Die Orgel, Fetisch zur Weihnachtsfeier

Immer wieder wenn man genötigt wird in Zeitungen über sein Fachgebiet lesen zu müssen, ergreift einem die blanke Wut über Dummheiten, die dort laut verkündet werden. So wird vor Weihnachten gerne das Terrain „Orgelmusik & Orgelbau“ von unserer Oberflächenjournaille aufgegriffen und vergewaltigt, ohne dass sich der geringstmögliche Tiefstand bei  solchen Recherchen zeigt. Alles löst sich da in Nebel und Geschwafel auf. Zuletzt gesehen bei der Süddeutschen Zeitung, die in Ihrer vergangenen Freitagausgabe bereits in den Schlagzeilen für Verwunderung sorgte.

Wir lesen da: „Orgeln wie die von Johann Fux in Fürstenfeld zählen jetzt zum „Immateriellen Kulturerbe“. Klar, dass ein Idiot, um im Wortspiel von Herrn Prantl zu bleiben, das Wesen der von der UNESCO vergebenen Auszeichnung nie und nimmer verstanden hat.

Ich will gar nicht so weit ausholen und den platonischen Unterschied zwischen Idee und Objekt oder Materie bemühen, aber es muss doch klar sein, dass das Brauchtum des deutschen Orgelbaus und die dazugehörige Orgelmusik ausgezeichnet wurden und nicht wie man dem Zeitungsleser mit Bildern und lauten Begriffen klar machen will, es handle sich um fassbare Gegenstände oder gar bestimmte Orgelwerke oder Orgelbaufirmen.

Auch der zweite Artikel, bei dem der Organist Michael Hartmann mit zweifelhaften Daten in der Orgelhistorie herumstochert, die Orgel sei von Byzanz nach Europa gekommen, stimmt uns ärgerlich. Zwar wurde das Byzantinische Reich (etwa 650 v.Chr.-330 n.Chr) in der Geschichtsschreibung ganz allgemein als „Byzanz“ bezeichnet (also nicht nur die Stadt Byzanz, die dann ab 330 Konstantinopel genannt wurde und heute Istanbul heißt, sondern das Byzantinische Reich hatte um 1025 seine Ausdehnung bis Österreich, war also in Europa angekommen).

Die Orgel aber stammt aus der griechischen Antike (und Griechenland war lange Zeit durch Byzanz absorbiert worden), auch wenn man sich darauf geeinigt hat , dass Ktesibios aus Alexandria (Ägypten) die Orgel, wie wir sie heute definieren, im Jahr 246 v. Chr. erfunden hat. Denn Ktesibios war ein griechischer Techniker, was wir heute eher mit künstlerischem Handwerker übersetzen sollten. Außerdem ist bekannt, dass in der griechischen Antike die Orgel (als hydraulos= Wasser-Aulos) sehr oft genannt wurde. Vitruv  (ein römischer Gelehrter um 100 v.Chr.) und Heron haben erste genauere Skizzen zu diesem Instrument geliefert. So wäre also auch aus dem Grund, dass man anhand der gefundenen römischen Orgeln, die zweifellos Kopien der griechischen waren, mit der man übrigens die antike Musiktheorie rekonstruieren konnte, die klare Aussage richtig gewesen: „Die Orgel stammt aus dem europäischen Kernland der Antike, aus Griechenland“ (und wie sie in die mitteleuropäischen Kirchen kam, ist eher umstritten).

Sogar der römische Cäsar Nero lernte die Orgel im Jahr 66 n.Chr. in Griechenland kennen und gelobte selbst Orgelspieler werden zu wollen, was den mittelalterlichen Kirchen den Geschmack auf das Instrument zunächst vermasselte. Wir können aber heute davon ausgehen, dass der römische Adel und seine Führer reichlich Gebrauch vom Orgelspiel machten.

Nach Untergang des weströmischen Imperiums verschwand das Instrument in Rom, wurde aber in „Ostrom“, also Konstantinopel weiterhin auf den Kaiserhöfen benutzt. Und so erfolgte  im Jahr 757 n.Chr. eine Schenkung einer Orgel vom byzantinischen Kaiser Konstantin V.  an den König Pippin der Kleine (714-768, Sohn Karls des Großen, König der Franken).

In die Kirchen kam die Orgel, entgegen allen falschen organologischen Behauptungen, gegen 680 n.Chr. in England, wo der heilige Aldhelm ausführlich und mehrfach über dieses Instrument berichtete. Woher diese Orgel stammte ist völlig unbekannt, aber dies war der Einstieg in die Kirche. Im Jahre 950 n.Chr. wurde in Winchester St. Peters eine „Riesenorgel“ mit 400 Pfeifen errichtet, die von 70 starken Männern betrieben werden musste (wahrscheinlich völlig übertriebene Darstellung der Sache, wie es eben im Mittelalter oft geschah). Auch erste Orgelliteratur stammt aus englischen Kirchen, so dass wir heute ziemlich klar England als das Ursprungsland der  beginnenden Orgelkultur in europäischen Kirchen benennen können.

Was aber entscheidend für die heutige Darstellung der Orgel, des Orgelbaus und der Orgelmusik ist, das ist die gegenwärtige miserable Lage dieses Brauchtums. Und hier wird in den mir zugängigen Medien ein wunderliches Gebet veranstaltet, in dem man sich nur noch den Orgelbauer als Nikolaus mit weißem Bart und hirschgezogenem Schlitten vorstellen muss. Da stoßen solche Artikel, die den Anschein erwecken wollen, wir sind bestens mit unserem uralten Brauchtum des Orgelbau- und Spiels vernetzt, unterbergmäßig bitter auf.

Bis vor dem ersten Weltkrieg kann man sagen wurden laufend neue Kompositionen für die Orgeln geschrieben, jeder Organist konnte improvisieren, eine dynamische und kreative Orgelwelt hatte Zuhörer, Komponisten und Interpreten, die auch abends im Familienkreise musizierten. Mit Aufkommen der Massenmedien änderte sich das Verhältnis der Gesellschaft zur Musik radikal. Die Orgel wurde in vielen Kirchen zu einem Fremdkörper, der viel Geld kostete und der keinen Komponisten mehr interessierte. Die leichte Kost der Medien war schneller, flexibler, konsumgerechter =  massentauglicher. Lassen wir uns nicht von Repräsentations-Exemplaren täuschen, die alle paar Tage in den Medien, wie Werbefernsehen eben ist, gezeigt werden. Und noch weniger sollten wir uns täuschen lassen von solchen Zeitungsberichten.

Nur die Erinnerung der Alten, die als Kinder unter Orgelmusik an religiöse Wahrheiten herangeführt wurden, führte oft noch zum Erhalt des einen oder anderen Instruments. Völlig verstörend ist für mich der Umstand, dass wir heute unter diesen Umständen Orgeln am laufenden Band vernichten. Wir werfen einem außer Rand und Band geratenem Präsidenten der USA Ignoranz in Sachen Umweltschutz vor, während unsere Kirchen völlig intakte und historisch wertvolle Orgeln auf den Müll werfen, nur weil Organisten ihren Moden nach „Franzosenart“ frönen. Auf der anderen Seite sehen wir keinerlei Komponisten von Rang, die in den vergangenen 50 Jahren Werke für Orgel geschrieben haben. Sie sei eben tot, wie es Hindemith schon in den 20er Jahren gesagt hatte.

Als Orgelbauer, der  die inflationäre und fabrikmäßige Fertigung von Serienorgeln erlebt und mitgestaltet hat, weiß ich wohl, dass Mäßigung immer ein Grundgebot von großer Kultur war. Die rein technische Perspektive unter der das deutsche Sachverständigenwesen Orgelbau zulässt, erscheint mir als Reise in die totale Sackgasse, in der ohnehin keine große Musik mehr aufblühen kann. Man erstickt durch Bürokratie und Gelehrtenhaftigkeit jedes zarte Aufblühen, jeden Versuch eines künstlerischen Neuanfangs.

Wir können sehr gut an großen Kulturepochen studieren, wie sich vergangene Zeiten ihren Ruf bewahrt haben. Im Angesicht von Klimakatastrophen und dem Versagen von Kirchenmusikschulen ihren Schülern selbständiges Musizieren beizubringen, habe ich größte Bedenken, dass wir nochmal ein Auflachen Neuer Orgelmusik erleben dürfen, wie das noch Ende der 1960er Jahre in Deutschland der Fall war.

Meine Gespräche in den letzten Jahren mit Kirchenmusikern unterschiedlichster Prägung haben mir gezeigt, dass Orgelmusik durchaus nicht am Zustand der Kirchen gemessen werden sollte. Orgelmusik als Weltkulturerbe könnte sich durchaus in Konzerten einer anderen Entwicklung verschreiben als es die christlichen Religionen tun.

Vielleicht führen ein paar Zufälle in andere Richtungen.

(gwm)

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Mit dem Wartburg auf die Wartburg

(an Eastern Country Blues) Kaum waren wir an der Eisenacher Walcker-Orgel in der Nicolai-Kirche mit der Aufnahme zur Dokumentation fertig, ging’s tatsächlich mit einem Wartburg weiter hoch auf die Wartburg.  Am Hintersitz ein Eisenacher, der uns beredete  Einblicke in die Stadt gab.

Der Wartburg vor der Wartburg                          Die Walcker-Orgel in Nikolai

Aus dieser abenteuerlichen Fahrt wurde ein Video fabriziert, eben einen EASTERN COUNTRY BLUES, mit einem schwerblütigen Refrain, wer immer ihn dazu sang:

Dann gings weiter in die Kulturhauptstadt Europas:

Weimar, 1 Tag sich  von Goethe, Schiller, Liszt und Nietzsche bezaubern lassen.

Weiterreise zur Walcker-Orgel nach Großrudestedt, ein pneumatisches, spätromantisches Werk, das sich hinter einem Barockprospekt und blinden Zinkpfeifen verbarg.

Am Samstag halte ich einen kleinen Vortrag für rund 10 Mitglieder des Kirchenrates über dieses herrliche Instrument und andere, vergleichbare Orgeln und den möglichen fantastischen Klang dieser Orgel, wenn sie wieder einmal gerichtet sein wird.

gwm

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Vom Libanon nach Kairo (die grausamen Leiden eines Orgelbauers)

Mit entsetzlichen Träumen geschlagen Flug und Fahrt nach Beirut angetreten, um dann Freitag morgens (den 8.12.17) um 2:20 am Flughafen Beirut anzukommen.

Kein Taxi, wie abgemacht stand da. Hektische Telefonate wurden geführt und alle am Flughafen anwesenden Taxifahrer nach einer Fahrt nach Khirbet befragt, aber es war keiner dazu bereit. Noch war mir nicht klar warum.

Endlich gegen 3Uhr früh die Erlösung, ein Taxifahrer wird mich in der nächsten halben Stunde abholen. Den Berg hinter Beirut schafft der Mann nur im Zickzack, während er gehaltvolle Telefonate am Smartphone führt, mit Gesten und Ausrufen wie am Marktplatz. Zwei Auffahrunfälle rechts und links. Endlich das Bekaa-Tal in Sicht. Dort kommen wir in berüchtigte und gefährliche Nebelbänke. Sicht nur noch im Radius von einem Meter. Gegen 4:30 bin ich endlich in der Schneller-Schule. Restlos erschlagen, aber happy.

Am Sonntag nachmittag begrüsst mich Frau Däubler-Gmelin vor der Kirche, die extra wegen der Einweihung dieser Orgel aus Stuttgart angereist ist. Sehr interessante Gespräche, die 3000 Jahre alte Zeder hat sie mit Schwiegertochter und Vorsitzendem der Ebert-Stiftung besucht. Stolz erzählt sie, dass sie in einem Gremium der Musikhochschule Stuttgart im Vorsitz sei, und, dass dort über 45 Orgeln eingebaut sind. Nach dem Konzert wird sie mir ihre Anerkennung zur gelungenen Installation der Orgel ausdrücken, um dann schleunigst ihre Rückreise nach Deutschland anzutreten.

Weniger angenehm verlief das Bekanntwerden mit dem Deutschen Botschafter, der nicht das Mindeste getan hatte, um diesem Einbau Unterstützung zu gewähren.

Geldgeber, Orgelfreunde aus Deutschland, Angestellte und Lehrer aus dem Libanon waren gekommen, man sass abends noch zusammen zum Schwätzen, es lief alles rund.  Heitere Ruhe kehrte ein.

Am Mittwoch morgen um 4:30 Abholung durch einen neuen Taxifahrer. Im Nahen Osten sind die Taxifahrer das Salz in der Suppe der Gesellschaft. Man erfährt von ihnen die politische Lage und die Kartographie des sozialen Zustandes des jeweiligen Landes. Hier aber war ein besonderes Exemplar am Werk. Vor einem schweren Unfall kurz vor Beirut überholte er ein mit Blaulicht und Sirene fahrendes Polizeiauto, um dann wenige Meter weiter während einem slow-go sein Smartphone hervor zu gramen, und dann ein Tetrisgame während der Fahrt damit abzuspielen.

Hier ein Ausschnitt aus dieser Fahrt:

Von Beirut nach Kairo mit der Egypt-Air, das ist das Beste was es gibt. Man hat immer Platz in ihren Kisten und man lernt immer irgendwie ein paar interessante Gestalten kennen. Diesmal ein Organisator von Ärzte ohne Grenzen, der seit 30 Jahren in dieser Gegend arbeitet. Er war in Syrien, im Irak, überall wo’s so richtig gebrannt hat. Wir verabreden uns in Kairo zum Fischessen.

Nächster Taxifahrer, eine gemütliche Natur, von Airport Kairo ins fast schon heimelige Hotel Longchamps auf der Halbinsel Zamalek. Als ein Pickup auf dem Highway dreht und gegen Fahrtrichtung weiter trollt, wendet sich der Fahrer langsam und sorgenvoll an mich: „typical Egyptians“.

Die Mutter aller Städte hat mich wieder. Wie liebe ich dieses Bild, vom Hotel aus mit iPhone gezogen, der Wespenstock mit Satellitenschüsseln, die Fühler, um die Außenwelt abzufragen:

Am nächsten Tag bin ich mit einem Schüler, der die Tasten hält an der Walcker-Orgel. Vor der Tür ganz normaler kairoanischer Verkehr, überall wird gebaut. Von einer neuen U-Bahn munkelt man? Kaum Parkplatz mehr auf der Galaa-Street:

Zwei Bilder über die Walcker-Orgel, die zeigen, dass zwei Tage für die Wartung nicht zu wenig bemessen sind. Es wird hart geschafft, den Zeitrahmen auszuschöpfen:

blue Schwellwerk

und das Fernwerk, direkt unter dem Dach der Kirche, das für richtig knackige Temperaturen im Sommer sorgt (45 Grad und mehr):

Und schon sitze ich wieder im Taxi zum Flughafen. Der Zufall will es, dass der gleiche Fahrer mich wieder zum Flughafen fährt, wie zwei Tage zuvor. Verbeißt sich am Samstag  morgens um 5 Uhr in meinen Koffer, den er nicht mehr aus der Hand gibt und runter trägt, obwohl er und Koffer zu dick für den kleinen Aufzug sind. Die Straßen sind fast leer. Nur vor dem Flughafen Stau wegen Kontrollen.

Gegen 10:00 sitze ich im Flieger, zurück nach FFM und höre die fast an stoische Meditation gemahnende Stimme des Muezzins :

gwm

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Deutscher Orgelbau und Orgelmusik = Weltkulturerbe

Neben dem neapolitanischen Pizzabäcker, dem mit Gemüse gefüllten aserbaidschanischen Dolma, dem bolivianischen Alasita-Fest, der Basler Fastnach und weiteren Bräuchen, die viel damit zu tun haben, geldbeseelten Touristenströmen den Weg ins jeweilige Land zu ebnen, hat es nun auch Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland zu einem Eintrag in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes 2017 geschafft.

Ich bin wahrlich nicht stolz darauf, meinen geliebten, deutschen Orgelbau nun in dieser Reihe von „Bräuchen“ wieder zu finden. Dagegen finde ich es sehr schön, wenn mir rätselhafte Bräuche, Sitten und Lieder gezeigt werden, deren Rätselhaftigkeit ich mir erhalten darf indem ich in der Möglichkeit belassen werde, sie ohne Medienrummel wahrnehmen zu dürfen. Ohne dieses ständige Wortrauschen von den Analysten und Welterklärern, die alles Rätselhafte als Fragwürdiges entkleiden, und das für däppische Shows im TV für kommende „Millionäre“ aufbereitet werden soll.

Welches Interesse der deutsche Staat auch immer haben mag, solche Kulturformen in der Welt  dargestellt und in schöner Lautstärke in die Welt hinaus gesetzt zu haben, es scheinen aber prioritär wirtschaftliche Interessen dahinter zu stehen, die mit ihrer ursprünglichen, tiefergehenden Kultur wenig gemein haben. Je tiefer eine Kultur des Volkes ist, desto weniger offenbart sie sich einem anderen Volke. Das ist eine philosophische Erkenntnis, die vor allem Martin Heidegger bewusst war, als er sich weigerte Erklärungen seiner Philosophie „hinterher zu schieben“, weil das Schwierige schwierig bleiben sollte.

Selbstverständlich ist es schön, wenn unser Orgelbau für ein paar Tage aus dem Elfenbeinturm seine Gefieder in die Welt reckt und beklatscht wird, auch auf die Gefahr hin, dass mancher Weltbürger besorgt nach Deutschland blickt und sich fragt: „was sind das nur für seltsame Bräuche, die da in Siemens-Bayer-Land von den Organfarmern auf ihren Feldern wohl betrieben werden?“ Denn nach meiner Erfahrung werden diese Darstellungen, wie sie in unserer Presse wortreich beklatscht werden, in anderen Ländern, in denen es keine oder nur reduzierte Orgelkultur gibt, völlig missverstanden. Neben Kuckucksuhren stellen Orgeln eben ein verrücktes wie unnötiges Gut in Bolivien oder Bangladesch dar, das die heutige materielle Not eher vergrößert als lindert. Der mittelamerikanische und katholische Pfarrer schätzt die Pfeifenorgel gar immer noch als ein ihm widersprechender Kontrapart ein, dessen Sprachgewalt in jedem Fall gezügelt werden müsse.

In allen mir zugängigen Zeitungen konnte ich nachlesen, wie herrlich es in Deutschland zugeht. So sollte der Reichtum der Kirchen durch die durch den Staat eingezogene Kirchensteuer so enorm sein, so dass im Zentrum Mitteleuropas das wirtschaftliche Gedeihen der Orgelbaufirmen biblisch paradiesische Zustände versprach. Der Orgelsachverständige Kaufmann tritt dabei als „über Tasten tanzender, vitaler Körper in Erscheinung, der in Erhabenheit und gleichermaßen Demut aufgeht“. Nebenbei, so ganz nebensächlich also, wird der Erbauer der Orgel, die Werkstatt Klais in Bonn erwähnt, sonst hört man keine andere Möglichkeit seine Orgel stimmen oder reparieren zu lassen. Wir Orgelbauer kennen dieses Phänomen bestens. Die „scheinbare“ Objektivität mit der in der Presse von „Orgelfachleuten“ über Orgelbau dahergeredet wird, löst sich nun in Luft auf, mit dem Daumen wird auf die Firma gedeutet, die den Auftrag erhalten soll.

Es ist schade, dass es unterlassen wurde, diese Eintragung zum immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit zu verkünden, indem damit der Erhalt anerkannter Orgelwerke verbunden sein soll. Denn wenn es auch nur eine additive Formel zu diesem Eintrag gewesen wäre, so hätte man die Verpflichtung zum Erhalt vieler Orgeln in Stein gemeißelt, das wäre schon sehr viel gewesen. Und den Orgelsachverständigen, die sich grundsätzlich mehr um ihre Egodarstellung als um die große Historie kümmern, hätte man zukünftig vor der Zerstörung vieler Instrumente  (Giessen Linkorgel, Murrhardt Walcker, Dortmund Reinoldi uva) das Papier um die Ohren schlagen können.

Dass der Deutsche Orgelbau und die Orgelmusik zum Kulturerbe erklärt wurden, beantragt durch das Auswärtige Amt und die ständige Vertretung der BRD bei der UNESCO, hat aber seine Berechtigung in einem noch viel tieferen Sinne, wie ich das in den letzten 20 Jahren selbst erlebt habe. So konnten wir die Orgel in Kairo, die ich gerade wieder anlässlich einer Wartung besucht habe, durch den Einsatz und Spenden des dortigen deutschen Botschafters restaurieren. Die Orgeln in Costa Rica, die wir reparieren oder restaurieren durften, wurden mit großzügigem Interesse vom dortigen Botschafter begleitet. Alle Organisten, die dort spielten, wurden und werden finanziell von der Botschaft unterstützt. Ein Auftrag in San Salvador wird ausschließlich mit Mitteln des Auswärtigen Amtes finanziert. Ebenso haben wir das in Australien, Bolivien, Kolumbien erfahren dürfen. Hier zeigte sich eine große Verantwortung der deutschen Regierung, was die kulturellen Erbschaften aus anderen Zeiten betraf. Von anderen Ländern, auch deutschsprachigen, wie der Schweiz oder Österreich, aber auch Frankreich oder England, habe ich nie gehört, dass so massiv in Sachen Orgelerhalt gesponsert wurde.

(gwm) nach einer Nahostreise

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Was bitte ist ein „Enharmonium“ ?

Nach solch einer Frage wird man sich bei den Orgelbaumeistern des BDO rasch am Kopf kratzen, während sich Orgelspieler und Laien schon lange auf unseren Webseiten über eine sensationelle Erfindung erfreuen konnten, die im Jahre 1890 durch den Japaner Shohé Tanaka geschah.

Das vor einigen Jahren wieder aufgefundene Instrument von Tanaka wurde von uns restauriert und verschiedenem Fachpublikum nahegebracht. Die BDO-Orgelmeister haben eine Veröffentlichung in ihren Kreisen abgelehnt, da wir nicht Mitglied im Bund sind. Aber dort jedoch, wo mit Fachwissen gehandelt wird, wie auf dem Wiener Wurstmarkt, da kann keine Wahrheit sein.

Daniel Walden aus der Harvard University kam heute gegen 10:30 direkt aus NY in unsere Werkstatt, um die nächsten zwei Tage auf dem Instrument zu üben. Dann geht es mitsamt Enharmonium weiter an die Musikakademie nach Basel, wo am Samstag den 25.11.17 sein  Vortrag mit musikalischen Beispielen stattfinden wird. Danach wird das Harmonium in die Hochschule für Musik nach Würzburg gebracht, wo es zu Studienzwecken Verwendung findet.

In Januar erfolgt eine Vorführung im Deutschen Museum in München. Im Mai eine weitere Vorführung im Musikinstrumenten-Museum in Berlin.

Der Enkel des Erfinders, ein Mathematikprofessor, Dr. Tasuko Tanaka, ist hoch erfreut, dass sich meine Vorhersage erfüllt hat, dass dieses kleine Harmonium soviel Begeisterung auslöst und damit das Erbe seines Großvaters wieder neu belebt wird. Da ist es wahrlich nicht schade drum, dass ein einfältiger deutscher Handwerkverband keinen Gebrauch von unserem Angebot gemacht hat, seinen Mitgliedern erweitertes Wissen in Sachen historischer Stimmungen zuzuführen .

Das selbe Desinteresse kam auch von der Musikhochschule Saarbrücken, die großes Interesse bekundete, dann aber wegen eines verlängerten Wochenendes keinen einzigen Studenten, keine einzige Lehrkraft fand, die an der Vorführung in Saarbrücken teilnahm. Wir trauern solch tumben Instituten keine Träne nach.

Nun aber zur einleitenden Frage: Was ist das, ein Enharmonium?

Antwort: anstelle der zwölf Tasten in der Oktave eines Klaviers oder einer Orgel  haben wir beim Enharmonium 21 Tasten. Diese Tasten sind genauso angeordnet wie bei einem normalen Tasteninstrument, aber sie sind dann weiter in sich unterteilt. Und das macht den musikalischen Vortrag auf diesem Instrument nicht einfach. Durch zweitägige Übung, so hat es uns KMD Schulten bewiesen, kann ein guter Klavierspieler jedoch schon passable Stücke vorspielen.

Durch die heute übliche temperierte Stimmung haben wir bei den Tasteninstrumenten zwischen den Intervallen (mit Ausnahme der Oktave), immer leichte Schwebungen. Besonders bei Septimen ist dies unerträglich. Hier auf dem Enharmonium kann sogar ein Dreiklang von Terz, Quinte und Oktave völlig rein gespielt werden. Hört man mehrere Stücke auf diesem Instrument, spürt selbst der Laie, dass eine neuartige Harmonie sich offenbart.

second touchdown: JSB Choral „Wenn du einmal sollst scheiden“

Als Tanaka sein Instrument 1892 Anton Bruckner und Wagners Dirigent Hans von Bülow vorspielte, erhielt er begeisterten verbalen Applaus, der darin mündete, dass die letzten großen musikalischen Genies der Deutschen der Auffassung waren, hier bahne sich eine großartige Entwicklung an, die endlich von den „verstimmten Kisten“ der Vorzeit Abstand nähme.

Sie hatten nicht damit gerechnet, mit den massiven Holzköpfen des deutschen Musikhandwerks, das sich bis heute bewahrt hat. Oder wie Joachim Fernau in seinem Buch „Die Genies der Deutschen“ gleich eingangs vermerkte: „Die Leuchtfeuer verlöschen, der Blindflug beginnt….“ .

 

gwm

 

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Unsere Anzeige im ARS ORGANI 4/2017

Nach zwei Jahren habe ich mich wieder mal entschlossen eine neue Anzeige im ARS ORGANI-Heft zu inserieren. Mit solch einem Inserat will man mit zwei Worten auf die Tätigkeiten der letzten Monate hinweisen, mehr nicht. Keinesfalls bin ich ein Freund dieser Gesellschaft, noch weniger ein Befürworter der textlichen oder bildlichen Aufbereitung von „Orgel“, welche dann plötzlich als das wichtige Element im Raum steht, während so genannte Orgelfreunde schon jahrelang keine „richtige Orgel“ mehr gehört haben. Diese Form der „Orgelkultur“ ist etwas für Zuspätgekommene, die weder als Orgelspieler noch als Orgelbauer in der Lage sind dem Instrument etwas zu geben, das die Gegenwart erhellt. Aus diesem Grunde ist es mir verwehrt das inflationär gebrauchte Wort über Orgel, wie zum Beispiel auf http://www.walcker-stiftung.de überhaupt an mich herankommen zu lassen. Wo Wissenschaft das Hören und Stille-Sein behindert mit Marktgeschrei und Klugscheisserei, da wird es Zeit, dass man die Zelte einpackt und beiseite geht.

Hier unsere Anzeige für die Weihnachtsausgabe 2017

(der Witz ist, die im Hintergrund unterlegte Europa-Karte zeigt oben links Schottland und unten rechts den Libanon)

und hier die aus 2015

(hier ist auch eine Karte unterlegt und zwar Mittelamerika, in der Mitte unten ist es Costa Rica)

ich grüsse Euch,

gewalcker@gmail.com

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Orgelmeistertreffen in Lauffen bei Rensch

Vergangenes Wochenende haben sich Orgelbauer aus dem Meisterkurs OB40 von 1976  bei Christhard Rensch in Lauffen getroffen.

Höhepunkt war neben Besichtigung der Werkstatt der Besuch der Kilianskirche in Heilbronn, wo seit rund 4 Jahren eine Rensch-Orgel ihr Dasein fristet.

Als Spätromantiker habe ich zwar eine etwas andere Klangvorstellung, als sie hier realisiert wurde, dennoch bin ich völlig vom Klang der Orgel positiv überrascht worden. Besonders erwähnenswert, der Prinzipal 8′ des Hauptwerks, der fundamentalen, warmen Grund bereitstellt. Auch Flöten und Gedackte waren zu hören, die großartige Klangmischungen ermöglichten.

Wie man im nachfolgenden Video hören kann, ist die Orgel in der recht leeren Kirche nicht unbedingt kraftlos. Insgesamt ein schönes Orgelerlebnis, dank dem Improvisator Max Offner, der das Instrument herrlich vorführte.

Es gibt noch eine Diashow mit 30 Quadratbildern auf: http://www.walcker.com/walckermagazin/werkbesichtigung-bei-rensch-lauffen-am-14okt17.html

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Reisebilder Libanon

Wir haben eine kleine Diashow (34 pics) auf unserer Internetseite eingerichtet. Hier zeigen wir ein paar exemplarische Bilder von unserer Fahrt nach Byblos (über 6 tausend Jahre altes Städtchen, das lebhaften Handel u.a. mit Papier trieb und so der papierernen Bibel ihren Namen gab).

Hier also die Sparvariante unserer Bildshow:

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Walcker-Orgel in Murrhardt abgerissen

Es gibt Geschehnisse im Orgelbau, da muss man dreimal hinhören, um den Sachverhalt überhaupt glauben zu können. So geschehen, in der schwäbischen Kleinstadt Murrhardt, wo man eine durchaus attraktive 40 Jahre alte Orgel in der dortigen Stadtkirche entsorgt hat, um den Eifer dreier von Eitelkeit hart getroffener Männer Platz zu machen. Spender, Stadtpfarrer und Sachverständiger, drei unverantwortliche Männer also, die den zukünftigen Problemen der christlichen Gesellschaft hier im Lande mit blinder Dummheit entgegensehen und sich für Konsumverhalten entscheiden, anstatt sich einmal die paar ersten Seiten der Lutherbibel vorzunehmen. Dort wird einem nämlich eine andere christlichen Ethik offenbart werden, als solch ein ökonomisches und ökologisches Verbrechen gegen den gesunden Menschenverstand.
Die von Bornefeld konzipierte Walcker-Orgel in der Stadtkirche in Murrhardt war ein klanglich herausragendes Werk, das die künstlerische Gestaltung Bornefelds in großartiger Weise Geltung verschaffte. Dies hat mir Bornefeld nach einem Konzert leidenschaftlich bestätigt.
Nun wird auf Kosten einer Leichtlebigkeit, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte, ein weiterer Orgelneubau in Gang gesetzt, nachdem die Walcker-Orgel erst vor 10 Jahren mit großem Aufwand erweitert und technisch umgestaltet wurde.
Eine Ungeheuerlichkeit. Wie lange lassen sich unsere christlichen Mitbürger solche Schildbürgerstreiche noch gefallen?

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Khirbet Qanafar: streichende Klänge, Violin und Salicional

und eine herrlich erfrischende hölzerne Rohrflöte.

Soweit sind wir gekommen, auch der Einbau der Oboe ist bereits erfolgt. Und wenn wir am Montag dieses Register intoniert haben und die Dulciana eingebaut haben, dann können wir die nächsten Tage sehr entspannt auf unsere Besuche in Byblos, der ältesten Stadt weltweit, und unseren Besuchen in Beirut entgegensehen. Denn dann sind wir mit Aufbau und Restaurierung unserer schottischen Orgel im libanesischen Khirbet fertig.

Es gab ja den berühmten Spruch des Fritz Walcker, um 1890 : „fertig ist man nie!“, der aus einer anderen Perspektive gesehen, das heideggersche „Sein zum Tode“ radikal verleugnete, und damit schon wieder gewisse Sympathien erweckt hat. Aber auch ist klar, dass die schwäbische Handwerkertradition, mit der die Firma Walcker weltberühmt wurde, unter einer totalen Unterwerfungsdisziplin stattfand, was dem „schönen Schein“ ein bitteren Beigeschmack gibt.

Lassen wir das, „das Schöne gibt es eben nie ohne Leiden“. Wir wollen hier in diesem Blog einmal eine ganz außergewöhnliche Fotografie zeigen, bei der, bis auf den Bourdon und der noch nicht eingebauten Dulciana, alle Register der Orgel gezeigt werden:

Von links nach rechts sieht man: Diapason 8 (Prospekt und Lade), Dulciana 8 (fehlt noch)  Stopped Diapason 8, Principal 4, Stimmgang, Oboe 8, Salicional 8, Violon Diapason 8. Stopped D8 und Dulciana sowie Salicional und Violon D 8 haben 12 gemeinsame Basspfeifen.

Dann haben wir ein kleines Video gemacht, bei dem zuerst der Violin-Diapason touchiert wird, spielen würde ich das Ganze noch nicht nennen, danach folgt der wesentlich zartere Salicional. Darauf wiederum ein paar frische, fröhliche Töne des Stopped Diapason (hölzernes Rohrgedackt, sieht man auf obigen Foto schön als zweites Register links).

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