Orgel – Mathematik – Phänomenologie

Im letzten „Ars Organi“, dem Hochglanzorgan der ausgeklungenen Orgelbewegung, fand ich einen Diskussionsbeitrag, der mich wieder auf die Wurzeln dieser scheinbaren „Bewegung“ zurück führte.
Es geht um eine Buchbesprechung „Karlheinz Schüffler – Phytagoras, der Quintenwolf und das Komma“, die vom Autor, einem Mathematikprofessor, als total daneben qualifiziert wurde.
Die Art und Weise der Argumentationen, damals in den 20er Jahren (Freiburger Orgeltagung 1926, kurios, aber nachvollziehbar, dass ein Jahr später „Sein und Zeit“ von Heidegger erschien), waren ähnlich gestrickt, wie uns das heute nach über 90 Jahren wieder serviert wird.
Zunächst einmal bin ich persönlich der Auffassung: einen Quintenwolf erklärt man nicht mit Zahlen sondern man führt ihn per Pfeifen- oder Saitenstimmung vor und lässt dann die Zuhörer entscheiden, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. So übrigens wäre mit allen zur Diskussion stehenden Stimmungen zu verfahren. Wer die Feinheiten einer Kellnerschen Bachstimmung en detail gehört hat, der braucht keine mathematischen Belehrungen. Wenn das Interesse weiter greift, wäre angebracht die praktische Realisierung durch die entsprechende Intervallstimmung zu erfahren. Tabellen, Computer, mathematische Konstruktionen wären dazu nicht erforderlich.
Der mathematische Schleier vor der Musik und dem Musikinstrument verunmöglicht uns eher in eine peinliche Abstraktion abzugleiten, die das Musizieren in ein Theoretisieren verunglimpft, das uns gerade den lebendigen Zugang zu dieser Musik verwehrt. (Nietzsche nannte diesen Zustand die innerliche Bildung für äußerliche Barbaren).
Die Mathematik, übrigens eine Wissenschaft, die keiner allgemein gültigen Definition unterliegt, die von den beiden Herren Billeter und Schüffler in ihrer Auseinandersetzung beschworen wird, erscheint mir, nach über 50 jähriger Tätigkeit im Orgelbau, als ein Monstrum, das den wirklichen, phänomenologischen Zugang zur lebendigen Orgel und ihrer Musik nicht nur blockiert, sondern verweigernd auf Geleise schickt, die dem ursprünglichen Gedanken von Musikentfaltung, sei er klassischer oder romantischer Natur, völlig entstellt. Man denke sich nur Mendelssohn oder Liszt mit einem Stapel Exceltabellen die Vektorrechnungen der Eulerschen Tongitter und ihren Temperaturvorgängen studieren.
Wenn Katheder und Computer auf den Orgelbau einwirken wollen, ohne Rücksichtnahme, dass das Maß an Technik und Wissenschaft ein begrenztes sein muss, weil lebendige Leidenschaft und Kreativität darunter verschwinden, dann wird am Ende ein Konzert in Form einer Diskussion aufgelöst, ohne, dass eine einzige Note gespielt werden muss. Das wäre in der Tat eine echte moderne Projektion, die zudem kritische Kreation hervorbringen würde.
Als Lehrling hatte ich das Glück, von einem Meister mit einer seltsamen Empfehlung in den Orgelbau eingeführt zu werden. Erst Jahre später habe ich begriffen was er damit eigentlich sagen wollte:
Wer eine Orgel verstehen will, der sollte alle Bücher zur Seite legen und sollte es sich im Untergehäuse dieser Orgel bequem machen, um dort einen Tag zu sitzen, zu staunen, zu riechen, zu tasten und ganz langsam dabei zu erfahren, was dieses „organum“ zu sagen hat. Nahe an den Dingen bleiben, auch mal rechnen und Geometrie betreiben, aber die Dinge auf sich zukommen lassen, Zeit und Geduld anstatt Technik investieren.
Wäre der Orgelbau auf dieser technischen Stufe stehen geblieben, wohl Mitte des 19.Jahrhunderts, er würde heute noch Feste der Freude und Begeisterung auslösen.
Heute jedoch, wo der Intonateur mehr in sein Smartphone als ins Pfeifenwerk klotzt, noch den Professor dazwischen blöcken zu hören, das wäre des Satyrspiels schon zuviel.

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Walcker-Positiv E, Standardrituale

Immer wieder höre ich, dass bei den rund 850 gebauten „Positiv E“ sich nach 50 bis 60 Jahren ab Geburtsdatum, klangliche und technische Veränderungen ergeben.

Durch Überarbeitung von über 20 Instrumenten dieses Typs an Erfahrungen bereichert, möchte ich hier ein paar Besonderheiten am Beispiel des Opus 3946 (ursprünglich für Bremerhaven gebaut, dann nach Mömlingen umgestellt) aufzeigen.

Hier zunächst die technischen Daten:

   

Bei diesen Orgeln aus 1960 gibt es anfangs noch keine Aluventile oder Wippen aus Aluminium. Später hat die Firma sogar Tasten aus diesem Leichtmetall gefertigt. Allerdings nicht über einen längeren Zeitraum. Ab 1969 kamen die Stahlgestell-Positive ins Programm, eine ebenfalls rasch auslaufende Entwicklung. Nun traten die E-Orgeln ihren Siegeszug an.

Hier also noch Holzwippen- und Abstrakten, aber auch berüchtigte Plastikwinkel. In den Windladen Holzventile mit harten Stahlfedern bestückt, die immer wieder zum Herausspringen geneigt waren. Deswegen wurden dort an beiden Ventilstiften Stellringen eingebaut.

Die hier gezeigten Lederpulpeten haben nie zu Störungen Anlass gegeben, weswegen wir sie nicht gegen Bleipulpeten ausgewechselt haben. Die Spielart litt durch andere Fehler, wie gewaltige Bleigewichte an den Tasten oder unnötige Masse von doppelten Lüstenklemmen, dicken Abstrakten, Messingdrähten etc..

Bleiben wir also beim Hauptproblem der Walckerschen Positive, die mit Doppelschleifen ausgestattet, eine echte Achillesferse bieten. Je nachdem, mit welchem Leder die Dichtungsringe drappiert sind, entstehen nach 30-50 Jahren Löcher in Material und Klanggestalt, die es zu beheben gilt:

Diese Federbälgchen neu zu beledern bereinigt einen wesentlichen Umstand nicht, nämlich, dass die Pertinaxschleife an Stock und Windladenboden dichtungsfrei aufliegt. Daher empfehle ich, nur einen Teil der Doppelschleife wiederzuverwenden und als Dichtungselemente Liegelindringe zu verwenden. Das erschwert etwas den Registerzug zu betätigen, beugt aber Geräuschentwicklung und fehlendem Wind im Einzelklang vor.

Es sollte dabei nicht der Fehler gemacht werden die Durchmesser der Federbälgchen 1:1 auf die Liegelindringe zu übernehmen, denn die Schleife reist dann von einer Bohrung zur anderen (das Verschließen des einen Lochs öffnet das des Nachbarn):

Es ist daher sinnvoller die ovalen Bohrungen (auch mit runden Liegelindringen) nachzuformen, wie teilweise hier ersichtlich:

Die Dammhöhe ist in unserem Fall Liegelind+Schleife+Liegelind (1,5+1,5+1,5=4,5mm). Beachtet werden muss bei der Auswahl der Liegelindringe, dass immer wieder mal Ausschussware sichtbar wird, die unter 1mm Dicke zu Blasgeräuschen Anlass gibt. Spart viel Zeit, dieses Zeug vorher auszumustern.

Die bleibestückten Auslässe belasten die Ventile und werden deswegen ausgebaut. Dafür wird ein blauer Filzstreifen übergeklebt, der an entsprechenden Stellen gelocht wird.         

Klanglich hat das Instrument natürlich durch Wegfall von unerwünschten Klang-Löchern erheblich gewonnen. Sehr schön nun ist das Zusammenspiel von Rohrflöte und Mixtur oder dem vorher „undiszipliniertem“ Schwiegel 2′. Ein wunderschöner Prinzipal 4′ mit beinahe kernstichloser Intonation, der transparent und singend ins Geschehen tritt, hellt den Raum auf ohne langfristig durch Lautstärke zu ermüden.

Ein sehr schönes Werk, das wir nächste Woche fertigstellen wollen.

Dann sieht es wieder wie zu Beginn aus, anmutig und still:

          

gwm

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aus Kherbet-Qanafar, Erfahrungen eines Orgelbauers

Nach einer Reise durch Schottland gings gleich weiter nach Kherbet Qanafar, um dort unsere kürzlich eingebaute Orgel einer Überprüfung zu vollziehen. Eine Woche vor Ostern war der Schulbetrieb der Schneller-Schule noch in vollem Gange.

Denn es war, wie es der Herr wollte, dass das Conacher-Instrument mit einer Stimmung von 449 Hz bei 16° C auf a‘ ausgestattet war. Für mich persönlich eigentlich immer Gebot der Stunde, die Ursprünglichkeit zu bewahren. Dieser Umstand jedoch beflügelte einen Organisten „seherisch“ solche „englische Stimmgewohnheit“ als Teufelszeug zu verunglimpfen, man kann ja nicht mit anderen Instrumenten zusammenspielen. Das bezweifeln andere Organisten allerdings erheblich.

Es gab heftige Diskussionen, ob man, wie anderorts geschehen, diese Stimmung nicht aufs heutige Niveau herunterdimmen könnte. Ich habe zwar deutlich davor gewarnt, dass mit Tieferstimmung dieser Orgel, erhebliche klangliche Mängel, insbesondere bei den tiefen Diapason-, den Streicherstimmen auch bei den tiefen Oktaven der Gedecktpfeifen zu erwarten sind.

Dennoch muss ich es mir als groben Fehler anrechnen, auf Veranlassung dieses Organisten, das Tieferstimmen auf a‘ 440Hz trotzdem vorgenommen zu haben. Man hätte nun, als beim Diapason 8 größere Ansprachemängel in der tiefen Oktave auftraten, dem Ratschluss folgen können und den Winddruck zu erhöhen, wie dies gelegentlich bei anderen Orgeln gemacht wurde. Dies aber hätte den kompletten Orgelklang dieses wundervollen Instrumentes restlos zerstört. Weswegen ich weitere Schritte abgelehnt habe.

Jedenfalls habe ich meinen Fehler eingesehen und die Orgel in der vergangenen Woche auf meine Kosten wieder aufs ursprüngliche Stimmniveau zurückgeführt. Eine Wohltat war es, beim Zurückführen des „Stopped Diapason“ zu hören, wie bei jeder einzelnen Pfeife der Klang wie bei einer aufgehenden Blume sein ursprüngliches Volumen gewann, zurück in seine Farbenprächtigkeit fand.

Glücklich war dann ein seliger George Haddad, Direktor der Schneller-Schule, der mit größer Zufriedenheit seinen Ostergottesdienst drei Tage vor Ostern die freudig singende Kinderschar an der Orgel begleiten konnte. Danach wurden die Kinder in die Schulferien entlassen. Und erlöst wurde auch ein Orgelbauer, der die vorige Stimmungsgeschichte gar als ein Verbrechen gegen alle gute englische Instrumentenbaugeschichte gesehen hat.

Egal, was die Handwerkszunft hier in Deutschland in solchen Dingen immer wieder aus dem Zauberhut zu ziehen vermag: es gibt einfach der Historie gegenüber ein Gebot des Respektes, den die wenigsten Musiker oder Handwerker begreifen. Es ist geradezu entsetzlich, was hier im deutschsprachigen Raum in Sachen Klangursprung bei allen möglichen Instrumenten für groteske Verunstaltungen vollführt werden.

Im Angesichte der Schaffensfreude und Gegenwartsbewusstheit werden eben oft stille, scheinbar unbedeutende und einfache Dinge zur Seite gekehrt, die wir dann nach zwanzig oder fünfzig Jahren schmerzlich vermissen – so oder ähnlich wie es Papst Franziskus bei seiner Osterrede auf den Punkt gebracht hat, wir schämen uns schon heute für das, was wir unseren nachkommenden Generationen hier auf Erden hinterlassen.

Die Wenigsten werden im Angesichte ihres Naturverbrauches und Kulturverschlingens diese Worte verstanden haben.

gwm

zu diesen und vorigen Reisen nach dem Libanon gibt es hier eine 40 teilige Bildershow

diese Karte zeigt auf Punkt 9 (Kherbet Qanafar) eingekesselt zwischen Beirut und Damaskus

 

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Highlands & Organs 2018

Wieder ging es hinaus auf die Highlands.

Zunächst ein erster maintenance-stop in Motherwell (10 miles south of Glasgow). Von Kleinblittersdorf über einen Halt in einem belgischen Dorf waren wir auf rund 1450km 15 Stunden unterwegs. Routine schon, auch der Wechsel von rechts nach links auf den Highways. Die Raststätten kennt man samt Speiseplan längst auswendig. In Motherwell, unsere sensibelste Walcker, eine pneumatische Dame fanden wir in Minustemperaturen und schneuzend vor, während die Kirche noch in lockeren, behaglichen Celsien bruzzelte. Nach Abschluss der Arbeiten dort erreicht mich eine email von Eric, dem Organisten :

Wonderful! I played the organ this evening and what a joy to have it all playing so well. I’m a happy man. The issues in the Swell organ have gone and all nites sounding, so your idea and work have been successful.

Da waren wir schon in den Cairngorms, in Kingussie.

Schneefall war die nächsten Tage auf den Highlands angesagt. Bob und Sheilagh luden zur Übernachtung und prachtvollem breakfast after Scottish manner.

Ein Tag Wartung an der Evans & Barr Orgel war eingeplant. Viel Besuch kam.

Das Buch „Organs in Scotland“ von David Stewart und Alan Buchan wurde mir übergeben. Wahnsinn, was es hier im Land für einen Orgelbestand gibt. Das Buch hat über 350 Seiten, kostet 8,5 Pfund, und ist wahrlich umfassend. Man sieht auch, die Schotten sind sparsam.

Von Kingussie aus haben wir noch Tomintoul und Inveraven gewartet, was in der Tat nur noch über schneebestückte Fährten zu erreichen war.

Die Cairngorms, eine Berggruppe der Grampian Mountains im Nordosten von Schottland, werden umringt von einer Serie kleiner Ortschaften, die teilweise wirklich schöne historische Orgeln aufweisen.

Darunter ist das Instrument von Blair Castle das älteste (Bj 1630).

Zwei Instrumente wurden von uns restauriert (Kingussie auf der 1  und Tomintoul 5) Nördlich von Ballindalloch befindet sich die ebenfalls von uns restaurierte Orgel in Inveraven (Hill & Son, 1875). 

Und die von uns in den Libanon überführte James Conacher-Orgel befand sich zwischen Glenlivet und Tomintoul auf der kaum auf einer Karte aufgeführten Schafweide „Tombae“, dessen Kirche und Pfarrhaus seit Abgang der Orgel nun zum Verkauf steht.

Hierzu wurde im Thisle, dem Cairngormer Newspaper, ein schöner Beitrag eingefügt, den wir nachfolgend zeigen:

Also, wie gesagt, nach Kingussie kamen die Highlands an die Reihe: zuerst Tomintoul dann Inveraven. Dann gabs small-talk bei Tricha mit Harold, dem Organisten in Inveraven, bei standardOcoffee, bevor wir uns weiter trollten zum Aberlour Restaurant direkt im dortigen Hotel.

Übernachten auf den Highlands sollte man, außer man legt sich auf billigere Bed& Breakfast-Ensembles fest, im Richmond Hotel in Tomintoul, wo inzwischen auch Glasfaser fürs Netz gelegt wurden. Gute Betten, ausreichend Druck in den Wasserleitungen und ein brauchbares Frühstück zeichnen dieses Hotel aus. (direkt dahinter befindet sich übrigens The Whisky Castle, erste Probierstation der rund 30 Destillen hier in der Gegend, da ist es gut sein Bett in der Nähe zu wissen)

Leider nicht zu haben in Motherwells Hotel, wo regelmäßig das Fenster beim Öffnen in die Hand fällt und das Frühstück so schlecht ist, dass man zum EmCeDonald  breakfasten gehen muss.

Noch ein Bild der Kirche Inveraven, in der die Hill-Orgel steht. Herrliche Einsamkeit samt Friedhof mit uralten Pictish-Stones. Hier die Gambe anzublasen ist schon ein starkes Erlebnis. Die Adligen Grants und McPhersons in Ballindalloch haben sich diese kleine Kirche für Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen erwählt.

=

Das war auch unsere letzte Station, wo wir dann über Dover-Fähre-Belgien einen guten, sonnenbeschienenen Heimweg fanden.

Alles in Allem waren es dann doch 3800km, aber schön, wie alles in Schottland.

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ab wann gab es denn die ersten elektr. Gebläsemotoren?

Diese Frage wurde mir in den letzten zwei Wochen gleich dreimal gestellt. Ich denke, dass diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden kann.

Insbesondere glaube ich nicht, dass Deutschland eine Vorreiterrolle hier gespielt hat, sondern wir müssen wahrscheinlich nach England oder Frankreich blicken, wo Mitte/Ende des 19.JH das Ingenieurwesen sich intensiver damit auseinandersetzte.

Warum dies der Fall war, ist unter anderem an den auch heute noch bemerkbaren Mängeln der elektrischen Winderzeugung leicht zu klären: der durch Motor und Windrad erzeugte Wind ist eben einfach unruhiger, verwirbelter als der durch Menschenhand gepumpte.

Als nach der Fertigstellung der Ulmer Walcker-Orgel im Jahr 1854, der damals größten Orgel der Welt, verschiedene Mängel im Windsystem auftauchten, wurde die Realisierung einer Windmaschine beschlossen. Die 12 Kalkanten schafften es nicht, die für das Pedal notwendige 90mmWS zu erzeugen, weswegen im Laufe der nächsten Jahre eine Dampfmaschine angebaut wurde. Beim großen Umbau von 1882-1890 wurde nach Abschluss der Arbeiten ein 4PS starker Otto’scher Gasmotor eingebaut, der über sieben Schöpfbälge und einer raffinierten Excenterkonstruktion, die wiederum von einem extra Balg geregelt wurde, den erforderlichen Wind lieferte. Ich vermute, dass der Motor außerhalb der Kirche angebracht war und über Transmissionsriemen mit Wellen und Windrad in Verbindung stand.

Die erste rein elektrisch gesteuerte Pfeifenorgel wurde in Frankreich 1852 gebaut. Ich gehe davon aus, dass auch die Winderzeugung recht früh mit elektrischem Motor dort eingebaut wurde.

Engländer und Franzosen sorgten über ihre Weltausstellungen für die Verbreitung industrieller Entwicklungen. Wir kennen die Probleme, die Walcker bei Versuchen an der Bostoner Orgel 1863 hatten, als sie unglückliche Experimente mit elektrischer Traktur abbrechen mussten. Das geschah auch der Firma Weigle bei der Weltausstellung in Paris 1878, als dort ein rein elektrisch gesteuertes Instrument gezeigt wurde. Durch rasch abgebrannte Kontakte und leergelaufene Batterien hat man sich von der „Elektrik“ bald erholt.

Walcker baute in Wien Stephansdom 1886 noch einen Kalkantenruf ein, es sollten aber in den späten 1890er Jahren bereits elektrische Motoren dort gewirkt haben. In Wien Votivkirche ist urkundlich erwähnt, dass 1901 ein elektrischer Motor eingebaut wurde.

Ab 1905 waren alle größeren Städte in Deutschland am Netz. Die Gaslampen wurden nun langsam gegen elektrisches Licht ausgetauscht. Damit war nun gewährleistet, dass in großen Städten und deren großen Kirchen elektrische Motoren betrieben werden konnten. So war es bei den ersten rein elektrischen Orgeln in Deutschland (das muss man sehr vorsichtig so ausdrücken, weil ja immer noch erhebliche Pneumatik beschäftigt war) der von Voit gebauten Orgel 1905 in die Stadthalle Heidelberg, wo der elektrische Spieltisch aus England kam,  und von Walcker in der Münchner Odeonhalle, ganz klar, dass hier auch elektrische Motoren den Wind erzeugten.

Walcker bot ab diesem Zeitraum stolz seine „Kombinationsgebläse“ an, das waren Magazinbälge, die per pedes oder per Motor betrieben werden konnten. Denn es war nicht sicher, ob der Strom auch wirklich dauerhaft aus der Dose kam. Eine Erscheinung, die Amerika und Afrika auch heute noch bestens kennen.

Neben der Verwirbelung des Windes, die sich besonders bei Dispositionen mit vielen Stimmen kleiner als 4′ stark bemerkbar machen kann, hat der Motor noch andere Nachteile, wie seine unerbittliche Geräuschhaftigkeit oder seine Unberechenbarkeit.

Wir haben wiederholt große Unsicherheiten bei der Berechnung der erforderlichen Windmenge bei einschlägigen Herstellern von solchen Winderzeuger erleben müssen. so mussten wir dreimal Motoren in einer Kirche im Balkan erneuern, weil der Hersteller nicht in der Lage war eine Orgel mit 12 Register und Sub+Superkoppeln exakt berechnen zu können. Ein ähnliches Problem hatten wir bei einem Motoreinbau in Frankreich.

Wie edel ist es da Schrittmotoren zu sehen, die Kastenbälge uhrwerkmässig aufziehen, zu sehen und zu hören, welch reiner Wind sich da in die Orgel ergießt und welch ruhiger Atem durch die Orgel fließt.

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Die Orgel, Fetisch zur Weihnachtsfeier

Immer wieder wenn man genötigt wird in Zeitungen über sein Fachgebiet lesen zu müssen, ergreift einem die blanke Wut über Dummheiten, die dort laut verkündet werden. So wird vor Weihnachten gerne das Terrain „Orgelmusik & Orgelbau“ von unserer Oberflächenjournaille aufgegriffen und vergewaltigt, ohne dass sich der geringstmögliche Tiefstand bei  solchen Recherchen zeigt. Alles löst sich da in Nebel und Geschwafel auf. Zuletzt gesehen bei der Süddeutschen Zeitung, die in Ihrer vergangenen Freitagausgabe bereits in den Schlagzeilen für Verwunderung sorgte.

Wir lesen da: „Orgeln wie die von Johann Fux in Fürstenfeld zählen jetzt zum „Immateriellen Kulturerbe“. Klar, dass ein Idiot, um im Wortspiel von Herrn Prantl zu bleiben, das Wesen der von der UNESCO vergebenen Auszeichnung nie und nimmer verstanden hat.

Ich will gar nicht so weit ausholen und den platonischen Unterschied zwischen Idee und Objekt oder Materie bemühen, aber es muss doch klar sein, dass das Brauchtum des deutschen Orgelbaus und die dazugehörige Orgelmusik ausgezeichnet wurden und nicht wie man dem Zeitungsleser mit Bildern und lauten Begriffen klar machen will, es handle sich um fassbare Gegenstände oder gar bestimmte Orgelwerke oder Orgelbaufirmen.

Auch der zweite Artikel, bei dem der Organist Michael Hartmann mit zweifelhaften Daten in der Orgelhistorie herumstochert, die Orgel sei von Byzanz nach Europa gekommen, stimmt uns ärgerlich. Zwar wurde das Byzantinische Reich (etwa 650 v.Chr.-330 n.Chr) in der Geschichtsschreibung ganz allgemein als „Byzanz“ bezeichnet (also nicht nur die Stadt Byzanz, die dann ab 330 Konstantinopel genannt wurde und heute Istanbul heißt, sondern das Byzantinische Reich hatte um 1025 seine Ausdehnung bis Österreich, war also in Europa angekommen).

Die Orgel aber stammt aus der griechischen Antike (und Griechenland war lange Zeit durch Byzanz absorbiert worden), auch wenn man sich darauf geeinigt hat , dass Ktesibios aus Alexandria (Ägypten) die Orgel, wie wir sie heute definieren, im Jahr 246 v. Chr. erfunden hat. Denn Ktesibios war ein griechischer Techniker, was wir heute eher mit künstlerischem Handwerker übersetzen sollten. Außerdem ist bekannt, dass in der griechischen Antike die Orgel (als hydraulos= Wasser-Aulos) sehr oft genannt wurde. Vitruv  (ein römischer Gelehrter um 100 v.Chr.) und Heron haben erste genauere Skizzen zu diesem Instrument geliefert. So wäre also auch aus dem Grund, dass man anhand der gefundenen römischen Orgeln, die zweifellos Kopien der griechischen waren, mit der man übrigens die antike Musiktheorie rekonstruieren konnte, die klare Aussage richtig gewesen: „Die Orgel stammt aus dem europäischen Kernland der Antike, aus Griechenland“ (und wie sie in die mitteleuropäischen Kirchen kam, ist eher umstritten).

Sogar der römische Cäsar Nero lernte die Orgel im Jahr 66 n.Chr. in Griechenland kennen und gelobte selbst Orgelspieler werden zu wollen, was den mittelalterlichen Kirchen den Geschmack auf das Instrument zunächst vermasselte. Wir können aber heute davon ausgehen, dass der römische Adel und seine Führer reichlich Gebrauch vom Orgelspiel machten.

Nach Untergang des weströmischen Imperiums verschwand das Instrument in Rom, wurde aber in „Ostrom“, also Konstantinopel weiterhin auf den Kaiserhöfen benutzt. Und so erfolgte  im Jahr 757 n.Chr. eine Schenkung einer Orgel vom byzantinischen Kaiser Konstantin V.  an den König Pippin der Kleine (714-768, Sohn Karls des Großen, König der Franken).

In die Kirchen kam die Orgel, entgegen allen falschen organologischen Behauptungen, gegen 680 n.Chr. in England, wo der heilige Aldhelm ausführlich und mehrfach über dieses Instrument berichtete. Woher diese Orgel stammte ist völlig unbekannt, aber dies war der Einstieg in die Kirche. Im Jahre 950 n.Chr. wurde in Winchester St. Peters eine „Riesenorgel“ mit 400 Pfeifen errichtet, die von 70 starken Männern betrieben werden musste (wahrscheinlich völlig übertriebene Darstellung der Sache, wie es eben im Mittelalter oft geschah). Auch erste Orgelliteratur stammt aus englischen Kirchen, so dass wir heute ziemlich klar England als das Ursprungsland der  beginnenden Orgelkultur in europäischen Kirchen benennen können.

Was aber entscheidend für die heutige Darstellung der Orgel, des Orgelbaus und der Orgelmusik ist, das ist die gegenwärtige miserable Lage dieses Brauchtums. Und hier wird in den mir zugängigen Medien ein wunderliches Gebet veranstaltet, in dem man sich nur noch den Orgelbauer als Nikolaus mit weißem Bart und hirschgezogenem Schlitten vorstellen muss. Da stoßen solche Artikel, die den Anschein erwecken wollen, wir sind bestens mit unserem uralten Brauchtum des Orgelbau- und Spiels vernetzt, unterbergmäßig bitter auf.

Bis vor dem ersten Weltkrieg kann man sagen wurden laufend neue Kompositionen für die Orgeln geschrieben, jeder Organist konnte improvisieren, eine dynamische und kreative Orgelwelt hatte Zuhörer, Komponisten und Interpreten, die auch abends im Familienkreise musizierten. Mit Aufkommen der Massenmedien änderte sich das Verhältnis der Gesellschaft zur Musik radikal. Die Orgel wurde in vielen Kirchen zu einem Fremdkörper, der viel Geld kostete und der keinen Komponisten mehr interessierte. Die leichte Kost der Medien war schneller, flexibler, konsumgerechter =  massentauglicher. Lassen wir uns nicht von Repräsentations-Exemplaren täuschen, die alle paar Tage in den Medien, wie Werbefernsehen eben ist, gezeigt werden. Und noch weniger sollten wir uns täuschen lassen von solchen Zeitungsberichten.

Nur die Erinnerung der Alten, die als Kinder unter Orgelmusik an religiöse Wahrheiten herangeführt wurden, führte oft noch zum Erhalt des einen oder anderen Instruments. Völlig verstörend ist für mich der Umstand, dass wir heute unter diesen Umständen Orgeln am laufenden Band vernichten. Wir werfen einem außer Rand und Band geratenem Präsidenten der USA Ignoranz in Sachen Umweltschutz vor, während unsere Kirchen völlig intakte und historisch wertvolle Orgeln auf den Müll werfen, nur weil Organisten ihren Moden nach „Franzosenart“ frönen. Auf der anderen Seite sehen wir keinerlei Komponisten von Rang, die in den vergangenen 50 Jahren Werke für Orgel geschrieben haben. Sie sei eben tot, wie es Hindemith schon in den 20er Jahren gesagt hatte.

Als Orgelbauer, der  die inflationäre und fabrikmäßige Fertigung von Serienorgeln erlebt und mitgestaltet hat, weiß ich wohl, dass Mäßigung immer ein Grundgebot von großer Kultur war. Die rein technische Perspektive unter der das deutsche Sachverständigenwesen Orgelbau zulässt, erscheint mir als Reise in die totale Sackgasse, in der ohnehin keine große Musik mehr aufblühen kann. Man erstickt durch Bürokratie und Gelehrtenhaftigkeit jedes zarte Aufblühen, jeden Versuch eines künstlerischen Neuanfangs.

Wir können sehr gut an großen Kulturepochen studieren, wie sich vergangene Zeiten ihren Ruf bewahrt haben. Im Angesicht von Klimakatastrophen und dem Versagen von Kirchenmusikschulen ihren Schülern selbständiges Musizieren beizubringen, habe ich größte Bedenken, dass wir nochmal ein Auflachen Neuer Orgelmusik erleben dürfen, wie das noch Ende der 1960er Jahre in Deutschland der Fall war.

Meine Gespräche in den letzten Jahren mit Kirchenmusikern unterschiedlichster Prägung haben mir gezeigt, dass Orgelmusik durchaus nicht am Zustand der Kirchen gemessen werden sollte. Orgelmusik als Weltkulturerbe könnte sich durchaus in Konzerten einer anderen Entwicklung verschreiben als es die christlichen Religionen tun.

Vielleicht führen ein paar Zufälle in andere Richtungen.

(gwm)

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Mit dem Wartburg auf die Wartburg

(an Eastern Country Blues) Kaum waren wir an der Eisenacher Walcker-Orgel in der Nicolai-Kirche mit der Aufnahme zur Dokumentation fertig, ging’s tatsächlich mit einem Wartburg weiter hoch auf die Wartburg.  Am Hintersitz ein Eisenacher, der uns beredete  Einblicke in die Stadt gab.

Der Wartburg vor der Wartburg                          Die Walcker-Orgel in Nikolai

Aus dieser abenteuerlichen Fahrt wurde ein Video fabriziert, eben einen EASTERN COUNTRY BLUES, mit einem schwerblütigen Refrain, wer immer ihn dazu sang:

Dann gings weiter in die Kulturhauptstadt Europas:

Weimar, 1 Tag sich  von Goethe, Schiller, Liszt und Nietzsche bezaubern lassen.

Weiterreise zur Walcker-Orgel nach Großrudestedt, ein pneumatisches, spätromantisches Werk, das sich hinter einem Barockprospekt und blinden Zinkpfeifen verbarg.

Am Samstag halte ich einen kleinen Vortrag für rund 10 Mitglieder des Kirchenrates über dieses herrliche Instrument und andere, vergleichbare Orgeln und den möglichen fantastischen Klang dieser Orgel, wenn sie wieder einmal gerichtet sein wird.

gwm

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Vom Libanon nach Kairo (die grausamen Leiden eines Orgelbauers)

Mit entsetzlichen Träumen geschlagen Flug und Fahrt nach Beirut angetreten, um dann Freitag morgens (den 8.12.17) um 2:20 am Flughafen Beirut anzukommen.

Kein Taxi, wie abgemacht stand da. Hektische Telefonate wurden geführt und alle am Flughafen anwesenden Taxifahrer nach einer Fahrt nach Khirbet befragt, aber es war keiner dazu bereit. Noch war mir nicht klar warum.

Endlich gegen 3Uhr früh die Erlösung, ein Taxifahrer wird mich in der nächsten halben Stunde abholen. Den Berg hinter Beirut schafft der Mann nur im Zickzack, während er gehaltvolle Telefonate am Smartphone führt, mit Gesten und Ausrufen wie am Marktplatz. Zwei Auffahrunfälle rechts und links. Endlich das Bekaa-Tal in Sicht. Dort kommen wir in berüchtigte und gefährliche Nebelbänke. Sicht nur noch im Radius von einem Meter. Gegen 4:30 bin ich endlich in der Schneller-Schule. Restlos erschlagen, aber happy.

Am Sonntag nachmittag begrüsst mich Frau Däubler-Gmelin vor der Kirche, die extra wegen der Einweihung dieser Orgel aus Stuttgart angereist ist. Sehr interessante Gespräche, die 3000 Jahre alte Zeder hat sie mit Schwiegertochter und Vorsitzendem der Ebert-Stiftung besucht. Stolz erzählt sie, dass sie in einem Gremium der Musikhochschule Stuttgart im Vorsitz sei, und, dass dort über 45 Orgeln eingebaut sind. Nach dem Konzert wird sie mir ihre Anerkennung zur gelungenen Installation der Orgel ausdrücken, um dann schleunigst ihre Rückreise nach Deutschland anzutreten.

Weniger angenehm verlief das Bekanntwerden mit dem Deutschen Botschafter, der nicht das Mindeste getan hatte, um diesem Einbau Unterstützung zu gewähren.

Geldgeber, Orgelfreunde aus Deutschland, Angestellte und Lehrer aus dem Libanon waren gekommen, man sass abends noch zusammen zum Schwätzen, es lief alles rund.  Heitere Ruhe kehrte ein.

Am Mittwoch morgen um 4:30 Abholung durch einen neuen Taxifahrer. Im Nahen Osten sind die Taxifahrer das Salz in der Suppe der Gesellschaft. Man erfährt von ihnen die politische Lage und die Kartographie des sozialen Zustandes des jeweiligen Landes. Hier aber war ein besonderes Exemplar am Werk. Vor einem schweren Unfall kurz vor Beirut überholte er ein mit Blaulicht und Sirene fahrendes Polizeiauto, um dann wenige Meter weiter während einem slow-go sein Smartphone hervor zu gramen, und dann ein Tetrisgame während der Fahrt damit abzuspielen.

Hier ein Ausschnitt aus dieser Fahrt:

Von Beirut nach Kairo mit der Egypt-Air, das ist das Beste was es gibt. Man hat immer Platz in ihren Kisten und man lernt immer irgendwie ein paar interessante Gestalten kennen. Diesmal ein Organisator von Ärzte ohne Grenzen, der seit 30 Jahren in dieser Gegend arbeitet. Er war in Syrien, im Irak, überall wo’s so richtig gebrannt hat. Wir verabreden uns in Kairo zum Fischessen.

Nächster Taxifahrer, eine gemütliche Natur, von Airport Kairo ins fast schon heimelige Hotel Longchamps auf der Halbinsel Zamalek. Als ein Pickup auf dem Highway dreht und gegen Fahrtrichtung weiter trollt, wendet sich der Fahrer langsam und sorgenvoll an mich: „typical Egyptians“.

Die Mutter aller Städte hat mich wieder. Wie liebe ich dieses Bild, vom Hotel aus mit iPhone gezogen, der Wespenstock mit Satellitenschüsseln, die Fühler, um die Außenwelt abzufragen:

Am nächsten Tag bin ich mit einem Schüler, der die Tasten hält an der Walcker-Orgel. Vor der Tür ganz normaler kairoanischer Verkehr, überall wird gebaut. Von einer neuen U-Bahn munkelt man? Kaum Parkplatz mehr auf der Galaa-Street:

Zwei Bilder über die Walcker-Orgel, die zeigen, dass zwei Tage für die Wartung nicht zu wenig bemessen sind. Es wird hart geschafft, den Zeitrahmen auszuschöpfen:

blue Schwellwerk

und das Fernwerk, direkt unter dem Dach der Kirche, das für richtig knackige Temperaturen im Sommer sorgt (45 Grad und mehr):

Und schon sitze ich wieder im Taxi zum Flughafen. Der Zufall will es, dass der gleiche Fahrer mich wieder zum Flughafen fährt, wie zwei Tage zuvor. Verbeißt sich am Samstag  morgens um 5 Uhr in meinen Koffer, den er nicht mehr aus der Hand gibt und runter trägt, obwohl er und Koffer zu dick für den kleinen Aufzug sind. Die Straßen sind fast leer. Nur vor dem Flughafen Stau wegen Kontrollen.

Gegen 10:00 sitze ich im Flieger, zurück nach FFM und höre die fast an stoische Meditation gemahnende Stimme des Muezzins :

gwm

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Deutscher Orgelbau und Orgelmusik = Weltkulturerbe

Neben dem neapolitanischen Pizzabäcker, dem mit Gemüse gefüllten aserbaidschanischen Dolma, dem bolivianischen Alasita-Fest, der Basler Fastnach und weiteren Bräuchen, die viel damit zu tun haben, geldbeseelten Touristenströmen den Weg ins jeweilige Land zu ebnen, hat es nun auch Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland zu einem Eintrag in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes 2017 geschafft.

Ich bin wahrlich nicht stolz darauf, meinen geliebten, deutschen Orgelbau nun in dieser Reihe von „Bräuchen“ wieder zu finden. Dagegen finde ich es sehr schön, wenn mir rätselhafte Bräuche, Sitten und Lieder gezeigt werden, deren Rätselhaftigkeit ich mir erhalten darf indem ich in der Möglichkeit belassen werde, sie ohne Medienrummel wahrnehmen zu dürfen. Ohne dieses ständige Wortrauschen von den Analysten und Welterklärern, die alles Rätselhafte als Fragwürdiges entkleiden, und das für däppische Shows im TV für kommende „Millionäre“ aufbereitet werden soll.

Welches Interesse der deutsche Staat auch immer haben mag, solche Kulturformen in der Welt  dargestellt und in schöner Lautstärke in die Welt hinaus gesetzt zu haben, es scheinen aber prioritär wirtschaftliche Interessen dahinter zu stehen, die mit ihrer ursprünglichen, tiefergehenden Kultur wenig gemein haben. Je tiefer eine Kultur des Volkes ist, desto weniger offenbart sie sich einem anderen Volke. Das ist eine philosophische Erkenntnis, die vor allem Martin Heidegger bewusst war, als er sich weigerte Erklärungen seiner Philosophie „hinterher zu schieben“, weil das Schwierige schwierig bleiben sollte.

Selbstverständlich ist es schön, wenn unser Orgelbau für ein paar Tage aus dem Elfenbeinturm seine Gefieder in die Welt reckt und beklatscht wird, auch auf die Gefahr hin, dass mancher Weltbürger besorgt nach Deutschland blickt und sich fragt: „was sind das nur für seltsame Bräuche, die da in Siemens-Bayer-Land von den Organfarmern auf ihren Feldern wohl betrieben werden?“ Denn nach meiner Erfahrung werden diese Darstellungen, wie sie in unserer Presse wortreich beklatscht werden, in anderen Ländern, in denen es keine oder nur reduzierte Orgelkultur gibt, völlig missverstanden. Neben Kuckucksuhren stellen Orgeln eben ein verrücktes wie unnötiges Gut in Bolivien oder Bangladesch dar, das die heutige materielle Not eher vergrößert als lindert. Der mittelamerikanische und katholische Pfarrer schätzt die Pfeifenorgel gar immer noch als ein ihm widersprechender Kontrapart ein, dessen Sprachgewalt in jedem Fall gezügelt werden müsse.

In allen mir zugängigen Zeitungen konnte ich nachlesen, wie herrlich es in Deutschland zugeht. So sollte der Reichtum der Kirchen durch die durch den Staat eingezogene Kirchensteuer so enorm sein, so dass im Zentrum Mitteleuropas das wirtschaftliche Gedeihen der Orgelbaufirmen biblisch paradiesische Zustände versprach. Der Orgelsachverständige Kaufmann tritt dabei als „über Tasten tanzender, vitaler Körper in Erscheinung, der in Erhabenheit und gleichermaßen Demut aufgeht“. Nebenbei, so ganz nebensächlich also, wird der Erbauer der Orgel, die Werkstatt Klais in Bonn erwähnt, sonst hört man keine andere Möglichkeit seine Orgel stimmen oder reparieren zu lassen. Wir Orgelbauer kennen dieses Phänomen bestens. Die „scheinbare“ Objektivität mit der in der Presse von „Orgelfachleuten“ über Orgelbau dahergeredet wird, löst sich nun in Luft auf, mit dem Daumen wird auf die Firma gedeutet, die den Auftrag erhalten soll.

Es ist schade, dass es unterlassen wurde, diese Eintragung zum immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit zu verkünden, indem damit der Erhalt anerkannter Orgelwerke verbunden sein soll. Denn wenn es auch nur eine additive Formel zu diesem Eintrag gewesen wäre, so hätte man die Verpflichtung zum Erhalt vieler Orgeln in Stein gemeißelt, das wäre schon sehr viel gewesen. Und den Orgelsachverständigen, die sich grundsätzlich mehr um ihre Egodarstellung als um die große Historie kümmern, hätte man zukünftig vor der Zerstörung vieler Instrumente  (Giessen Linkorgel, Murrhardt Walcker, Dortmund Reinoldi uva) das Papier um die Ohren schlagen können.

Dass der Deutsche Orgelbau und die Orgelmusik zum Kulturerbe erklärt wurden, beantragt durch das Auswärtige Amt und die ständige Vertretung der BRD bei der UNESCO, hat aber seine Berechtigung in einem noch viel tieferen Sinne, wie ich das in den letzten 20 Jahren selbst erlebt habe. So konnten wir die Orgel in Kairo, die ich gerade wieder anlässlich einer Wartung besucht habe, durch den Einsatz und Spenden des dortigen deutschen Botschafters restaurieren. Die Orgeln in Costa Rica, die wir reparieren oder restaurieren durften, wurden mit großzügigem Interesse vom dortigen Botschafter begleitet. Alle Organisten, die dort spielten, wurden und werden finanziell von der Botschaft unterstützt. Ein Auftrag in San Salvador wird ausschließlich mit Mitteln des Auswärtigen Amtes finanziert. Ebenso haben wir das in Australien, Bolivien, Kolumbien erfahren dürfen. Hier zeigte sich eine große Verantwortung der deutschen Regierung, was die kulturellen Erbschaften aus anderen Zeiten betraf. Von anderen Ländern, auch deutschsprachigen, wie der Schweiz oder Österreich, aber auch Frankreich oder England, habe ich nie gehört, dass so massiv in Sachen Orgelerhalt gesponsert wurde.

(gwm) nach einer Nahostreise

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Was bitte ist ein „Enharmonium“ ?

Nach solch einer Frage wird man sich bei den Orgelbaumeistern des BDO rasch am Kopf kratzen, während sich Orgelspieler und Laien schon lange auf unseren Webseiten über eine sensationelle Erfindung erfreuen konnten, die im Jahre 1890 durch den Japaner Shohé Tanaka geschah.

Das vor einigen Jahren wieder aufgefundene Instrument von Tanaka wurde von uns restauriert und verschiedenem Fachpublikum nahegebracht. Die BDO-Orgelmeister haben eine Veröffentlichung in ihren Kreisen abgelehnt, da wir nicht Mitglied im Bund sind. Aber dort jedoch, wo mit Fachwissen gehandelt wird, wie auf dem Wiener Wurstmarkt, da kann keine Wahrheit sein.

Daniel Walden aus der Harvard University kam heute gegen 10:30 direkt aus NY in unsere Werkstatt, um die nächsten zwei Tage auf dem Instrument zu üben. Dann geht es mitsamt Enharmonium weiter an die Musikakademie nach Basel, wo am Samstag den 25.11.17 sein  Vortrag mit musikalischen Beispielen stattfinden wird. Danach wird das Harmonium in die Hochschule für Musik nach Würzburg gebracht, wo es zu Studienzwecken Verwendung findet.

In Januar erfolgt eine Vorführung im Deutschen Museum in München. Im Mai eine weitere Vorführung im Musikinstrumenten-Museum in Berlin.

Der Enkel des Erfinders, ein Mathematikprofessor, Dr. Tasuko Tanaka, ist hoch erfreut, dass sich meine Vorhersage erfüllt hat, dass dieses kleine Harmonium soviel Begeisterung auslöst und damit das Erbe seines Großvaters wieder neu belebt wird. Da ist es wahrlich nicht schade drum, dass ein einfältiger deutscher Handwerkverband keinen Gebrauch von unserem Angebot gemacht hat, seinen Mitgliedern erweitertes Wissen in Sachen historischer Stimmungen zuzuführen .

Das selbe Desinteresse kam auch von der Musikhochschule Saarbrücken, die großes Interesse bekundete, dann aber wegen eines verlängerten Wochenendes keinen einzigen Studenten, keine einzige Lehrkraft fand, die an der Vorführung in Saarbrücken teilnahm. Wir trauern solch tumben Instituten keine Träne nach.

Nun aber zur einleitenden Frage: Was ist das, ein Enharmonium?

Antwort: anstelle der zwölf Tasten in der Oktave eines Klaviers oder einer Orgel  haben wir beim Enharmonium 21 Tasten. Diese Tasten sind genauso angeordnet wie bei einem normalen Tasteninstrument, aber sie sind dann weiter in sich unterteilt. Und das macht den musikalischen Vortrag auf diesem Instrument nicht einfach. Durch zweitägige Übung, so hat es uns KMD Schulten bewiesen, kann ein guter Klavierspieler jedoch schon passable Stücke vorspielen.

Durch die heute übliche temperierte Stimmung haben wir bei den Tasteninstrumenten zwischen den Intervallen (mit Ausnahme der Oktave), immer leichte Schwebungen. Besonders bei Septimen ist dies unerträglich. Hier auf dem Enharmonium kann sogar ein Dreiklang von Terz, Quinte und Oktave völlig rein gespielt werden. Hört man mehrere Stücke auf diesem Instrument, spürt selbst der Laie, dass eine neuartige Harmonie sich offenbart.

second touchdown: JSB Choral „Wenn du einmal sollst scheiden“

Als Tanaka sein Instrument 1892 Anton Bruckner und Wagners Dirigent Hans von Bülow vorspielte, erhielt er begeisterten verbalen Applaus, der darin mündete, dass die letzten großen musikalischen Genies der Deutschen der Auffassung waren, hier bahne sich eine großartige Entwicklung an, die endlich von den „verstimmten Kisten“ der Vorzeit Abstand nähme.

Sie hatten nicht damit gerechnet, mit den massiven Holzköpfen des deutschen Musikhandwerks, das sich bis heute bewahrt hat. Oder wie Joachim Fernau in seinem Buch „Die Genies der Deutschen“ gleich eingangs vermerkte: „Die Leuchtfeuer verlöschen, der Blindflug beginnt….“ .

 

gwm

 

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