{"id":1053,"date":"2021-06-19T16:09:46","date_gmt":"2021-06-19T16:09:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.walcker.com\/?p=1053"},"modified":"2021-06-22T15:06:59","modified_gmt":"2021-06-22T15:06:59","slug":"der-begriff-der-orgel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.walcker.com\/?p=1053","title":{"rendered":"Der Begriff der Orgel"},"content":{"rendered":"<p>Wir Deutschen wissen sp\u00e4testens seit Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dass die Einstiegsdroge in die Kommunikation der &#8222;Begriff&#8220; ist. Wer ihn nicht kennt, hat Pech gehabt, \u00e4hnlich dem Verkehrsteilnehmer, der die Bedeutung des Vorfahrtschildes nicht kannte und munter drauf los fuhr.<\/p>\n<p>Mein stiller Begleiter in Sachen &#8222;Orgelbegriff&#8220; war bisher in meiner rund 54j\u00e4hrigen Orgelbauerlaufbahn das A5-B\u00fcchlein des Carl Elis &#8222;Orgelw\u00f6rterbuch&#8220;, das in der E.F.Walcker &amp; Co. B\u00fccherei in Ludwigsburg die Numero 173 trug.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1054\" data-permalink=\"https:\/\/blog.walcker.com\/?attachment_id=1054\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Elis_0001.jpg?fit=638%2C876&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"638,876\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Elis_0001\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Elis_0001.jpg?fit=218%2C300&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Elis_0001.jpg?fit=638%2C876&amp;ssl=1\" class=\"wp-image-1054 aligncenter\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Elis_0001.jpg?resize=310%2C426&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"310\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Elis_0001.jpg?w=638&amp;ssl=1 638w, https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Elis_0001.jpg?resize=218%2C300&amp;ssl=1 218w\" sizes=\"(max-width: 310px) 100vw, 310px\" \/><\/p>\n<p>Sch\u00f6n und unaufgeregt an Elis&#8216; B\u00fcchlein ist, man findet immer was man sucht und es flie\u00dft\u00a0 eine klare Sprache,\u00a0 die den gesuchten Begriff deutlich benennen kann.<\/p>\n<p>Ganz anders als in sprachlichen Unget\u00fcmen wie Locher, T\u00f6pfer, Ellerhorst oder gar Karl Lehrs monsterdeutsch verfasstes Buch &#8222;Die moderne Orgel&#8220; aus 1912. Leute.., zu dieser Zeit hatte Thomas Mann die feine Feder bereits gespitzt und Georg Trakls Gedicht &#8222;Grodek&#8220; stand davor den deutschen Expressionismus in den Bann zu schlagen. Da also w\u00fcrgten noch deutsche Organisten und Orgelbauer an ihren Zungen, als ob ein St\u00fcck Rindfleisch an ihren Gaumen kleben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auf Mahrenholz m\u00f6chte ich nicht detaillierter eingehen, das ist &#8222;Oberlehrerdeutsch&#8220; mit ausgestrecktem Zeigefinger, von der Kanzel die Gebote herunterbr\u00fcllen zur geneigten Aufmerksamkeit. Ein unm\u00f6glicher, barbarischer Stil, den manche unserer Sachverst\u00e4ndigen sich zu eigen gemacht haben, was dem Orgelbau gewaltig geschadet hat. Es gibt einfach Menschen, die noch nichts von der Dynamik des Deutschen Idealismus geh\u00f6rt haben und die immer noch glauben die Dogmatik des Mittelalters sei ja gar nicht so \u00fcbel gewesen.<\/p>\n<p>Leider konnte ich\u00a0 keine orgellexikalische Literatur der vergangenen 8o Jahre finden, die sich mit den Gewohnheiten der Sp\u00e4tromantik und ihren Spielhilfen besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Im &#8222;Lexikon der Orgel&#8220;, ein aufgeblasenes Unget\u00fcm von Hermann Busch und Matthias Geuting, war nicht einmal &#8222;Automatische Pedalumschaltung&#8220; zu finden. Die &#8222;Melodiekoppel&#8220; fand keinen eigenen Beitrag, daf\u00fcr wurde sie unter &#8222;Koppeln&#8220; gelistet. Es wird ausgiebig \u00fcber Komponisten im &#8220; Lexikon der Orgel&#8220; schwadroniert, was ich leichter und umfassender im &#8222;MGG &#8211; Die Musik in Geschichte und Gegenwart&#8220; zu finden wei\u00df, und zwar in der Ausgabe der Digitalen Bibliothek, wo man heute f\u00fcr ein paar Euro vierzehn prall gef\u00fcllte B\u00e4nde auf den Computer ziehen kann. (Jeder Artikel, jeder Band kann sogar als PDF generiert werden und in die eigene Bibliothek leicht und gut integriert werden.<\/p>\n<p>Da nun mein gegenst\u00e4ndliches &#8222;Elis- Orgelw\u00f6rter-B\u00fcchlein&#8220; so richtig zersaust daher kommt, habe ich diese Schrift digitalisiert und stelle sie hier zum Download als PDF zur Verf\u00fcgung, was ganz gut auch zum Ausdruck taugt: <a href=\"https:\/\/1drv.ms\/b\/s!Aq53TTjRsRgFgecV0qc3m2a_chj5cg?e=2uHqch\">https:\/\/1drv.ms\/b\/s!Aq53TTjRsRgFgecV0qc3m2a_chj5cg?e=2uHqch<\/a> .<\/p>\n<p>Hier eine gedruckte Doppelseite, wie sie in dem PDF aufgemacht sind.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1055\" data-permalink=\"https:\/\/blog.walcker.com\/?attachment_id=1055\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_06.jpg?fit=1556%2C1097&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1556,1097\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"IMG_06\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_06.jpg?fit=300%2C212&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_06.jpg?fit=640%2C451&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-full wp-image-1055\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_06.jpg?resize=640%2C451&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"451\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_06.jpg?w=1556&amp;ssl=1 1556w, https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_06.jpg?resize=300%2C212&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_06.jpg?resize=1024%2C722&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_06.jpg?resize=768%2C541&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_06.jpg?resize=1536%2C1083&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/blog.walcker.com\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_06.jpg?w=1280&amp;ssl=1 1280w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Zum Abschluss noch eine kleine Geschichte, die zeigen soll, dass der &#8222;Begriff der Orgel&#8220; keinesfalls ein schwerf\u00e4lliger Geistesbegriff sein soll, der nur den wenigen Schreibtischt\u00e4tern als geistiger Zierrat zu dienen habe. Sondern, es ist und bleibt kein Geheimnis, dass in den Begriffen des Handwerks bereits die L\u00f6sungen bei einer Problemsuche enthalten sind. Insofern haben wir tats\u00e4chlich eine Form der Dialektik in unserem Gewerbe vorliegen, mit der auf L\u00f6sungssuche gegangen werden kann, bevor wir mit Schraubendreher und Bohrmaschine am Werkst\u00fcck erscheinen.<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren bei einer Orgelbauer-Sachverst\u00e4ndigen Tagung trat ein Orgelbauer, Inhaber eines gr\u00f6\u00dferen Unternehmens auf mich zu mit der Frage, ob man, die bei einigen pneumatischen Orgeln anzutreffenden mit L\u00f6chern versehenen Bleirohre korrigieren muss, oder ob das sogar als grober Pfusch markiert werden sollte. Er selbst hatte mit seinem Unternehmen noch keine hinreichende Erfahrung mit pneumatischen Orgeln sammeln k\u00f6nnen, diese Fragen traten hin und wieder bei Wartungen an solchen Instrumenten bei ihm auf.<\/p>\n<p>Nun sind das nat\u00fcrlich Erscheinungen, die von Fall zu Fall gepr\u00fcft werden sollten, aber es gibt auch eindeutige Hinweise in Form von Zeichnungen oder hier im &#8222;Elis-Orgelw\u00f6rterbuch&#8220;, die allerdings in gedanklichen Zusammenhang gebracht werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich zitiere zun\u00e4chst das Orgelw\u00f6rterbuch:<\/p>\n<p><b>Ausgleichsloch.<\/b> Ein in der Zuf\u00fchrung zu pneumatischen B\u00e4lgchen oder Membranen angebrachtes kleines Loch, das die schnelle Entleerung des B\u00e4lgchens oder der Membran sichern soll. Sehr h\u00e4ufig ist in die Ausgleichsbohrung noch eine Regulierungsschraube eingesetzt, sodass sich die Schnelligkeit, mit der das B\u00e4lgchen oder die Membran zusammenf\u00e4llt genau abstimmen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Hier nun weitere Erkenntnisse aus anderen Objekten:<\/p>\n<p>Auf Zeichnungen der Firma Walcker, besonders bei mit Organola best\u00fcckten Salonorgeln,\u00a0 fand ich solche Einrichtungen, wo Ausgleichsbohrungen mit Schrauben reguliert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bei einem anderen Orgelbauer in Th\u00fcringen waren diese systematisch \u00fcber das ganze Klavier angebracht.<\/p>\n<p>Nun also zur\u00fcck zur Frage, ob man Bohrungen in Bleirohre zur Entlastung anbringen darf, wenn die Repetition leidet oder andere Beeintr\u00e4chtigungen zu finden sind. Da w\u00e4re zun\u00e4chst zu pr\u00fcfen, ob der Winddruck nicht \u00fcberh\u00f6ht ist ( wir haben schon Winddr\u00fccke \u00fcber 150mmWS in &#8222;normalen&#8220; pneumatischen Steuerungen gemessen, was v\u00f6llig \u00fcberh\u00f6ht ist und mit solchen Ma\u00dfnahmen nicht zufriedenstellend gekl\u00e4rt werden kann).<\/p>\n<p>Also setzen wir voraus, dass ein gebr\u00e4uchlicher Winddruck im pneumatischen System von 90-110mmWS vorliegt und keine \u00fcberlangen Bleirohre von 20-30m betroffen sind, hier nun alle Ma\u00dfnahmen ausgesch\u00f6pft sind, ohne das Problem zu l\u00f6sen, dann bohren sie doch ein Loch von 1mm ins Bleirohr zu Testzwecken. Und wenn das erfolgreich ist, ohne Nebeneffekt, dann ja, dann geht das.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu hoher Winddruck maltr\u00e4tiert das Ledersystem. Hinzu kommt, dass wir bis zum I.WK Leder mit Biogerbung im Orgelbau hatten, heute wird chemisch gegerbt, was bei Ausstromsystemen wie Taschen-H\u00e4ngebalgladen nur noch Lebenszeiten von 30-40 Jahren bereitstellt.<\/p>\n<p>Peter Dohne\/Sauer meinte in der Schrift &#8222;Die Restaurierung der Berliner Domorgel und Fragen der Instandsetzung pneumatischer Instrumente&#8220; das hier am Berliner Spieltisch der Winddruck lt. Kostenanschlag auf 115mmWS festgelegt war, aber w\u00e4hrend der technischen Montage 1904 auf 135mmWS (Paul Walcker) festgelegt wurde. Bei ihrer Restaurierung in 1985-1990 habe man den Winddruck auf 90mmWS gesenkt mit dem Ergebnis, dass die pneum. Relais pr\u00e4ziser gearbeitet haben als zuvor. Der Grund war schlicht und einfach der, dass das Ausstromsystem mit dem Pfeifenwinddruck harmonieren muss. 135mm Systemdruck\u00a0 gegen 90mm Pfeifenwinddruck, das funktioniert nicht. Au\u00dferdem vertritt Dohne den Standpunkt, dass f\u00fcr Membranen und B\u00e4lgchen kein gespaltenes Leder verwendet werden soll.<\/p>\n<p>have a nice summer &#8230;.<\/p>\n<p>gwm<\/p>\n<p>Anmerkung v. 22.06.21<\/p>\n<p>Die \u00dcberschrift &#8222;Der Begriff der Orgel&#8220; stellt eine kleine Provokation dar: es handelt sich um einen der leersten, nichtssagende Begriff \u00fcberhaupt, der an Allgemeinheit kaum mehr zu \u00fcbertreffen ist. Ja, dieser Begriff unterscheidet noch nicht einmal\u00a0 zwischen dem &#8222;Naturtoninstrument&#8220; und der &#8222;elektronisch synthetisierten&#8220; Nachahmung der Orgel.<\/p>\n<p>Aber den Finger auf die Wunde legen, war mir einen Versuch wert. Denn als Orgelbauer ist man manchmal schon erstaunt, wie leger in manchen Schriften \u00fcber Begriffe des Orgelbaus schwadroniert wird. Andererseits gibt es sehr differenzierte Begriffe aus dem 19.JH und dem beginnenden 20.JH., die heutzutage kaum unter Orgelbauer bekannt sind, die aber f\u00fcr Gestaltung und Fehlerfindung reichhaltige Hinweise geben k\u00f6nnen. Deswegen dieser kleine Exkurs ins &#8222;Begriffliche&#8220; des Orgelbaus. gwm<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir Deutschen wissen sp\u00e4testens seit Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dass die Einstiegsdroge in die Kommunikation der &#8222;Begriff&#8220; ist. 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