches Gebet veranstaltet, in dem man sich nur noch den Orgelbauer als Nikolaus mit wei\u00dfem Bart und hirschgezogenem Schlitten vorstellen muss. Da sto\u00dfen solche Artikel, die den Anschein erwecken wollen, wir sind bestens mit unserem uralten Brauchtum des Orgelbau- und Spiels vernetzt, unterbergm\u00e4\u00dfig bitter auf.<\/p>\n<p>Bis vor dem ersten Weltkrieg kann man sagen wurden laufend neue Kompositionen f\u00fcr die Orgeln geschrieben, jeder Organist konnte improvisieren, eine dynamische und kreative Orgelwelt hatte Zuh\u00f6rer, Komponisten und Interpreten, die auch abends im Familienkreise musizierten. Mit Aufkommen der Massenmedien \u00e4nderte sich das Verh\u00e4ltnis der Gesellschaft zur Musik radikal. Die Orgel wurde in vielen Kirchen zu einem Fremdk\u00f6rper, der viel Geld kostete und der keinen Komponisten mehr interessierte. Die leichte Kost der Medien war schneller, flexibler, konsumgerechter =\u00a0 massentauglicher. Lassen wir uns nicht von Repr\u00e4sentations-Exemplaren t\u00e4uschen, die alle paar Tage in den Medien, wie Werbefernsehen eben ist, gezeigt werden. Und noch weniger sollten wir uns t\u00e4uschen lassen von solchen Zeitungsberichten.<\/p>\n<p>Nur die Erinnerung der Alten, die als Kinder unter Orgelmusik an religi\u00f6se Wahrheiten herangef\u00fchrt wurden, f\u00fchrte oft noch zum Erhalt des einen oder anderen Instruments. V\u00f6llig verst\u00f6rend ist f\u00fcr mich der Umstand, dass wir heute unter diesen Umst\u00e4nden Orgeln am laufenden Band vernichten. Wir werfen einem au\u00dfer Rand und Band geratenem Pr\u00e4sidenten der USA Ignoranz in Sachen Umweltschutz vor, w\u00e4hrend unsere Kirchen v\u00f6llig intakte und historisch wertvolle Orgeln auf den M\u00fcll werfen, nur weil Organisten ihren Moden nach &#8222;Franzosenart&#8220; fr\u00f6nen. Auf der anderen Seite sehen wir keinerlei Komponisten von Rang, die in den vergangenen 50 Jahren Werke f\u00fcr Orgel geschrieben haben. Sie sei eben tot, wie es Hindemith schon in den 20er Jahren gesagt hatte.<\/p>\n<p>Als Orgelbauer, der\u00a0 die inflation\u00e4re und fabrikm\u00e4\u00dfige Fertigung von Serienorgeln erlebt und mitgestaltet hat, wei\u00df ich wohl, dass M\u00e4\u00dfigung immer ein Grundgebot von gro\u00dfer Kultur war. Die rein technische Perspektive unter der das deutsche Sachverst\u00e4ndigenwesen Orgelbau zul\u00e4sst, erscheint mir als Reise in die totale Sackgasse, in der ohnehin keine gro\u00dfe Musik mehr aufbl\u00fchen kann. Man erstickt durch B\u00fcrokratie und Gelehrtenhaftigkeit jedes zarte Aufbl\u00fchen, jeden Versuch eines k\u00fcnstlerischen Neuanfangs.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen sehr gut an gro\u00dfen Kulturepochen studieren, wie sich vergangene Zeiten ihren Ruf bewahrt haben. Im Angesicht von Klimakatastrophen und dem Versagen von Kirchenmusikschulen ihren Sch\u00fclern selbst\u00e4ndiges Musizieren beizubringen, habe ich gr\u00f6\u00dfte Bedenken, dass wir nochmal ein Auflachen Neuer Orgelmusik erleben d\u00fcrfen, wie das noch Ende der 1960er Jahre in Deutschland der Fall war.<\/p>\n<p>Meine Gespr\u00e4che in den letzten Jahren mit Kirchenmusikern unterschiedlichster Pr\u00e4gung haben mir gezeigt, dass Orgelmusik durchaus nicht am Zustand der Kirchen gemessen werden sollte. Orgelmusik als Weltkulturerbe k\u00f6nnte sich durchaus in Konzerten einer anderen Entwicklung verschreiben als es die christlichen Religionen tun.<\/p>\n<p>Vielleicht f\u00fchren ein paar Zuf\u00e4lle in andere Richtungen.<\/p>\n<p>(gwm)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder wenn man gen\u00f6tigt wird in Zeitungen \u00fcber sein Fachgebiet lesen zu m\u00fcssen, ergreift einem die blanke Wut \u00fcber Dummheiten, die dort laut verk\u00fcndet werden. 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