San Salvador (5) Regenzeit

Überfallartig werden wir oft von heftigstem Regen auf unserer Balkoniawerkstätte in den vergangenen Tagen überrascht. Erinnert mich an den Regen in Bliesransbach als mehrere Häuser und Garagen vom Wasser so heftig attackiert wurden, das Autos und Gebäude wie Spielzeug herum geschoben wurden.

Hier lauert immer wieder die Überflutung der Treppen auf denen unsere Pfeifen und Orgelteile gelagert sind. Da haben wir unser Argusauge drauf geworfen.

Hier hat man zwar vorgesorgt, in dem man riesige Kanäle zum Abtransport des Wassers gebaut hat, die hohe Luftfeuchtigkeit aber setzt den Metallen gewaltig zu, wie wir an den verschiedenen Orgelteilen sehen können. So sind alle Bleirohre und sehr viele kleinere Metallpfeifen von einer Oxidation befallen, die Maßnahmen erfordern.

Die Elektrik am Spieltisch und teilweise in der Orgel haben wir soweit saniert, dass Funktionsprüfungen stattfinden konnten. Es müssen aber doch einige Hebelmagnete und Spulen ausgestaucht werden, die wir aber im Voraus so berechnet hatten. Nachfolgend ein Foto, wo ein Magnet durch Kurzschluss einige Kabel abgebrannt hat.

Das gute Eichenholz hatte somit zwei Feinde zu bewältigen: die hohe Feuchtigkeit und den Comejen (Holzwurm der A-Klasse, der hier in Mittel- und Südamerika unvorstellbare Schäden anrichtet). Ich meine, der Entschluss der Firma Walcker ab etwa 1930 nur noch in Eichenholz gebaute Orgeln in diese Gegenden zu liefern hat sich bezahlt gemacht. Wir haben andere Orgel gesehen und repariert, die in einer einzigen Taste bis zu 20 lebendige Holzwürmer beherbergt haben und die nur ganz behelfsmäßig repariert werden konnten.

Das Leder jedoch unterliegt einem normalem Verschleiß und scheint von der Feuchtigkeit mit Ausnahme einiger kleinerer Schimmelansammlungen nicht tiefgreifend erfasst worden zu sein.

Hier Ying/Yang in der Registereinschaltung (altes und neubeledertes Ventil)

Das nachfolgende Bild zeigt mich bei einer entspannenden Tätigkeit, bei der Restaurierung der Registerbälge (im Hintergrund die Maria de Guadalupe, zu der hier Wallfahrten stattfinden).

Im Gegensatz zu Restaurierungen in Europa verwenden wir hier nur temporär Fischleim und hauptsächlich US-Weißleime der verschiedenen Arten, da die Feuchtigkeit die Warmleime allesamt aufgelöst haben. Die Klebeverbindungen dieser organischen Leime werden über 3-4 Tage flüssig gehalten und sind einfach nicht stabil genug, um die Feuchtigkeit abzuweisen.

Hier unser Team an der Sanierung des letzten Einfaltenbalgs und der Membranleisten.

Nachfolgend noch ein paar Fotos aus der Orgel zum derzeitigen Zustand (20.10.18)

 

Und ah….. endlich wieder mal, am heutigen Samstag, da kam sie, morgens um 5:35, die Sonne – aus Europa- hoffnungsvoll und heiter zwischen den Palmblättern des Gartens….

aber der erneute Regen ließ nicht lange auf sich warten, Punkt zwölf Uhr mit dem ausgesucht filigranen, feinem Glockenspiel der Basilica strömte er „in Maßen“ auf die Wellbleche der Häuser und Hüte aus Plastiksäcken. Dass hier in diesem Landstrich soviele Hitzköpfe beherbergt sind verwundert mich, die haben doch laufend eine hübsche, erfrischende Abkühlung.

gwm

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San Salvador (4) im Schnee

soweit ist es noch nicht, aber es gibt  „schneeweiße Tasten“ im Land der gelben Bananen,

des extra-braunen Kaffees und des Oscar Romero, der an diesem Sonntag heiliggesprochen werden soll. Zu letzterem Romero hat die Süddeutsche in dieser Woche einen schönen Artikel geschrieben. Überall in der Stadt trifft man auf Verehrungsbilder, besonders natürlich in der Kirchen und soweit ich sehe, gibt es sowieso nur Katholisches.

Nun aber zur Orgel.

Ja wir haben das Äußere des Spieltisches soweit abgeschlossen. Jetzt werden wir die separate Orgelstromgeschichte nur für den Spieltisch installieren und dann zuerst mal den Spieltisch gründlich austesten, bevor es an die Elektrik innerhalb der Orgel geht.

Das Problem hier ist, dass jede fehlende Schraube, jedes abgebrochene Gewindeglied, oder wie hier im II.Man, wo eine komplette C-Taste gefehlt hat, enorme Kopfschmerzen bereiten kann, weil man unmöglich alle diese Eventualitäten vor Abreise berücksichtigen konnte.

Hier aber noch ein Bild unserer Spieltischwerkstatt, daneben ein Foto aus der Balg-Windanlage-Abteilung, wo es im Freien etwas gemütlicher zugeht.

Mit 5 Paketen von etwa 100kg Gesamtgewicht war das Maximale der Werkzeuge und Materialien in der kurzen Zeit von 8 Tagen an Möglichkeiten erschöpft, die zur Vorbereitung für diese recht komplizierte Restaurierung dienten. Den Rest müssen wir hier improvisieren, wie der freihändig spielende Künstler sagt.

Bei dem Spieltisch aus 1952 handelt es sich übrigens um ein Laukhuff-Modell. Man wird jedoch kaum eine Person bei der heutigen Firma finden, die sich mit solchen Traditionalien auskennen oder gar handgriffige Ratschläge erteilen konnte. Wie gesagt, es ist eben eine Sache der Improvisation, und wer eben nicht „vom Blatt spielen kann“, das heißt „die Literatur der neuesten Orgelbaugeschichte“ kennt, der sollte die Finger von solchen Projekten lassen.

Interessant noch eine Silbertafel des damaligen Spenders, auch von der Firma Walcker im Jahr 1952 gefertigt:

Schön war es anzusehen, wie unser dritter Mann Vitaliy, aus Lemberg, Ukraine, sich gleich mit den Bälgen anfreundete, und Ende der Woche das erste Stück, den Balg für den Motor fertigstellte.

Nun gibt es noch zwei weitere Einfaltenbälge, die in den nächsten 6 Tagen neu beledert sein müssen. Dann erfolgt die Fertigstellung der Windanlage und wir können bereits mit der klanglichen Seite der Orgel unsere Langeweile vertreiben.

Wir sind froh ein paar Sonnenbilder aus San Salvador dieser vergangenen Woche zeigen zu können, denn es hat fürchterlich geregnet, beinahe alle Tage. Ein Stück Schleifpapier hat sich im Nu sorgsam aufgerollt, vollgesogen mit Feuchtigkeit. Da kann man erahnen, was eine Pfeifenorgel hier durchmachen muss.

Ja, und dann gibt es noch unseren Sir Francis, eine Riesenheuschrecke, die mit großen Augen staunt, was es hier alles auf dem Balkon zu sehen gibt – wurde sofort orgelbautechnisch vermessen und eben hier abgelegt:

gwm

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San Salvador (3) Anpassung

Von Kardinälen, von Generälen, Politikern und am Ende handelt es sogar von Orgelbauern die zum Empfang der Deutschen Botschaft anlässlich des Tages der Deutschen Einheit im hochangesehenen Hotel Barcelot in San Salvador geladen waren.

Dazu wurde sogar unsere Orgelrestaurierung in der von der Botschaft zu diesem Ehrentag herausgegebenen Zeitung entsprechend erwähnt. Am Ende gabs neben Hofbräu-Bier, Leberkäs mit Sauerkraut. Schön und präzis war die eingangs von Jugendlichen vorgetragene Hymne auf „El Salvador“ und „Deutschland“. Hat mich sehr beeindruckt, weil man manchmal gar nicht glauben kann, dass hier überhaupt etwas fehlerfrei von statten gehen kann.

Nachdem die Bälge gut untergebracht und alle Membranleisten ausgebaut sind gehen wir an die Restaurierung des Spieltisches. Hier habe ich die Absicht das 14V Netzteil unterzubringen und zuerst nach der Überholung den Spieltisch abgetrennt von der Orgel auszuprobieren. wir hoffen, dass dann alle Werkzeuge, Messgeräte und Materialien via Paketsendung unseren Zielort erreicht haben.

Die Kontakte des ersten Manuals sind an den Federn völlig oxidiert und sind gründlich zu reinigen.

Es wurde zu dieser Zeit bei den Kontaktschienen eine Art Phosphorbronze verwendet, die schnell oxidiert, während das Oxid der Silberkontakte auch noch Strom leitet.

Bei den Registertasten haben wir viele abgebrochene Kontaktfedern, wahrscheinlich durch Fehlbehandlung bei Reparaturen. Außerdem fehlen Federn. Die ehemals weißen Registertasten haben sich in unansehliche braun-dunkelgelbe Elemente verwandeln, die mit reinem Wasser gereinigt wieder ästhetischen Glanz gewinnen.

Alle furnierten Holzteile wurden scheinbar mit Warmleim beklebt, was viele Loslösungen des bei dieser hohen Luftfeuchte Furniers verursachte.

Gottseidank haben wir hier im Orgelinneren und auch am Spieltisch keinerlei Holzwurmbefall feststellen können, wie es hier in Mittelamerika sehr oft vorkommt. Daher können wir uns auf die grundlegende Reinigung und Beseitigung der Mängel durch Feuchtigkeit begrenzen.

 

gwm

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San Salvador (2) erste Eindrücke

Die Orgeln Mittelamerikas haben zwei entschiedene Gegner: das Klima( hohe Luftfeuchte die sich mit starker Trockenheit abwechselt) und die Handlanger, die sich zum Orgelbauer berufen fühlen (mal abgesehen von den Elektrikern, die allesamt ohne jegliche Ausbildung sind und von einer deutschen Berufsgenossenschaft sofort verhaftet werden würden.

Gegen diese zwei Gegnerschaften gilt es bei Restaurierungen Maßnahmen zu ergreifen. Das gelingt beim Wetter halbwegs. Wir konnten so in eine 32Register-Orgel Costa Ricas eine Regenrinne in eine Orgel  einbauen, weil die Dachdecker es nicht geschafft haben, den Raum über der Orgel abzudichten.

Hier und jetzt aber wollen wir nicht zu viel klagen und unsere ersten Schritte in San Salvador, der gefährlichsten Stadt der Welt , etwas erläutern:

  1. Wir haben die drei Einfaltenbälge ausgebaut und überprüft. Sie wurden vor rund dreißig Jahren mit völlig falschen Mitteln repariert und waren danach nicht mehr in der Lage sensitive Regulierungsmaßnahmen durchzuführen. (falscher Leim, völlig verfehlte Materialien etc.) Diese Bälge stehen jetzt zur Restaurierung an. Das wird unser Ukrainer Vilaliy Chychevvsky aus Lemberg durchführen.

2. Wir haben nun alle Membranleisten ausgebaut und diese behandelt. Die Membranen werden i.L. der nächsten Tage erneuert, dann erfolgt der Wiedereinbau

3. Begonnen wurde die Restaurierung des Spieltisches, in den irgendwann einmal Wasser eingedrungen sein musste. Aber auch ohne das Wasser, es sind alle Metallteile sehr stark oxidiert und besonders die Kontakte müssen gründlich überarbeitet werden. Das Äußere sieht schrecklich aus. Die Tasten wurden von einem „Tastenkiller“ mit Heißluftgebläse ruiniert. Das hat diese Person bereits an mehreren Spieltischen verbrochen, ich hoffe man schnappt ihn einmal.

4. Die elektrische Installation hat schwer unter den klimatischen Verhältnissen gelitten und muss sehr aufwendig überarbeitet werden.

Aber wie man sieht haben wir auch eine herrliche Ruheinsel neben der Basilica gefunden, wo es einen guten Café Salvadoria und kühles aqua gibt, direkt an der Panamericana – einer Autostraße vom Süden Chiles bis hinauf nach Alaska, die längster Autostraße der Welt.

und daneben Blütenblätter eines afrikanischen Flammenbeerbaumes, über die man täglich gedankenlos geht. Ja das Land hat was, besonders unser „Paradiesgarten“ im Priesterseminar.

gwm

 

 

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San Salvador Ankunft

Nach 30stündiger Reise über Punta Cana, dann Panama, um schließlich morgens um 8Uhr unserer Zeit  in der Unterkunft im Priesterseminar am Plaza Guadalupe ins Bett zu fallen. Erster Eindruck: viel grün, viel Ruhe, auch Stille gibt es.

Nach gut 3 Stunden Schlaf am gleichen Morgen nach dem Frühstück gings in die Orgel, um mit dem mitgebrachten Werkzeug erste Abbauarbeiten vorzunehmen. Wie aus einer Kohlenzeche ausgespien sah man da aus.

 

Der Motorbalg gab mal gelinde 75mm Winddruck ins Orgelinnere, was den beiden Einfaltenbälgen ein müdes Lächeln abgerungen hat. Sie wollten einfach  nicht steigen. Die angeschlossene Lichtmaschine verringerte die Power des Motors enorm und natürlich haben Gewichte gefehlt, die man für andere Baumaßnahmen verwendet hatte.

Die Lichtmaschine wurde also gleich demontiert, hier wartet man auf eine elektronische Spannungsquelle. Dann, so ganz langsam, bekam man noch am ersten Tag einen leichten Lichtblick über die Orgelzustände und es wurden alle Bälge abmontiert und ins Freie verbracht.

Alle Holzpfeifen waren mit bis zu 1 cm breiten Rissen durchquert. Hohe Luftfeuchte und dann radikale Trockenheit hatten hier ihre Finger drin.  Die Orgel-Kabelanlage macht einen grausigen Eindruck. Noch schlimmer ist es beim Drehstrom, dessen Anschlüsse ohne Schutzbleche oder andere Sicherungsmaßnahmen höchste Gefahr signalisieren.

Klar ist, dass man in solchen Ländern die Hausspannung nur bei 110V belassen kann, ansonsten gäbe es Mord und Totschlag.  Den gibt es zwar auch, denn hier in der Stadt soll es 125 Tote durch Verbrechen jede Woche geben. Oberstes Gebot ist es hier also: unbedingte Sicherheit einwägen – in allen Fällen.

Mittags gings über die Brücke, welche die Panamericana überquert, zum Food-Center der riesigen Shoppingmal, wo man sich aus 14 Restaurants das Beste ausgesucht hat, die chinesische Küche mit frischem Gemüse und regem Andrang.

Dann leuchtete die Basilica  Nuestra Señora de Guadalupe, die wie viele andere ihren Namen der Ortschaft in der Extremadura verdankt, in dessen Catedral eine recht beschauliche Walcker-Orgel ihre Dienste verrichtet, in hellem Lichte.

gwm

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zu Goethes „Murrhardt Stadtkirchenorgel“

Hierzu haben wir einige Kommentare erhalten.

Ein ganz wichtiger Kommentator hat mich allerdings überzeugt: Die Arbeiten der Firma Kreisz in den Jahren 2001 wurden in Murrhardt sehr begrüßt – uns, der Firma Walcker kam es allerdings spanisch vor, dass keinerlei Rückfrage zur Erbauerfirma stattgefunden hat. Aber das bleibt der Rangfolge an weiteren Fragwürdigkeiten, die uns der Sachverständige und das Murrhardter Pfarramt serviert haben als kleinstes Problem übrig.

Hier der Artikel der Murrhardter-Zeitung aus 2001

Kreisz hat, wie im beigefügten Artikel der Murrhardter Zeitung zu entnehmen ist, eine Summe von DM 135.000,– erhalten. Eine Riesensumme an Spendengelder, die praktisch 20 Jahre nach Erbauung der Orgel flossen, um dann keine zwanzig Jahre später erneut mit Abbau der Orgel als vergebliche Liebesmüh gezeitigt zu werden, indem  die Besorgnisse der Kirchenspender in  den Müll getütet wurden. Eine Verschwendung, die uns sprachlos macht.

Was für eine arrogante und maßlos gewordene Kirche soll hier noch Glaubwürdigkeit verbreiten? Das ist die Frage, welche uns beim Anblick der Murrhardter Geschehnisse umtreibt.

In der heutigen Zeit, wo wir besorgt auf die ausgebeutete und erschlagene Natur blicken, sinnbildlich gedeutet auf den schönen Murrhardter Wald, und hier bei der Bornefeld-Orgel deuten wir auf den massiven Eichenprospekt. Soweit ich mich erinnere wurden mehr als 4cbm Eiche verschafft. In einer Zeit, in der die Probleme ganzer Weltteile auf uns einstürzen und wir unsere christliche Ethik nur noch wahren können, wenn wir eiserne Disziplin walten lassen.

Und hier im kirchenmusikalischen Hinterland wird ein Tanz ums Goldene Kalb vollführt, wie wir es nie zuvor in dieser Gleichgültigkeit erlebt haben, gespickt mit tollen Kommentaren vom Bauamt und Sachverständigen, die alle nur eins gemein haben, nämlich ihre Hände in Unschuld waschen  zu wollen. Weil ja ein maßloser Spender gewissermaßen die christliche Ethik mit Geld zuschüttet.

So fragt mich ein Orgelbaumeister: Wer hat denn die Arbeit von Kreisz befürwortet und abgenommen?

Müssen den Spendern nicht die 135.000,– DM zurückgezahlt werden? Oder handelt es sich um einen stillschweigenden Betrug, an den wir uns halt schon lange gewöhnt haben?

Das sind die Fragen, die hier aufgeworfen wurden, während mich persönlich die ökologische Verantwortungslosigkeit mehr als genug umtreibt. Denn wie soll man jemandem Lösungsmöglichkeiten um die Tragödie um den Plastikmüll im Pazifik erläutern, während hierzulande komplette Riesenorgeln ein paar Geschmacksnuancen  wegen entsorgt werden.

gwm

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Die Gustav Raßmann-Orgel in Niedertiefenbach

Vergangene Woche (KW34) wurden wir bei einer Pflege unserer Orgel in Obertiefenbach nach Niedertiefenbach gerufen, wo wir dieses schön klingende Instrument aus Gustav Raßmann, Möttau vorfanden. Wahrscheinlich ist es so, dass dieses Instrument von der Nachfolgefirma Hardt gebaut wurde, die sich verpflichtet hatte, den Namen Raßmann bis zu dessen Tod (1906) weiter zu führen.

Wenn wir also davon ausgehen, dass die hier gezeigte Orgel gegen 1906 gebaut wurde, so ist es also eine Hardt-Orgel, die ungewöhnlich genug zu dieser Zeit, mit Schleifladen gebaut wurden. Die Anlage der  Mechanik zeigt, dass der Orgelbauer ausreichend Erfahrung im Bau mechanischer Kegelladen hatte.

Der Klang dieses Instruments ist beeindruckend. Besonders das Cornett im I.Man. ist ein wunderbares Register, das eine Zunge restlos ersetzt.

I.Manual C-f“‘

  1. Bourdon 16′
  2. Principal 8
  3. Gamba 8
  4. Gedeckt 8
  5. Holzflöte 4
  6. Octave 4
  7. Quinte 2 2/3
  8. Octave 2
  9. Mixtur 2
  10. Cornett disc

II.Manual

  1. Salicional 8
  2. Liebl. Gedackt 8
  3. Flöte dolce 4
  4. Gemshorn 4

Windauslass

Pedal C-c ‚

  1. Violonbass 16′
  2. Subbass 16
  3. Octavbass 8
  4. Violoncello 8

Pedalcoppel

Weniger schön war, dass die gesamte Traktur nur auf 3-4mm Tastenreise eingestellt war, was dem Organisten kaum flüssiges Spiel erlaubte. Es könnte durchaus sein, dass diese ungewöhnliche Traktur seit mehr als 20 Jahren so eingestellt war (siehe Foto Spieltisch, wo man dies besonders gut in der Mittellage des II.Manuals erkennen kann).

Es war ein leichtes, aber unvorhergesehenes Stück Arbeit, diese Traktur auf halbwegs normales Niveau zu bringen. Hoffen wir, dass nun der Organist, der große Stücke auf die Orgel hält, doch noch seine „Läufe“ wie gewünscht ins „“Rasante“ zu steigern weiß.

Eine schöne Kirche auch, die von Ferne, wie auf einem Thron von einer Anhöhe gebieterisch ins Land hinaus blickt.

gwm

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zu Murrhardt eine Stellungnahme von Burkhart Goethe

Vor zwei Wochen erhielt ich, ganz überraschend,  eine Email vom zuständigen Sachverständigen, die ich hier ungekürzt und unkommentiert zeigen möchte. Anlass zu diesem Schreiben war wohl mein Artikel dazu.

Sehr geehrter Herr Walcker-Meyer,

bezugnehmend auf Ihren Kommentar »Murrhardt und die sieben Schwaben« in Ihrer homepage bitte ich Sie, folgende Punkte zur Kenntnis zu nehmen:

  1. Im Gegensatz zu meinem Amtsvorgänger Bornefeld habe ich während der letzten 36 Dienstjahre und bei rd. 560 Orgelberatungen niemals versucht, einer Kirchengemeinde im Falle eines Neubaues meinen Prospektentwurf zu oktroyieren, es sei denn, sie hat mich ausdrücklich darum gebeten. So auch nicht in Murrhardt, wo der Entwurf für das neue Instrument einzig und allein von Orgelbau Mühleisen stammt.
  2. Bei der Planung einer neuen Orgel für Murrhardt habe ich anfangs durchaus den Versuch unternommen, die Gemeinde zur Erhaltung des Bornefeld-Prospektes (und auch großer Teile des Klangbestandes) zu bewegen. Leider konnte ich mich nicht gegen den örtlichen Kirchenmusiker und einen mir noch heute völlig unbekannten Stifter durchsetzen. Auch meine Empfehlung, das Instrument mit Blick auf die Raumgröße auf maximal 35 Register zu beschränken, blieb ungehört. Diese Empfehlung hatte übrigens auch der mitbietende Claudius Winterhalter ausgesprochen.
  3. Anläßlich einer Gemeindeversammlung im April 2015 zeigte sich, daß ein großer Teil der Gemeindemitglieder seit Bau des Walcker/Bornefeld-Instrumentes 1976/77 sich ganz offensichtlich nie mit der Prospektgestaltung und hier vor allem den Holzpfeifen anfreunden konnte. Dies hat mich selbst überrascht.
  4. Von den 91 durch Bornefeld gestalteten Orgeln wurden 2002 für den Bereich der württ. Landeskirche nach einer flächendeckenden Bestandsaufnahme im Einvernehmen zwischen der »Heidenheimer Stiftung« und dem Evang. Oberkirchenrat 30 Instrumente zum Eintrag als Kulturdenkmal vorgeschlagen. Die Murrhardter Orgel wurde in diese Liste nicht aufgenommen, weil sie zu dieser Zeit bereits durch Kreisz ganz erheblich verändert worden war. Diese Veränderungen 1996, 2000 und 2001 fielen nicht in meine Mitverantwortung, da Murrhardt erst seit 2002 zu meinen Dienstbereichen gehört.
  5. Fatalerweise kam es beim damaligen Landesdenkmalamt BW jedoch nie zu einem Eintrag der genannten 30 Orgeln als Kulturdenkmale. Fast die Hälfte, nämlich 14 der Instrumente auf dieser Liste stehen in den von mir zu betreuenden Kirchenbezirken. Und 13 von diesem Instrumenten wurden zwischen 1985 und 2018 trotz fehlenden Denkmalschutzes und nicht selten gegen vehemente Änderungswünsche der Organisten/Innen durch rein konservative Maßnahmen (Hauptausreinigung/techn.Instandsetzung/Schimmel- und Anobienbehand-lung) instand gehalten, ohne daß irgendwelche Veränderungen an Gehäusen und Klangaussagen erfolgt wären. Die jüngste Maßnahme dieser Art erfolgte erst im April 2018 an der Walcker/Bornefeld-Orgel (op. 3172, Bj. 1953, II/12 mS) in der Evang. Matthäuskirche SHA-Hessental durch OBM Michael Mauch.
  6. Insgesamt wurden für die Erhaltung dieser 13 Orgeln (ohne lfd. jährliche Warungskosten) zwischen 1985 und 2018 umgerechnet 370.133,07 € ausgegeben. Das mag gering klingen, ist aber für die armen Hohenloher Kirchengemeinden eine Menge Geld.
  7. Bei op.3801 (Westorgel Stadtkirche Schorndorf, 1961, III/45) lag die Sache anders: Hier waren nach heftigem Herumgehüpfe während eines Pop-Konzertes die Widerlager in den Emporentreppungen so verrutscht, daß Empore und Orgel statisch stark gefährdet waren. Die Empore wurde gesperrt und Lenter sicherte das Instrument durch Absprießungen entsprechend ab. Dann wurde die Kirche komplett innenrenoviert und die Orgel –wie so oft- entgegen dem Rat des OSV unzureichend verpackt. Es gab enorme Staubschäden.

Überdies hatte die elektrische Schwachstromanlage signifikante Sicherheitsmängel und die Trakturen waren erneuerungsbedürftig. Aus diesem Grunde wurde eine technische Sanierung ausgeschrieben und Fa. Mühleisen erhielt den Zuschlag. Sowohl der Prospekt (Entwurf Architekt Heim/Stuttgart), als auch der gesamte Klangbestand blieben bis auf die Teilung von zwei gemischten Aliquotstimmen unverändert erhalten. Für die Nachintonation haben wir KMD Jürgen Schwab aus Stuttgart als einen der profundesten Kenner Bornfeldscher Klangintention beratend hinzugezogen. Die gesamte Maßnahme kostete 418.000 €. Trotz des gewünschtes Einbaues einer Setzeranlage (mit dualer Beibehaltung der freien Kombinationen) blieb die Bornefeld’schen Gestaltung auch des   Spieltisches unverändert. Die Chororgel (Link/Bornefeld) wurde ein Jahr später ebenfalls überholt und bekam neue Registerzugmagnete. Auch sie blieb klanglich völlig unverändert.

Zusammenfassend kann ich sagen, daß ich nicht zu den (sieben) Schwaben gehöre, sondern aus Norddeutschland stamme, wo ich eine fundierte, 6 ½ jährige Ausbildung als Schreiner, Orgelbauer und Pfeifenmacher erhielt. Daher zähle ich mich auch nicht zu den Künstlern, ob zweit- oder drittklassig. Und im Hinblick auf die Erhaltung des Bornefeld’schen Erbes habe ich mir nichts vorzuwerfen. In der Ablage noch ein Beispiel für Goethes »eklektizistische Prospektgestaltung«.

Mit freundlichen Grüßen

Burkhart Goethe

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Thüringen Orgelansichten

Zu einem Vortrag in Großrudestedt geladen, dort, wo sich die Walcker-Orgel Opus 1405, II/20, Bj 1907, mit pneumatischer Kegellade hinter einem Barockprospekt befindet, sind wir noch zu anderen Instrumenten aufgebrochen.

Zunächst ein paar Worte zu dem Vortrag, den ich dort gehalten habe. Die rund 100 Bilder, die ich in diesem Vortrag ausgewählt habe sind unter diesem Link aufrufbar. Dabei handelt es sich um einen frei gehaltenen Vortrag über die Geschichte der Orgel unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Firma Walcker. Sehr schön war der Umstand, dass rund 40-50 Personen anwesend waren, obwohl zu diesem Zeitpunkt England-Kroatien im TV gezeigt wurde.

Nach zwei Stunden Rezitation und einer kleinen Ausstellung von Orgelpfeifen und historischem Material, war es ein tolles Erlebnis auf die vielen Fragen des Publikums eingehen zu  können. Auch die Organistin aus Erfurt -Stotternheim war eine interessante Gesprächspartnerin, der ich nun das Versprechen geben konnte, ihre schöne und restaurierte Walcker-Orgel in unseren Webseiten zu zeigen. Das Werk wurde von der Firma Scheffler vor 10 Jahren restauriert.

Viel Glück war der Orgel beschieden, als im Jahr 2002 sich eine Turmspitze in den linken Pedalturm und Magazinbalg hineinbohrte. So gut wie kein Pfeifenmaterial wurde getroffen.

  

Ein wunderschön hergerichteter Kirchenraum empfing uns in der ebenso herrlichen Kleinstadt Weißensee. Die Kirche hat in ihren rund 1000 Jahren Bestehen viele Entwicklungen und stilitische Eigenarten durchgemacht, die aber nach der Kirchenrestaurierung wirklich optimal zur Geltung kommen.

Die Orgel ist natürlich noch nicht restauriert. Es handelt sich um ein Werk des Otto Petersilie. II/21, Bj 1902. Ein Riesenmagazinbalg von 3,30m Länge steht rechts von der Orgel. Was aber besondere Aufmerksamkeit verdient ist die pneumatische Setzerkombination mit fünf Kombinationen. Das hat es im Orgelbau nicht oft gegeben und soll daher mit einem gründlichen Foto geehrte werden:

Man sieht rechts oben die Kipptaster, die zum Setzen der Register eingesetzt werden. Unter dem I.Manual gibts dann die Drucktaster, die, wie gesagt auf pneumatischem Wege die gesetzten Register aufrufen. Und dies kann man an den Bohrungen über den Registerschildern ersehen. Hier wird, wieder pneumatisch, das Erkennungsplättchen angehoben und gibt die Sicht frei auf die eingeschalteten Register.

Tolle Sache, viel Arbeit sieht man, wenn in die Orgel reinsieht. Aber auch schöner, warmer Klang kann da assoziiert werden.

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UNESCO Orgelbau, jetzt die Kommerzialisierung und der Kitsch

So manches Trüffelschwein hat schon sehr tief in den weichen Kulturhumus seine Nase stecken müssen, um  ein klitzekleines Goldstückchen entdecken zu dürfen.

So nun auch geschehen von den geradezu Orgelbauer J&B, die zunächst eine Buchplanung auf alle deutschen Orgelbauer losgelassen haben.

Der Titel „Die Krönung des Deutschen Orgelbaus“ lässt Böses ahnen. Man rechnet mit rund 50 verwirrten Orgelbauern, die dort ihre bezahlten Anzeigen, per Stück 700,–Euro, aufgeben, und, dass somit ein nettes Beträgchen von 35.000,–Euro zusammen kommt. Die inserierenden Orgelbauer bekommen dafür 2 Exemplare. Das Zugpferd, die Anzeige der Orgelbauer „Klais“ wurde mal vorab in die Verzückungsspitze der organalen Buchhandels eingebaut und soll dem Tross der gekrönten Orgelbauhäupter als Richtlinie dienen. VOD, GDO und BDO sollten in Schamröte erstarren, dass sie sich für solch einen Lumpenhandel hergeben und sich für irgendwelche Vor- und Nachworte im J&B Werbeprospekt bereit erklärt haben.

Drei Tage nach Buchankündigung heizt J&B das Jahrmarktstreiben um die ORGEL-UNESCO-Geschichte weiter an, indem nun die „WANDKACHEL UNESCO“ in zwei Versionen auf den Markt geworfen werden (Preise für die Kacheln liegen zwischen 58,– und 126,– Euro). „Immaterielles Kulturerbe“: Wissen, Können, Weitergeben. Eine peinliche Theaterveranstaltung, wo im Hintergrund der Kulturanspruch durch Kommerzialisierung zerrieben wird und das „Immaterielle“ unmittelbar ins „Materielle“ umschlägt.

Der Titel der UNESCO lautet „Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland als Kulturerbe„, und hier ist bereits der erste gravierende Fehler durch die Antragsteller und die UNESCO gemacht worden. Denn es hätte sein müssen „im deutschsprachigen Raum“ und nicht in Deutschland. Damit wäre die dümmliche Popularisierung auf nationale Begrifflichkeiten raus und der Blick auf Europa wäre freigehalten worden.

Aber, dass daraus von einer Orgelbaufirma nun ein Zirkustreiben mit Schildchen und schönem Eigenlob entwickelt wurde, das schadet der Sache deswegen, weil der Anspruch absolut nichts mit einzelnen Firmen zu tun hat.

Im Orgelbau ist es vergleichbar zur Literatur, Musik, Malerei, nämlich so, dass wir heute tätigen Künstler oder Kunsthandwerker Zwerge sind, die auf den Schultern von Riesen stehen, die die Grundlage dieser Kultur geschaffen haben. Das Geschrei des Marktes hat in dieser Kultur nichts verloren, am wenigsten dort, wo noch stille Religion, Anmut und Anspruch auf tiefere Dimensionen herrschen.

Also lasst sie bellen, die Hunde, die Karawane zieht weiter.

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