zu Murrhardt eine Stellungnahme von Burkhart Goethe

Vor zwei Wochen erhielt ich, ganz überraschend,  eine Email vom zuständigen Sachverständigen, die ich hier ungekürzt und unkommentiert zeigen möchte. Anlass zu diesem Schreiben war wohl mein Artikel dazu.

Sehr geehrter Herr Walcker-Meyer,

bezugnehmend auf Ihren Kommentar »Murrhardt und die sieben Schwaben« in Ihrer homepage bitte ich Sie, folgende Punkte zur Kenntnis zu nehmen:

  1. Im Gegensatz zu meinem Amtsvorgänger Bornefeld habe ich während der letzten 36 Dienstjahre und bei rd. 560 Orgelberatungen niemals versucht, einer Kirchengemeinde im Falle eines Neubaues meinen Prospektentwurf zu oktroyieren, es sei denn, sie hat mich ausdrücklich darum gebeten. So auch nicht in Murrhardt, wo der Entwurf für das neue Instrument einzig und allein von Orgelbau Mühleisen stammt.
  2. Bei der Planung einer neuen Orgel für Murrhardt habe ich anfangs durchaus den Versuch unternommen, die Gemeinde zur Erhaltung des Bornefeld-Prospektes (und auch großer Teile des Klangbestandes) zu bewegen. Leider konnte ich mich nicht gegen den örtlichen Kirchenmusiker und einen mir noch heute völlig unbekannten Stifter durchsetzen. Auch meine Empfehlung, das Instrument mit Blick auf die Raumgröße auf maximal 35 Register zu beschränken, blieb ungehört. Diese Empfehlung hatte übrigens auch der mitbietende Claudius Winterhalter ausgesprochen.
  3. Anläßlich einer Gemeindeversammlung im April 2015 zeigte sich, daß ein großer Teil der Gemeindemitglieder seit Bau des Walcker/Bornefeld-Instrumentes 1976/77 sich ganz offensichtlich nie mit der Prospektgestaltung und hier vor allem den Holzpfeifen anfreunden konnte. Dies hat mich selbst überrascht.
  4. Von den 91 durch Bornefeld gestalteten Orgeln wurden 2002 für den Bereich der württ. Landeskirche nach einer flächendeckenden Bestandsaufnahme im Einvernehmen zwischen der »Heidenheimer Stiftung« und dem Evang. Oberkirchenrat 30 Instrumente zum Eintrag als Kulturdenkmal vorgeschlagen. Die Murrhardter Orgel wurde in diese Liste nicht aufgenommen, weil sie zu dieser Zeit bereits durch Kreisz ganz erheblich verändert worden war. Diese Veränderungen 1996, 2000 und 2001 fielen nicht in meine Mitverantwortung, da Murrhardt erst seit 2002 zu meinen Dienstbereichen gehört.
  5. Fatalerweise kam es beim damaligen Landesdenkmalamt BW jedoch nie zu einem Eintrag der genannten 30 Orgeln als Kulturdenkmale. Fast die Hälfte, nämlich 14 der Instrumente auf dieser Liste stehen in den von mir zu betreuenden Kirchenbezirken. Und 13 von diesem Instrumenten wurden zwischen 1985 und 2018 trotz fehlenden Denkmalschutzes und nicht selten gegen vehemente Änderungswünsche der Organisten/Innen durch rein konservative Maßnahmen (Hauptausreinigung/techn.Instandsetzung/Schimmel- und Anobienbehand-lung) instand gehalten, ohne daß irgendwelche Veränderungen an Gehäusen und Klangaussagen erfolgt wären. Die jüngste Maßnahme dieser Art erfolgte erst im April 2018 an der Walcker/Bornefeld-Orgel (op. 3172, Bj. 1953, II/12 mS) in der Evang. Matthäuskirche SHA-Hessental durch OBM Michael Mauch.
  6. Insgesamt wurden für die Erhaltung dieser 13 Orgeln (ohne lfd. jährliche Warungskosten) zwischen 1985 und 2018 umgerechnet 370.133,07 € ausgegeben. Das mag gering klingen, ist aber für die armen Hohenloher Kirchengemeinden eine Menge Geld.
  7. Bei op.3801 (Westorgel Stadtkirche Schorndorf, 1961, III/45) lag die Sache anders: Hier waren nach heftigem Herumgehüpfe während eines Pop-Konzertes die Widerlager in den Emporentreppungen so verrutscht, daß Empore und Orgel statisch stark gefährdet waren. Die Empore wurde gesperrt und Lenter sicherte das Instrument durch Absprießungen entsprechend ab. Dann wurde die Kirche komplett innenrenoviert und die Orgel –wie so oft- entgegen dem Rat des OSV unzureichend verpackt. Es gab enorme Staubschäden.

Überdies hatte die elektrische Schwachstromanlage signifikante Sicherheitsmängel und die Trakturen waren erneuerungsbedürftig. Aus diesem Grunde wurde eine technische Sanierung ausgeschrieben und Fa. Mühleisen erhielt den Zuschlag. Sowohl der Prospekt (Entwurf Architekt Heim/Stuttgart), als auch der gesamte Klangbestand blieben bis auf die Teilung von zwei gemischten Aliquotstimmen unverändert erhalten. Für die Nachintonation haben wir KMD Jürgen Schwab aus Stuttgart als einen der profundesten Kenner Bornfeldscher Klangintention beratend hinzugezogen. Die gesamte Maßnahme kostete 418.000 €. Trotz des gewünschtes Einbaues einer Setzeranlage (mit dualer Beibehaltung der freien Kombinationen) blieb die Bornefeld’schen Gestaltung auch des   Spieltisches unverändert. Die Chororgel (Link/Bornefeld) wurde ein Jahr später ebenfalls überholt und bekam neue Registerzugmagnete. Auch sie blieb klanglich völlig unverändert.

Zusammenfassend kann ich sagen, daß ich nicht zu den (sieben) Schwaben gehöre, sondern aus Norddeutschland stamme, wo ich eine fundierte, 6 ½ jährige Ausbildung als Schreiner, Orgelbauer und Pfeifenmacher erhielt. Daher zähle ich mich auch nicht zu den Künstlern, ob zweit- oder drittklassig. Und im Hinblick auf die Erhaltung des Bornefeld’schen Erbes habe ich mir nichts vorzuwerfen. In der Ablage noch ein Beispiel für Goethes »eklektizistische Prospektgestaltung«.

Mit freundlichen Grüßen

Burkhart Goethe

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Thüringen Orgelansichten

Zu einem Vortrag in Großrudestedt geladen, dort, wo sich die Walcker-Orgel Opus 1405, II/20, Bj 1907, mit pneumatischer Kegellade hinter einem Barockprospekt befindet, sind wir noch zu anderen Instrumenten aufgebrochen.

Zunächst ein paar Worte zu dem Vortrag, den ich dort gehalten habe. Die rund 100 Bilder, die ich in diesem Vortrag ausgewählt habe sind unter diesem Link aufrufbar. Dabei handelt es sich um einen frei gehaltenen Vortrag über die Geschichte der Orgel unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Firma Walcker. Sehr schön war der Umstand, dass rund 40-50 Personen anwesend waren, obwohl zu diesem Zeitpunkt England-Kroatien im TV gezeigt wurde.

Nach zwei Stunden Rezitation und einer kleinen Ausstellung von Orgelpfeifen und historischem Material, war es ein tolles Erlebnis auf die vielen Fragen des Publikums eingehen zu  können. Auch die Organistin aus Erfurt -Stotternheim war eine interessante Gesprächspartnerin, der ich nun das Versprechen geben konnte, ihre schöne und restaurierte Walcker-Orgel in unseren Webseiten zu zeigen. Das Werk wurde von der Firma Scheffler vor 10 Jahren restauriert.

Viel Glück war der Orgel beschieden, als im Jahr 2002 sich eine Turmspitze in den linken Pedalturm und Magazinbalg hineinbohrte. So gut wie kein Pfeifenmaterial wurde getroffen.

  

Ein wunderschön hergerichteter Kirchenraum empfing uns in der ebenso herrlichen Kleinstadt Weißensee. Die Kirche hat in ihren rund 1000 Jahren Bestehen viele Entwicklungen und stilitische Eigenarten durchgemacht, die aber nach der Kirchenrestaurierung wirklich optimal zur Geltung kommen.

Die Orgel ist natürlich noch nicht restauriert. Es handelt sich um ein Werk des Otto Petersilie. II/21, Bj 1902. Ein Riesenmagazinbalg von 3,30m Länge steht rechts von der Orgel. Was aber besondere Aufmerksamkeit verdient ist die pneumatische Setzerkombination mit fünf Kombinationen. Das hat es im Orgelbau nicht oft gegeben und soll daher mit einem gründlichen Foto geehrte werden:

Man sieht rechts oben die Kipptaster, die zum Setzen der Register eingesetzt werden. Unter dem I.Manual gibts dann die Drucktaster, die, wie gesagt auf pneumatischem Wege die gesetzten Register aufrufen. Und dies kann man an den Bohrungen über den Registerschildern ersehen. Hier wird, wieder pneumatisch, das Erkennungsplättchen angehoben und gibt die Sicht frei auf die eingeschalteten Register.

Tolle Sache, viel Arbeit sieht man, wenn in die Orgel reinsieht. Aber auch schöner, warmer Klang kann da assoziiert werden.

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UNESCO Orgelbau, jetzt die Kommerzialisierung und der Kitsch

So manches Trüffelschwein hat schon sehr tief in den weichen Kulturhumus seine Nase stecken müssen, um  ein klitzekleines Goldstückchen entdecken zu dürfen.

So nun auch geschehen von den geradezu Orgelbauer J&B, die zunächst eine Buchplanung auf alle deutschen Orgelbauer losgelassen haben.

Der Titel „Die Krönung des Deutschen Orgelbaus“ lässt Böses ahnen. Man rechnet mit rund 50 verwirrten Orgelbauern, die dort ihre bezahlten Anzeigen, per Stück 700,–Euro, aufgeben, und, dass somit ein nettes Beträgchen von 35.000,–Euro zusammen kommt. Die inserierenden Orgelbauer bekommen dafür 2 Exemplare. Das Zugpferd, die Anzeige der Orgelbauer „Klais“ wurde mal vorab in die Verzückungsspitze der organalen Buchhandels eingebaut und soll dem Tross der gekrönten Orgelbauhäupter als Richtlinie dienen. VOD, GDO und BDO sollten in Schamröte erstarren, dass sie sich für solch einen Lumpenhandel hergeben und sich für irgendwelche Vor- und Nachworte im J&B Werbeprospekt bereit erklärt haben.

Drei Tage nach Buchankündigung heizt J&B das Jahrmarktstreiben um die ORGEL-UNESCO-Geschichte weiter an, indem nun die „WANDKACHEL UNESCO“ in zwei Versionen auf den Markt geworfen werden (Preise für die Kacheln liegen zwischen 58,– und 126,– Euro). „Immaterielles Kulturerbe“: Wissen, Können, Weitergeben. Eine peinliche Theaterveranstaltung, wo im Hintergrund der Kulturanspruch durch Kommerzialisierung zerrieben wird und das „Immaterielle“ unmittelbar ins „Materielle“ umschlägt.

Der Titel der UNESCO lautet „Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland als Kulturerbe„, und hier ist bereits der erste gravierende Fehler durch die Antragsteller und die UNESCO gemacht worden. Denn es hätte sein müssen „im deutschsprachigen Raum“ und nicht in Deutschland. Damit wäre die dümmliche Popularisierung auf nationale Begrifflichkeiten raus und der Blick auf Europa wäre freigehalten worden.

Aber, dass daraus von einer Orgelbaufirma nun ein Zirkustreiben mit Schildchen und schönem Eigenlob entwickelt wurde, das schadet der Sache deswegen, weil der Anspruch absolut nichts mit einzelnen Firmen zu tun hat.

Im Orgelbau ist es vergleichbar zur Literatur, Musik, Malerei, nämlich so, dass wir heute tätigen Künstler oder Kunsthandwerker Zwerge sind, die auf den Schultern von Riesen stehen, die die Grundlage dieser Kultur geschaffen haben. Das Geschrei des Marktes hat in dieser Kultur nichts verloren, am wenigsten dort, wo noch stille Religion, Anmut und Anspruch auf tiefere Dimensionen herrschen.

Also lasst sie bellen, die Hunde, die Karawane zieht weiter.

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Orgel – Mathematik – Phänomenologie

Im letzten „Ars Organi“, dem Hochglanzorgan der ausgeklungenen Orgelbewegung, fand ich einen Diskussionsbeitrag, der mich wieder auf die Wurzeln dieser scheinbaren „Bewegung“ zurück führte.
Es geht um eine Buchbesprechung „Karlheinz Schüffler – Phytagoras, der Quintenwolf und das Komma“, die vom Autor, einem Mathematikprofessor, als total daneben qualifiziert wurde.
Die Art und Weise der Argumentationen, damals in den 20er Jahren (Freiburger Orgeltagung 1926, kurios, aber nachvollziehbar, dass ein Jahr später „Sein und Zeit“ von Heidegger erschien), waren ähnlich gestrickt, wie uns das heute nach über 90 Jahren wieder serviert wird.
Zunächst einmal bin ich persönlich der Auffassung: einen Quintenwolf erklärt man nicht mit Zahlen sondern man führt ihn per Pfeifen- oder Saitenstimmung vor und lässt dann die Zuhörer entscheiden, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. So übrigens wäre mit allen zur Diskussion stehenden Stimmungen zu verfahren. Wer die Feinheiten einer Kellnerschen Bachstimmung en detail gehört hat, der braucht keine mathematischen Belehrungen. Wenn das Interesse weiter greift, wäre angebracht die praktische Realisierung durch die entsprechende Intervallstimmung zu erfahren. Tabellen, Computer, mathematische Konstruktionen wären dazu nicht erforderlich.
Der mathematische Schleier vor der Musik und dem Musikinstrument verunmöglicht uns eher in eine peinliche Abstraktion abzugleiten, die das Musizieren in ein Theoretisieren verunglimpft, das uns gerade den lebendigen Zugang zu dieser Musik verwehrt. (Nietzsche nannte diesen Zustand die innerliche Bildung für äußerliche Barbaren).
Die Mathematik, übrigens eine Wissenschaft, die keiner allgemein gültigen Definition unterliegt, die von den beiden Herren Billeter und Schüffler in ihrer Auseinandersetzung beschworen wird, erscheint mir, nach über 50 jähriger Tätigkeit im Orgelbau, als ein Monstrum, das den wirklichen, phänomenologischen Zugang zur lebendigen Orgel und ihrer Musik nicht nur blockiert, sondern verweigernd auf Geleise schickt, die dem ursprünglichen Gedanken von Musikentfaltung, sei er klassischer oder romantischer Natur, völlig entstellt. Man denke sich nur Mendelssohn oder Liszt mit einem Stapel Exceltabellen die Vektorrechnungen der Eulerschen Tongitter und ihren Temperaturvorgängen studieren.
Wenn Katheder und Computer auf den Orgelbau einwirken wollen, ohne Rücksichtnahme, dass das Maß an Technik und Wissenschaft ein begrenztes sein muss, weil lebendige Leidenschaft und Kreativität darunter verschwinden, dann wird am Ende ein Konzert in Form einer Diskussion aufgelöst, ohne, dass eine einzige Note gespielt werden muss. Das wäre in der Tat eine echte moderne Projektion, die zudem kritische Kreation hervorbringen würde.
Als Lehrling hatte ich das Glück, von einem Meister mit einer seltsamen Empfehlung in den Orgelbau eingeführt zu werden. Erst Jahre später habe ich begriffen was er damit eigentlich sagen wollte:
Wer eine Orgel verstehen will, der sollte alle Bücher zur Seite legen und sollte es sich im Untergehäuse dieser Orgel bequem machen, um dort einen Tag zu sitzen, zu staunen, zu riechen, zu tasten und ganz langsam dabei zu erfahren, was dieses „organum“ zu sagen hat. Nahe an den Dingen bleiben, auch mal rechnen und Geometrie betreiben, aber die Dinge auf sich zukommen lassen, Zeit und Geduld anstatt Technik investieren.
Wäre der Orgelbau auf dieser technischen Stufe stehen geblieben, wohl Mitte des 19.Jahrhunderts, er würde heute noch Feste der Freude und Begeisterung auslösen.
Heute jedoch, wo der Intonateur mehr in sein Smartphone als ins Pfeifenwerk klotzt, noch den Professor dazwischen blöcken zu hören, das wäre des Satyrspiels schon zuviel.

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Walcker-Positiv E, Standardrituale

Immer wieder höre ich, dass bei den rund 850 gebauten „Positiv E“ sich nach 50 bis 60 Jahren ab Geburtsdatum, klangliche und technische Veränderungen ergeben.

Durch Überarbeitung von über 20 Instrumenten dieses Typs an Erfahrungen bereichert, möchte ich hier ein paar Besonderheiten am Beispiel des Opus 3946 (ursprünglich für Bremerhaven gebaut, dann nach Mömlingen umgestellt) aufzeigen.

Hier zunächst die technischen Daten:

   

Bei diesen Orgeln aus 1960 gibt es anfangs noch keine Aluventile oder Wippen aus Aluminium. Später hat die Firma sogar Tasten aus diesem Leichtmetall gefertigt. Allerdings nicht über einen längeren Zeitraum. Ab 1969 kamen die Stahlgestell-Positive ins Programm, eine ebenfalls rasch auslaufende Entwicklung. Nun traten die E-Orgeln ihren Siegeszug an.

Hier also noch Holzwippen- und Abstrakten, aber auch berüchtigte Plastikwinkel. In den Windladen Holzventile mit harten Stahlfedern bestückt, die immer wieder zum Herausspringen geneigt waren. Deswegen wurden dort an beiden Ventilstiften Stellringen eingebaut.

Die hier gezeigten Lederpulpeten haben nie zu Störungen Anlass gegeben, weswegen wir sie nicht gegen Bleipulpeten ausgewechselt haben. Die Spielart litt durch andere Fehler, wie gewaltige Bleigewichte an den Tasten oder unnötige Masse von doppelten Lüstenklemmen, dicken Abstrakten, Messingdrähten etc..

Bleiben wir also beim Hauptproblem der Walckerschen Positive, die mit Doppelschleifen ausgestattet, eine echte Achillesferse bieten. Je nachdem, mit welchem Leder die Dichtungsringe drappiert sind, entstehen nach 30-50 Jahren Löcher in Material und Klanggestalt, die es zu beheben gilt:

Diese Federbälgchen neu zu beledern bereinigt einen wesentlichen Umstand nicht, nämlich, dass die Pertinaxschleife an Stock und Windladenboden dichtungsfrei aufliegt. Daher empfehle ich, nur einen Teil der Doppelschleife wiederzuverwenden und als Dichtungselemente Liegelindringe zu verwenden. Das erschwert etwas den Registerzug zu betätigen, beugt aber Geräuschentwicklung und fehlendem Wind im Einzelklang vor.

Es sollte dabei nicht der Fehler gemacht werden die Durchmesser der Federbälgchen 1:1 auf die Liegelindringe zu übernehmen, denn die Schleife reist dann von einer Bohrung zur anderen (das Verschließen des einen Lochs öffnet das des Nachbarn):

Es ist daher sinnvoller die ovalen Bohrungen (auch mit runden Liegelindringen) nachzuformen, wie teilweise hier ersichtlich:

Die Dammhöhe ist in unserem Fall Liegelind+Schleife+Liegelind (1,5+1,5+1,5=4,5mm). Beachtet werden muss bei der Auswahl der Liegelindringe, dass immer wieder mal Ausschussware sichtbar wird, die unter 1mm Dicke zu Blasgeräuschen Anlass gibt. Spart viel Zeit, dieses Zeug vorher auszumustern.

Die bleibestückten Auslässe belasten die Ventile und werden deswegen ausgebaut. Dafür wird ein blauer Filzstreifen übergeklebt, der an entsprechenden Stellen gelocht wird.         

Klanglich hat das Instrument natürlich durch Wegfall von unerwünschten Klang-Löchern erheblich gewonnen. Sehr schön nun ist das Zusammenspiel von Rohrflöte und Mixtur oder dem vorher „undiszipliniertem“ Schwiegel 2′. Ein wunderschöner Prinzipal 4′ mit beinahe kernstichloser Intonation, der transparent und singend ins Geschehen tritt, hellt den Raum auf ohne langfristig durch Lautstärke zu ermüden.

Ein sehr schönes Werk, das wir nächste Woche fertigstellen wollen.

Dann sieht es wieder wie zu Beginn aus, anmutig und still:

          

gwm

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aus Kherbet-Qanafar, Erfahrungen eines Orgelbauers

Nach einer Reise durch Schottland gings gleich weiter nach Kherbet Qanafar, um dort unsere kürzlich eingebaute Orgel einer Überprüfung zu vollziehen. Eine Woche vor Ostern war der Schulbetrieb der Schneller-Schule noch in vollem Gange.

Denn es war, wie es der Herr wollte, dass das Conacher-Instrument mit einer Stimmung von 449 Hz bei 16° C auf a‘ ausgestattet war. Für mich persönlich eigentlich immer Gebot der Stunde, die Ursprünglichkeit zu bewahren. Dieser Umstand jedoch beflügelte einen Organisten „seherisch“ solche „englische Stimmgewohnheit“ als Teufelszeug zu verunglimpfen, man kann ja nicht mit anderen Instrumenten zusammenspielen. Das bezweifeln andere Organisten allerdings erheblich.

Es gab heftige Diskussionen, ob man, wie anderorts geschehen, diese Stimmung nicht aufs heutige Niveau herunterdimmen könnte. Ich habe zwar deutlich davor gewarnt, dass mit Tieferstimmung dieser Orgel, erhebliche klangliche Mängel, insbesondere bei den tiefen Diapason-, den Streicherstimmen auch bei den tiefen Oktaven der Gedecktpfeifen zu erwarten sind.

Dennoch muss ich es mir als groben Fehler anrechnen, auf Veranlassung dieses Organisten, das Tieferstimmen auf a‘ 440Hz trotzdem vorgenommen zu haben. Man hätte nun, als beim Diapason 8 größere Ansprachemängel in der tiefen Oktave auftraten, dem Ratschluss folgen können und den Winddruck zu erhöhen, wie dies gelegentlich bei anderen Orgeln gemacht wurde. Dies aber hätte den kompletten Orgelklang dieses wundervollen Instrumentes restlos zerstört. Weswegen ich weitere Schritte abgelehnt habe.

Jedenfalls habe ich meinen Fehler eingesehen und die Orgel in der vergangenen Woche auf meine Kosten wieder aufs ursprüngliche Stimmniveau zurückgeführt. Eine Wohltat war es, beim Zurückführen des „Stopped Diapason“ zu hören, wie bei jeder einzelnen Pfeife der Klang wie bei einer aufgehenden Blume sein ursprüngliches Volumen gewann, zurück in seine Farbenprächtigkeit fand.

Glücklich war dann ein seliger George Haddad, Direktor der Schneller-Schule, der mit größer Zufriedenheit seinen Ostergottesdienst drei Tage vor Ostern die freudig singende Kinderschar an der Orgel begleiten konnte. Danach wurden die Kinder in die Schulferien entlassen. Und erlöst wurde auch ein Orgelbauer, der die vorige Stimmungsgeschichte gar als ein Verbrechen gegen alle gute englische Instrumentenbaugeschichte gesehen hat.

Egal, was die Handwerkszunft hier in Deutschland in solchen Dingen immer wieder aus dem Zauberhut zu ziehen vermag: es gibt einfach der Historie gegenüber ein Gebot des Respektes, den die wenigsten Musiker oder Handwerker begreifen. Es ist geradezu entsetzlich, was hier im deutschsprachigen Raum in Sachen Klangursprung bei allen möglichen Instrumenten für groteske Verunstaltungen vollführt werden.

Im Angesichte der Schaffensfreude und Gegenwartsbewusstheit werden eben oft stille, scheinbar unbedeutende und einfache Dinge zur Seite gekehrt, die wir dann nach zwanzig oder fünfzig Jahren schmerzlich vermissen – so oder ähnlich wie es Papst Franziskus bei seiner Osterrede auf den Punkt gebracht hat, wir schämen uns schon heute für das, was wir unseren nachkommenden Generationen hier auf Erden hinterlassen.

Die Wenigsten werden im Angesichte ihres Naturverbrauches und Kulturverschlingens diese Worte verstanden haben.

gwm

zu diesen und vorigen Reisen nach dem Libanon gibt es hier eine 40 teilige Bildershow

diese Karte zeigt auf Punkt 9 (Kherbet Qanafar) eingekesselt zwischen Beirut und Damaskus

 

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Highlands & Organs 2018

Wieder ging es hinaus auf die Highlands.

Zunächst ein erster maintenance-stop in Motherwell (10 miles south of Glasgow). Von Kleinblittersdorf über einen Halt in einem belgischen Dorf waren wir auf rund 1450km 15 Stunden unterwegs. Routine schon, auch der Wechsel von rechts nach links auf den Highways. Die Raststätten kennt man samt Speiseplan längst auswendig. In Motherwell, unsere sensibelste Walcker, eine pneumatische Dame fanden wir in Minustemperaturen und schneuzend vor, während die Kirche noch in lockeren, behaglichen Celsien bruzzelte. Nach Abschluss der Arbeiten dort erreicht mich eine email von Eric, dem Organisten :

Wonderful! I played the organ this evening and what a joy to have it all playing so well. I’m a happy man. The issues in the Swell organ have gone and all nites sounding, so your idea and work have been successful.

Da waren wir schon in den Cairngorms, in Kingussie.

Schneefall war die nächsten Tage auf den Highlands angesagt. Bob und Sheilagh luden zur Übernachtung und prachtvollem breakfast after Scottish manner.

Ein Tag Wartung an der Evans & Barr Orgel war eingeplant. Viel Besuch kam.

Das Buch „Organs in Scotland“ von David Stewart und Alan Buchan wurde mir übergeben. Wahnsinn, was es hier im Land für einen Orgelbestand gibt. Das Buch hat über 350 Seiten, kostet 8,5 Pfund, und ist wahrlich umfassend. Man sieht auch, die Schotten sind sparsam.

Von Kingussie aus haben wir noch Tomintoul und Inveraven gewartet, was in der Tat nur noch über schneebestückte Fährten zu erreichen war.

Die Cairngorms, eine Berggruppe der Grampian Mountains im Nordosten von Schottland, werden umringt von einer Serie kleiner Ortschaften, die teilweise wirklich schöne historische Orgeln aufweisen.

Darunter ist das Instrument von Blair Castle das älteste (Bj 1630).

Zwei Instrumente wurden von uns restauriert (Kingussie auf der 1  und Tomintoul 5) Nördlich von Ballindalloch befindet sich die ebenfalls von uns restaurierte Orgel in Inveraven (Hill & Son, 1875). 

Und die von uns in den Libanon überführte James Conacher-Orgel befand sich zwischen Glenlivet und Tomintoul auf der kaum auf einer Karte aufgeführten Schafweide „Tombae“, dessen Kirche und Pfarrhaus seit Abgang der Orgel nun zum Verkauf steht.

Hierzu wurde im Thisle, dem Cairngormer Newspaper, ein schöner Beitrag eingefügt, den wir nachfolgend zeigen:

Also, wie gesagt, nach Kingussie kamen die Highlands an die Reihe: zuerst Tomintoul dann Inveraven. Dann gabs small-talk bei Tricha mit Harold, dem Organisten in Inveraven, bei standardOcoffee, bevor wir uns weiter trollten zum Aberlour Restaurant direkt im dortigen Hotel.

Übernachten auf den Highlands sollte man, außer man legt sich auf billigere Bed& Breakfast-Ensembles fest, im Richmond Hotel in Tomintoul, wo inzwischen auch Glasfaser fürs Netz gelegt wurden. Gute Betten, ausreichend Druck in den Wasserleitungen und ein brauchbares Frühstück zeichnen dieses Hotel aus. (direkt dahinter befindet sich übrigens The Whisky Castle, erste Probierstation der rund 30 Destillen hier in der Gegend, da ist es gut sein Bett in der Nähe zu wissen)

Leider nicht zu haben in Motherwells Hotel, wo regelmäßig das Fenster beim Öffnen in die Hand fällt und das Frühstück so schlecht ist, dass man zum EmCeDonald  breakfasten gehen muss.

Noch ein Bild der Kirche Inveraven, in der die Hill-Orgel steht. Herrliche Einsamkeit samt Friedhof mit uralten Pictish-Stones. Hier die Gambe anzublasen ist schon ein starkes Erlebnis. Die Adligen Grants und McPhersons in Ballindalloch haben sich diese kleine Kirche für Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen erwählt.

=

Das war auch unsere letzte Station, wo wir dann über Dover-Fähre-Belgien einen guten, sonnenbeschienenen Heimweg fanden.

Alles in Allem waren es dann doch 3800km, aber schön, wie alles in Schottland.

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ab wann gab es denn die ersten elektr. Gebläsemotoren?

Diese Frage wurde mir in den letzten zwei Wochen gleich dreimal gestellt. Ich denke, dass diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden kann.

Insbesondere glaube ich nicht, dass Deutschland eine Vorreiterrolle hier gespielt hat, sondern wir müssen wahrscheinlich nach England oder Frankreich blicken, wo Mitte/Ende des 19.JH das Ingenieurwesen sich intensiver damit auseinandersetzte.

Warum dies der Fall war, ist unter anderem an den auch heute noch bemerkbaren Mängeln der elektrischen Winderzeugung leicht zu klären: der durch Motor und Windrad erzeugte Wind ist eben einfach unruhiger, verwirbelter als der durch Menschenhand gepumpte.

Als nach der Fertigstellung der Ulmer Walcker-Orgel im Jahr 1854, der damals größten Orgel der Welt, verschiedene Mängel im Windsystem auftauchten, wurde die Realisierung einer Windmaschine beschlossen. Die 12 Kalkanten schafften es nicht, die für das Pedal notwendige 90mmWS zu erzeugen, weswegen im Laufe der nächsten Jahre eine Dampfmaschine angebaut wurde. Beim großen Umbau von 1882-1890 wurde nach Abschluss der Arbeiten ein 4PS starker Otto’scher Gasmotor eingebaut, der über sieben Schöpfbälge und einer raffinierten Excenterkonstruktion, die wiederum von einem extra Balg geregelt wurde, den erforderlichen Wind lieferte. Ich vermute, dass der Motor außerhalb der Kirche angebracht war und über Transmissionsriemen mit Wellen und Windrad in Verbindung stand.

Die erste rein elektrisch gesteuerte Pfeifenorgel wurde in Frankreich 1852 gebaut. Ich gehe davon aus, dass auch die Winderzeugung recht früh mit elektrischem Motor dort eingebaut wurde.

Engländer und Franzosen sorgten über ihre Weltausstellungen für die Verbreitung industrieller Entwicklungen. Wir kennen die Probleme, die Walcker bei Versuchen an der Bostoner Orgel 1863 hatten, als sie unglückliche Experimente mit elektrischer Traktur abbrechen mussten. Das geschah auch der Firma Weigle bei der Weltausstellung in Paris 1878, als dort ein rein elektrisch gesteuertes Instrument gezeigt wurde. Durch rasch abgebrannte Kontakte und leergelaufene Batterien hat man sich von der „Elektrik“ bald erholt.

Walcker baute in Wien Stephansdom 1886 noch einen Kalkantenruf ein, es sollten aber in den späten 1890er Jahren bereits elektrische Motoren dort gewirkt haben. In Wien Votivkirche ist urkundlich erwähnt, dass 1901 ein elektrischer Motor eingebaut wurde.

Ab 1905 waren alle größeren Städte in Deutschland am Netz. Die Gaslampen wurden nun langsam gegen elektrisches Licht ausgetauscht. Damit war nun gewährleistet, dass in großen Städten und deren großen Kirchen elektrische Motoren betrieben werden konnten. So war es bei den ersten rein elektrischen Orgeln in Deutschland (das muss man sehr vorsichtig so ausdrücken, weil ja immer noch erhebliche Pneumatik beschäftigt war) der von Voit gebauten Orgel 1905 in die Stadthalle Heidelberg, wo der elektrische Spieltisch aus England kam,  und von Walcker in der Münchner Odeonhalle, ganz klar, dass hier auch elektrische Motoren den Wind erzeugten.

Walcker bot ab diesem Zeitraum stolz seine „Kombinationsgebläse“ an, das waren Magazinbälge, die per pedes oder per Motor betrieben werden konnten. Denn es war nicht sicher, ob der Strom auch wirklich dauerhaft aus der Dose kam. Eine Erscheinung, die Amerika und Afrika auch heute noch bestens kennen.

Neben der Verwirbelung des Windes, die sich besonders bei Dispositionen mit vielen Stimmen kleiner als 4′ stark bemerkbar machen kann, hat der Motor noch andere Nachteile, wie seine unerbittliche Geräuschhaftigkeit oder seine Unberechenbarkeit.

Wir haben wiederholt große Unsicherheiten bei der Berechnung der erforderlichen Windmenge bei einschlägigen Herstellern von solchen Winderzeuger erleben müssen. so mussten wir dreimal Motoren in einer Kirche im Balkan erneuern, weil der Hersteller nicht in der Lage war eine Orgel mit 12 Register und Sub+Superkoppeln exakt berechnen zu können. Ein ähnliches Problem hatten wir bei einem Motoreinbau in Frankreich.

Wie edel ist es da Schrittmotoren zu sehen, die Kastenbälge uhrwerkmässig aufziehen, zu sehen und zu hören, welch reiner Wind sich da in die Orgel ergießt und welch ruhiger Atem durch die Orgel fließt.

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Die Orgel, Fetisch zur Weihnachtsfeier

Immer wieder wenn man genötigt wird in Zeitungen über sein Fachgebiet lesen zu müssen, ergreift einem die blanke Wut über Dummheiten, die dort laut verkündet werden. So wird vor Weihnachten gerne das Terrain „Orgelmusik & Orgelbau“ von unserer Oberflächenjournaille aufgegriffen und vergewaltigt, ohne dass sich der geringstmögliche Tiefstand bei  solchen Recherchen zeigt. Alles löst sich da in Nebel und Geschwafel auf. Zuletzt gesehen bei der Süddeutschen Zeitung, die in Ihrer vergangenen Freitagausgabe bereits in den Schlagzeilen für Verwunderung sorgte.

Wir lesen da: „Orgeln wie die von Johann Fux in Fürstenfeld zählen jetzt zum „Immateriellen Kulturerbe“. Klar, dass ein Idiot, um im Wortspiel von Herrn Prantl zu bleiben, das Wesen der von der UNESCO vergebenen Auszeichnung nie und nimmer verstanden hat.

Ich will gar nicht so weit ausholen und den platonischen Unterschied zwischen Idee und Objekt oder Materie bemühen, aber es muss doch klar sein, dass das Brauchtum des deutschen Orgelbaus und die dazugehörige Orgelmusik ausgezeichnet wurden und nicht wie man dem Zeitungsleser mit Bildern und lauten Begriffen klar machen will, es handle sich um fassbare Gegenstände oder gar bestimmte Orgelwerke oder Orgelbaufirmen.

Auch der zweite Artikel, bei dem der Organist Michael Hartmann mit zweifelhaften Daten in der Orgelhistorie herumstochert, die Orgel sei von Byzanz nach Europa gekommen, stimmt uns ärgerlich. Zwar wurde das Byzantinische Reich (etwa 650 v.Chr.-330 n.Chr) in der Geschichtsschreibung ganz allgemein als „Byzanz“ bezeichnet (also nicht nur die Stadt Byzanz, die dann ab 330 Konstantinopel genannt wurde und heute Istanbul heißt, sondern das Byzantinische Reich hatte um 1025 seine Ausdehnung bis Österreich, war also in Europa angekommen).

Die Orgel aber stammt aus der griechischen Antike (und Griechenland war lange Zeit durch Byzanz absorbiert worden), auch wenn man sich darauf geeinigt hat , dass Ktesibios aus Alexandria (Ägypten) die Orgel, wie wir sie heute definieren, im Jahr 246 v. Chr. erfunden hat. Denn Ktesibios war ein griechischer Techniker, was wir heute eher mit künstlerischem Handwerker übersetzen sollten. Außerdem ist bekannt, dass in der griechischen Antike die Orgel (als hydraulos= Wasser-Aulos) sehr oft genannt wurde. Vitruv  (ein römischer Gelehrter um 100 v.Chr.) und Heron haben erste genauere Skizzen zu diesem Instrument geliefert. So wäre also auch aus dem Grund, dass man anhand der gefundenen römischen Orgeln, die zweifellos Kopien der griechischen waren, mit der man übrigens die antike Musiktheorie rekonstruieren konnte, die klare Aussage richtig gewesen: „Die Orgel stammt aus dem europäischen Kernland der Antike, aus Griechenland“ (und wie sie in die mitteleuropäischen Kirchen kam, ist eher umstritten).

Sogar der römische Cäsar Nero lernte die Orgel im Jahr 66 n.Chr. in Griechenland kennen und gelobte selbst Orgelspieler werden zu wollen, was den mittelalterlichen Kirchen den Geschmack auf das Instrument zunächst vermasselte. Wir können aber heute davon ausgehen, dass der römische Adel und seine Führer reichlich Gebrauch vom Orgelspiel machten.

Nach Untergang des weströmischen Imperiums verschwand das Instrument in Rom, wurde aber in „Ostrom“, also Konstantinopel weiterhin auf den Kaiserhöfen benutzt. Und so erfolgte  im Jahr 757 n.Chr. eine Schenkung einer Orgel vom byzantinischen Kaiser Konstantin V.  an den König Pippin der Kleine (714-768, Sohn Karls des Großen, König der Franken).

In die Kirchen kam die Orgel, entgegen allen falschen organologischen Behauptungen, gegen 680 n.Chr. in England, wo der heilige Aldhelm ausführlich und mehrfach über dieses Instrument berichtete. Woher diese Orgel stammte ist völlig unbekannt, aber dies war der Einstieg in die Kirche. Im Jahre 950 n.Chr. wurde in Winchester St. Peters eine „Riesenorgel“ mit 400 Pfeifen errichtet, die von 70 starken Männern betrieben werden musste (wahrscheinlich völlig übertriebene Darstellung der Sache, wie es eben im Mittelalter oft geschah). Auch erste Orgelliteratur stammt aus englischen Kirchen, so dass wir heute ziemlich klar England als das Ursprungsland der  beginnenden Orgelkultur in europäischen Kirchen benennen können.

Was aber entscheidend für die heutige Darstellung der Orgel, des Orgelbaus und der Orgelmusik ist, das ist die gegenwärtige miserable Lage dieses Brauchtums. Und hier wird in den mir zugängigen Medien ein wunderliches Gebet veranstaltet, in dem man sich nur noch den Orgelbauer als Nikolaus mit weißem Bart und hirschgezogenem Schlitten vorstellen muss. Da stoßen solche Artikel, die den Anschein erwecken wollen, wir sind bestens mit unserem uralten Brauchtum des Orgelbau- und Spiels vernetzt, unterbergmäßig bitter auf.

Bis vor dem ersten Weltkrieg kann man sagen wurden laufend neue Kompositionen für die Orgeln geschrieben, jeder Organist konnte improvisieren, eine dynamische und kreative Orgelwelt hatte Zuhörer, Komponisten und Interpreten, die auch abends im Familienkreise musizierten. Mit Aufkommen der Massenmedien änderte sich das Verhältnis der Gesellschaft zur Musik radikal. Die Orgel wurde in vielen Kirchen zu einem Fremdkörper, der viel Geld kostete und der keinen Komponisten mehr interessierte. Die leichte Kost der Medien war schneller, flexibler, konsumgerechter =  massentauglicher. Lassen wir uns nicht von Repräsentations-Exemplaren täuschen, die alle paar Tage in den Medien, wie Werbefernsehen eben ist, gezeigt werden. Und noch weniger sollten wir uns täuschen lassen von solchen Zeitungsberichten.

Nur die Erinnerung der Alten, die als Kinder unter Orgelmusik an religiöse Wahrheiten herangeführt wurden, führte oft noch zum Erhalt des einen oder anderen Instruments. Völlig verstörend ist für mich der Umstand, dass wir heute unter diesen Umständen Orgeln am laufenden Band vernichten. Wir werfen einem außer Rand und Band geratenem Präsidenten der USA Ignoranz in Sachen Umweltschutz vor, während unsere Kirchen völlig intakte und historisch wertvolle Orgeln auf den Müll werfen, nur weil Organisten ihren Moden nach „Franzosenart“ frönen. Auf der anderen Seite sehen wir keinerlei Komponisten von Rang, die in den vergangenen 50 Jahren Werke für Orgel geschrieben haben. Sie sei eben tot, wie es Hindemith schon in den 20er Jahren gesagt hatte.

Als Orgelbauer, der  die inflationäre und fabrikmäßige Fertigung von Serienorgeln erlebt und mitgestaltet hat, weiß ich wohl, dass Mäßigung immer ein Grundgebot von großer Kultur war. Die rein technische Perspektive unter der das deutsche Sachverständigenwesen Orgelbau zulässt, erscheint mir als Reise in die totale Sackgasse, in der ohnehin keine große Musik mehr aufblühen kann. Man erstickt durch Bürokratie und Gelehrtenhaftigkeit jedes zarte Aufblühen, jeden Versuch eines künstlerischen Neuanfangs.

Wir können sehr gut an großen Kulturepochen studieren, wie sich vergangene Zeiten ihren Ruf bewahrt haben. Im Angesicht von Klimakatastrophen und dem Versagen von Kirchenmusikschulen ihren Schülern selbständiges Musizieren beizubringen, habe ich größte Bedenken, dass wir nochmal ein Auflachen Neuer Orgelmusik erleben dürfen, wie das noch Ende der 1960er Jahre in Deutschland der Fall war.

Meine Gespräche in den letzten Jahren mit Kirchenmusikern unterschiedlichster Prägung haben mir gezeigt, dass Orgelmusik durchaus nicht am Zustand der Kirchen gemessen werden sollte. Orgelmusik als Weltkulturerbe könnte sich durchaus in Konzerten einer anderen Entwicklung verschreiben als es die christlichen Religionen tun.

Vielleicht führen ein paar Zufälle in andere Richtungen.

(gwm)

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Mit dem Wartburg auf die Wartburg

(an Eastern Country Blues) Kaum waren wir an der Eisenacher Walcker-Orgel in der Nicolai-Kirche mit der Aufnahme zur Dokumentation fertig, ging’s tatsächlich mit einem Wartburg weiter hoch auf die Wartburg.  Am Hintersitz ein Eisenacher, der uns beredete  Einblicke in die Stadt gab.

Der Wartburg vor der Wartburg                          Die Walcker-Orgel in Nikolai

Aus dieser abenteuerlichen Fahrt wurde ein Video fabriziert, eben einen EASTERN COUNTRY BLUES, mit einem schwerblütigen Refrain, wer immer ihn dazu sang:

Dann gings weiter in die Kulturhauptstadt Europas:

Weimar, 1 Tag sich  von Goethe, Schiller, Liszt und Nietzsche bezaubern lassen.

Weiterreise zur Walcker-Orgel nach Großrudestedt, ein pneumatisches, spätromantisches Werk, das sich hinter einem Barockprospekt und blinden Zinkpfeifen verbarg.

Am Samstag halte ich einen kleinen Vortrag für rund 10 Mitglieder des Kirchenrates über dieses herrliche Instrument und andere, vergleichbare Orgeln und den möglichen fantastischen Klang dieser Orgel, wenn sie wieder einmal gerichtet sein wird.

gwm

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