{"id":295,"date":"2017-12-10T10:57:22","date_gmt":"2017-12-10T10:57:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.walcker.com\/?p=295"},"modified":"2018-09-29T23:42:18","modified_gmt":"2018-09-29T23:42:18","slug":"deutscher-orgelbau-und-orgelmusik-weltkulturerbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.walcker.com\/?p=295","title":{"rendered":"Deutscher Orgelbau und Orgelmusik = Weltkulturerbe"},"content":{"rendered":"<p>Neben dem neapolitanischen Pizzab\u00e4cker, dem mit Gem\u00fcse gef\u00fcllten aserbaidschanischen Dolma, dem bolivianischen Alasita-Fest, der Basler Fastnach und weiteren Br\u00e4uchen, die viel damit zu tun haben, geldbeseelten Touristenstr\u00f6men den Weg ins jeweilige Land zu ebnen, hat es nun auch Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland zu einem Eintrag in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes 2017 geschafft.<\/p>\n<p>Ich bin wahrlich nicht stolz darauf, meinen geliebten, deutschen Orgelbau nun in dieser Reihe von &#8222;Br\u00e4uchen&#8220; wieder zu finden. Dagegen finde ich es sehr sch\u00f6n, wenn mir r\u00e4tselhafte Br\u00e4uche, Sitten und Lieder gezeigt werden, deren R\u00e4tselhaftigkeit ich mir erhalten darf indem ich in der M\u00f6glichkeit belassen werde, sie ohne Medienrummel wahrnehmen zu d\u00fcrfen. Ohne dieses st\u00e4ndige Wortrauschen von den Analysten und Welterkl\u00e4rern, die alles R\u00e4tselhafte als Fragw\u00fcrdiges entkleiden, und das f\u00fcr d\u00e4ppische Shows im TV f\u00fcr kommende &#8222;Million\u00e4re&#8220; aufbereitet werden soll.<\/p>\n<p>Welches Interesse der deutsche Staat auch immer haben mag, solche Kulturformen in der Welt\u00a0 dargestellt und in sch\u00f6ner Lautst\u00e4rke in die Welt hinaus gesetzt zu haben, es scheinen aber priorit\u00e4r wirtschaftliche Interessen dahinter zu stehen, die mit ihrer urspr\u00fcnglichen, tiefergehenden Kultur wenig gemein haben. Je tiefer eine Kultur des Volkes ist, desto weniger offenbart sie sich einem anderen Volke. Das ist eine philosophische Erkenntnis, die vor allem Martin Heidegger bewusst war, als er sich weigerte Erkl\u00e4rungen seiner Philosophie &#8222;hinterher zu schieben&#8220;, weil das Schwierige schwierig bleiben sollte.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich ist es sch\u00f6n, wenn unser Orgelbau f\u00fcr ein paar Tage aus dem Elfenbeinturm seine Gefieder in die Welt reckt und beklatscht wird, auch auf die Gefahr hin, dass mancher Weltb\u00fcrger besorgt nach Deutschland blickt und sich fragt: &#8222;was sind das nur f\u00fcr seltsame Br\u00e4uche, die da in Siemens-Bayer-Land von den Organfarmern auf ihren Feldern wohl betrieben werden?&#8220; Denn nach meiner Erfahrung werden diese Darstellungen, wie sie in unserer Presse wortreich beklatscht werden, in anderen L\u00e4ndern, in denen es keine oder nur reduzierte Orgelkultur gibt, v\u00f6llig missverstanden. Neben Kuckucksuhren stellen Orgeln eben ein verr\u00fccktes wie unn\u00f6tiges Gut in Bolivien oder Bangladesch dar, das die heutige materielle Not eher vergr\u00f6\u00dfert als lindert. Der mittelamerikanische und katholische Pfarrer sch\u00e4tzt die Pfeifenorgel gar immer noch als ein ihm widersprechender Kontrapart ein, dessen Sprachgewalt in jedem Fall gez\u00fcgelt werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>In allen mir zug\u00e4ngigen Zeitungen konnte ich nachlesen, wie herrlich es in Deutschland zugeht. So sollte der Reichtum der Kirchen durch die durch den Staat eingezogene Kirchensteuer so enorm sein, so dass im Zentrum Mitteleuropas das wirtschaftliche Gedeihen der Orgelbaufirmen biblisch paradiesische Zust\u00e4nde versprach. Der Orgelsachverst\u00e4ndige Kaufmann tritt dabei als &#8222;\u00fcber Tasten tanzender, vitaler K\u00f6rper in Erscheinung, der in Erhabenheit und gleicherma\u00dfen Demut aufgeht&#8220;. Nebenbei, so ganz nebens\u00e4chlich also, wird der Erbauer der Orgel, die Werkstatt Klais in Bonn erw\u00e4hnt, sonst h\u00f6rt man keine andere M\u00f6glichkeit seine Orgel stimmen oder reparieren zu lassen. Wir Orgelbauer kennen dieses Ph\u00e4nomen bestens. Die &#8222;scheinbare&#8220; Objektivit\u00e4t mit der in der Presse von &#8222;Orgelfachleuten&#8220; \u00fcber Orgelbau dahergeredet wird, l\u00f6st sich nun in Luft auf, mit dem Daumen wird auf die Firma gedeutet, die den Auftrag erhalten soll.<\/p>\n<p>Es ist schade, dass es unterlassen wurde, diese Eintragung zum immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit zu verk\u00fcnden, indem damit der Erhalt anerkannter Orgelwerke verbunden sein soll. Denn wenn es auch nur eine additive Formel zu diesem Eintrag gewesen w\u00e4re, so h\u00e4tte man die Verpflichtung zum Erhalt vieler Orgeln in Stein gemei\u00dfelt, das w\u00e4re schon sehr viel gewesen. Und den Orgelsachverst\u00e4ndigen, die sich grunds\u00e4tzlich mehr um ihre Egodarstellung als um die gro\u00dfe Historie k\u00fcmmern, h\u00e4tte man zuk\u00fcnftig vor der Zerst\u00f6rung vieler Instrumente\u00a0 (Giessen Linkorgel, Murrhardt Walcker, Dortmund Reinoldi uva) das Papier um die Ohren schlagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass der Deutsche Orgelbau und die Orgelmusik zum Kulturerbe erkl\u00e4rt wurden, beantragt durch das Ausw\u00e4rtige Amt und die st\u00e4ndige Vertretung der BRD bei der UNESCO, hat aber seine Berechtigung in einem noch viel tieferen Sinne, wie ich das in den letzten 20 Jahren selbst erlebt habe. So konnten wir die Orgel in Kairo, die ich gerade wieder anl\u00e4sslich einer Wartung besucht habe, durch den Einsatz und Spenden des dortigen deutschen Botschafters restaurieren. Die Orgeln in Costa Rica, die wir reparieren oder restaurieren durften, wurden mit gro\u00dfz\u00fcgigem Interesse vom dortigen Botschafter begleitet. Alle Organisten, die dort spielten, wurden und werden finanziell von der Botschaft unterst\u00fctzt. Ein Auftrag in San Salvador wird ausschlie\u00dflich mit Mitteln des Ausw\u00e4rtigen Amtes finanziert. Ebenso haben wir das in Australien, Bolivien, Kolumbien erfahren d\u00fcrfen. Hier zeigte sich eine gro\u00dfe Verantwortung der deutschen Regierung, was die kulturellen Erbschaften aus anderen Zeiten betraf. Von anderen L\u00e4ndern, auch deutschsprachigen, wie der Schweiz oder \u00d6sterreich, aber auch Frankreich oder England, habe ich nie geh\u00f6rt, dass so massiv in Sachen Orgelerhalt gesponsert wurde.<\/p>\n<p>(gwm) nach einer Nahostreise<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben dem neapolitanischen Pizzab\u00e4cker, dem mit Gem\u00fcse gef\u00fcllten aserbaidschanischen Dolma, dem bolivianischen Alasita-Fest, der Basler Fastnach und weiteren Br\u00e4uchen, die viel damit zu tun haben, geldbeseelten Touristenstr\u00f6men den Weg ins jeweilige Land zu ebnen, hat es nun auch Orgelbau und &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.walcker.com\/?p=295\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","enabled":false},"version":2}},"categories":[5],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p92XHj-4L","jetpack-related-posts":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.walcker.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/295"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.walcker.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.walcker.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.walcker.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.walcker.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=295"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/blog.walcker.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/295\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":302,"href":"https:\/\/blog.walcker.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/295\/revisions\/302"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.walcker.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=295"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.walcker.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=295"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.walcker.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=295"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}