Lieb Orgel-Land magst ruhig sein…

Deutschland, vormals das Land der Musik, jetzt das Land der Orgelmusik und des Orgelbaus, wobei wir das brachiale Element dieser Kulturansprüche etwas dekonstruieren wollen, das für den deutschen Eisenbahningenieur steht, der wiederum in Schild-Papenburg bereits seine Gleise verlegen konnte. Es wird an allem scheitern was mit Tiefsinn und feinsten Nuancen (eine Franzosenvokabel) einst seine Hörer verzauberte. Wobei auch in diesem Zauber ein hohes Maß an Dekadenz und Schauspielerei (der wir heute 2/3 unserer Freizeit opfern) untergeordnet war, wie Nietzsche in „Der Fall Wagner“ wunderbar herausarbeitete.

Was man den Deutschen heute vorwerfen kann, auch im Hinblick auf ihre tatsächlich aus tiefsten Inneren herrührender Bereitschaft die Nazivergangenheit aufzuarbeiten, ist ihre monströse Historienvergewaltigung in allen Kulturdingen. Da werden Museen aufgeputzt  um den von Werbefernseheffekten genotzüchtigten Dauerglotzer wenigsten zwei, drei Blicke abzuringen. Weimar, Leipzig, Berlin müssen als historisch aufgeputzte Märchengärten herhalten. Das Wort „Kultur“ flimmert in deutschen Stammsendern am laufenden Band, selbst Kopfschmerztabletten sind Kulturgut auf Knopfdruck. Wer heute „Arte“ guckt, der gilt bei den meisten Glotzern schon als Intellektueller.

In den 1950-60er Jahren hat man in Westdeutschland alles alte Orgelzeugs entsorgt und meinte, dem Zauberlehrling gleich, die Geister der Nazivergangenheit aus den Kirchen damit entfernt zu haben. Die Verwechslung von „alt“ und „historisch“ und „bedeutend“ fiel erst viel später auf.  Nun, nach drei Jahrzehnten der Verwüstung werden genau die umgekehrten Methoden angewandt. Jede aufgefundene und als „historisch“ gebrandmarkte Pfeife wird als unbedingt erhaltungswürdig klassifiziert, egal ob man diese noch stimmen kann  und völlig egal, ob sie überhaupt noch klingt. Ganze Register hängen wie Herbstlaub in gutklingenden Orgeln, nur weil es eben denkmalgerecht sein soll. Das treibt nicht nur die Kosten einer Restaurierung in die Höhe, das Unverständnis der sinkenden Kirchenbesucherzahl solchen Unternehmungen gegenüber nimmt drastisch zu.

Ein weiteres historisches Missverständnis macht sich breit, im Osten des Landes, dass nun alles was wir im Westen in den 1950er unter „Nazi-Entsorgung“ erledigt haben, dort in die Gefahr gerät als „DDR-Müll“ klassifiziert und auf gleiche Weise entsorgt werden soll: Die Sauer-Orgel im Volkshaus in Jena, 1987 als Opus 2207 gebaut mit III/59, die bis zu seinem kürzlich erfolgtem Tod von Hartmut Haupt umsorgt wurde.

Trotz Pflegenotstands ist das ein Instrument, das für eine typische Saalorgel des damaligen DDR-Orgelbaus eine historische Dimension besitzt.  Hier kann sich jeder einer Petition anschließen, die unter anderen von Olivier Latry unterzeichnet wurde: Petition Sauer-Orgel Jena.

Wir hoffen nicht mehr darauf, beim Auseinanderbröseln der Kirchen in Mitteleuropa auf einen Kulturschock, auf ein Aufatmen und tiefere Auseinandersetzung mit Schaffen und Setzung von Kulturzielen, wie das einst hier selbstverständlich war. Aber was wir erhoffen, das sind einzelne Meilensteine zu schaffen und zu erhalten, die uns erinnern, die sowohl in die Vergangenheit wie in die Zukunft deuten können.

gwm

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Pneumatischer zweimanualiger Spieltisch von Walcker aus 1922

Dieser Spieltisch für San Mateo, Gran Canaria, wurde 1922 mit  pneumatischer Steuerung für eine Taschenladenorgel von Walcker unter Opus 1990 gebaut und wird derzeit in unserer Werkstatt restauriert.

Bemerkenswert an diesem Spieltisch ist der Umstand, dass die Pedalkoppeln sehr intelligent gelöst wurden. Die jeweils dreißig Töne von den Manualen gehen über Rückschlagventile ins Pedalrelais, wo eine Weiterleitung an C-f1 sowohl im I. und II.Manual- Abgang zur Orgel erfolgt (unter der Pedalklaviatur). Dadurch werden die schwer zu regulierenden Koppelbälgchen, die normalerweise an die Manualventile greifen eingespart. Man hat zwar dadurch 60 Membranen mehr, aber deutlich an Komplexität und Störanfälligkeit eingespart.

Noch sind wir ganz am Anfang dieser schwierigen Arbeit, die besonders durch ein völlig irrationales Abbauverfahren, bei dem alle Bleirohre ausgerissen wurden, höchste Konzentration und sorgsame Vorbereitungen erfordern.

gwm

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Die Schöler-Orgel aus 1764 in Dörsdorf

Bei einer Reinigung und klanglichen Überholung in Dörsdorf (Rhein-Lahnkreis).

Die Orgel ursprünglich gebaut von Schöler 1764 wurde seit dieser Zeit etliche Male gereinigt und im Pfeifenwerk erneuert, zuletzt wohl von Oberlinger in den 1980er Jahren. Der hier gezeigte Magazinbalg wurde 1909 neu eingebaut.

 

Manual C-d3 =51

  1. Principal 4 Fuss
  2. Viol di Gamba 8 Fuss
  3. Gedact 8 Fuss
  4. Salicional 4 Fuss
  5. Fleut travers 4 Fuss
  6. Quint 3 Fuss
  7. Kleingedact 4 Fuss
  8. Octav 2 Fuss
  9. Mixtur 3 fach
  10. Trompeta 8 Fuss
  11. Vox humana 8 Fuss

Pedal C-ds1 28 Tasten

  1. Subbass 16 Fuss
  2. Octavbass 8 Fuss

Wie schon der selige Joh. Christian Wolfram in seinem Buche „Anleitung zur Kenntniß, Beurtheilung und Erhaltung der Orgeln“ , kurz „Orgel für Dummies“ bereits im Jahre 1815 schrieb, sollte man dem Balge besondere Pflege und Widmung erfahren lassen. Hier läge ein besonderes Übel im Argen, weil neben den tollpätschigen Calcanten, welche immerfort den Balgschemel sehr unsanft niedertreten (oder sie springen wohl gar während dem Treten von einem Balgschemel auf den anderen und bewirken dadurch ein sehr empfindliches Schwanken des Orgeltones, es noch andere Tollpatschen giebt, die unnützes Zeug wie Wurstpfannen oder Brotmahlzeiten auf dem Balg am Sonntagmorgen verspeisen, während die Orgel zum Choralvorspiel anzuheben gedacht, aber missliebiges Tonzeugs erscholl. Entgegen den üblen Gewohnheiten mancher Calcanten, die bei schwer zu tretenden Bälgen einige der aufgelegten Balggewichte entfernten, um sich die Arbeit zu erleichtern, fanden wir das Gegenteil an diesem Balg bewerkstelligt: manch einfaltiges Putzpersonal gedachte sich übrig gebliebenem Kirchenrüstzeugs zu entledigen und solches auf dem Balg einzulagern. Die gewohnten 30 Zoll Windprobe der zusammen gepreßten Luft  in dem Balg sollten so um gute 10 Prozente hochgeschnellt worden sein, was Stimmung und Klang solcherlei Orgeln aufs Unleidigste gesteigert haben. (dieses Büchlein des Organisten aus Goldbach bei Gotha kann bei mir kostenfrei bezogen werden, da ich eins davon übrig habe)

Hier noch eine Anmerkung aus jenem Jahr 1909 den Magazinbalg betreffend:

Und hier eine Fotografie, die allerhand Unruhe bei unseren Belegschaften verursachte, weil man es so nicht gleich einordnen konnte wohin es denn passen würde. Es handelt sich nicht, wie auf den ersten Blick gedacht, um einen größeren Orgelraum, sondern um einen Raum zwischen Raster und Stock. Der Lichtfluss jedoch suggeriert einen großen Saal:

Und so sieht der ausgeräumte Pfeifenraum aus, in der Front steht noch der Principal 4′, wohl das einzige Register, dass eine halbwegs tragbare Intonation von sich gab.

wird fortgesetzt….

gwm

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Die Koch-Orgel aus 1929 in Solingen

aus den verschiedenen Walcker-Orgeln der 1920er Jahre ist mir gut bekannt, dass hier seltsame Dispositionen mutiert sind. Hier nun in diesem kleinen Instrument mit nur 8 Registern hat man es mit einer spätromantischen Orgel zu tun, die aber ein „blaues Auge“ erhalten hat (Larigot 1 1/3 + 1), das wir etwas behandeln konnten.

Wesentlich unschöner waren Ausfälle am Pfeifenmaterial, das wahrscheinlich durch Kälte sehr sprödes Zinn an den Stimmrollen aufwies. Ein Weiteres waren die „elektrophilen Gestaltungen“ eines übereifrigen Elektrikers, der den erschfrischend einfachen Spieltisch der Orgel stark überzeichnete:

Hier wurden wir angehalten den gesamten „Schaltplan“ ins Orgelinnere zu verlegen und gleichzeitig alle Lampen zu ersetzen, was noch andauert.

Die Pneumatik litt an starken Repetitionsmängeln, was wir ebenfalls zur restlosen Befriedigung beseitigen konnten. Die vor 30 Jahren von Weimbs ausgetauschten Membranen waren aus Polypel, was zwar billiger aber heutzutage weniger gern verwendet wird.

In jedem Fall war der damalige Einbau des Larigot 1 1/3+1 ein Fehler. Der Organist verwendete dieses Register nie.  Ab c‘ zog das Register stark in der Lautstärke an und war unausstehlich. Wir haben den 1′ stillgelegt und die Quinte ab der Mitte erheblich in Lautstärke reduziert, was nun ganz neue Klangmöglichkeiten mit Gedackt 8 und Traversflöte 4 ermöglicht.

I.Manual C-f“‘ = 54 Tasten

1 Gedackt 8

2 Salicional 8 (C-H aus 1)

3 Gamba 8

4 Principal 4

5 Traversflöte 4

6 Octav 2

7 Larigot 2f.

Pedal C-d‘ = 27 Tasten

8 Subbaß 16

Pedalkoppel

Die Orgel steht auf pneumatischen Kegelladen und einen, wohl 1986 eingefügten Schwabbel-Schwimmerbalg, der aber bei der geringen Registerzahl halbwegs seine Dienste tut. Wir haben einen weitaus schwächeren Salicional gegen eine Gambe, die sicher als Principalersatz gedacht ist, diese Funktion aber nicht ganz erfüllen kann. Wunderschön ist die Traversflöte, ab c in Metall, ab c‘ überblasend. Auch die Octav 2 musste in Lautstärke reduziert werden. Nun hat man ein Tutti mit 1 1/3, das mehr quirlig glänzt und ein Tutti mit 2′ das mit gemäßigtem Organo-Pleno-Glanz die kleine Kirche in Burg gut füllt. Auch das Gedeckt 8 tut wunderbar und warm seine Dienste. Hier das komplette Sammelsurium:

Und hier noch ein Foto aus einer früheren Ausreinigung mit Lage der Register:

gwm

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Verfügbare Pfeifenorgeln aus Schottland

Die hier vorgestellten historischen Orgeln aus Schottland sind allesamt vorhanden und stehen zur freien Verfügung. Greifen Sie zu bevor der Brexit auch hier unüberwindliche Grenzen geschaffen hat. Weitere Beratung und Kostenermittlung fertige ich gerne für Sie an: gerhard@walcker.com

Arbroath Knox’s Church – Peter Conacher Orgel

Diese Orgel ist ein Instrument von Peter Conacher aus Huddersfield und war ursprünglich gebaut für die Brechin West Free Church im Jahr 1895. Die Umstellung erfolgte in 1948. Die Kirche ist nun geschlossen und wird in den nächsten Wochen verkauft.

Keithhall Church, nahe Inverurie – Ernest Lawton-Orgel (Aberdeen)

Diese Kirche wurde 2017 geschlossen, ist aber noch nicht verkauft. Es handelt sich um eine Ernest Lawton-Orgel, der bei Brindley & Foster in Sheffield  arbeitete und später mit Wadsworth in Aberdeen. Lawton machte sich 1898 selbständig. Seine ersten Orgeln sind von sehr hoher Qualität.

Foveran near Ellon, Aberdeenshire

Diese Kirche wurde 2008 geschlossen. Die Orgel dort ist ein schönes Beispiel der Arbeit von Laxton, datiert auf 1900.

Eyemouth gebaut von Cousans of Lincoln im Jahr 1908

Diese Kirche ist noch nicht geschlossen, aber sie möchten die Orgel gerne loswerden, um eine Türe an besagter Stelle einzubauen. Die Orgel wurde von Verwandten von Lincoln gebaut und sie hat ungewöhnlicher weise mechanische Schleifladen

Liff Church, Angus, Alexander Young – Orgel 1880

es handelt sich um eine Orgel mit 17 Register auf zwei Manualen u Pedal

Howgate, Midlothian – Orgel von James Bruce/Edinburgh aus 1830

Manual: Stop Diapason 8, Bass/Diskant, Dulciana 8, Principal 4

Weitere Orgeln sind verfügbar

Paisley St. James

von Father Willis 1884 gebaut und von J.W. Walker 1901 auf dreimanualig erweitert, ca. 38 Register auf elektropneumatische Traktur. Fotos gibt es auf NPOR

 

Aberdeen St. George’s, Tillydrone

Ein einmanualiges Instrument ohne Pedal installiert 1971 von Philip Wright aus einer Orgel von 1857, die von Merklin-Schultze aus Brüssel erbaut wurde (aus St. Margaret’s Episcopal Kirche, Forgue, Aberdeenshire)

Manual: Montre 8, Bourdon 8, Prestant 4, Doublette 2, Larigot 1 1/3 (Larigot von 1971).

 

Edinburgh Pius X Catholic Church – Forster & Andrews 1880 II/13

Great: Open Diapason 8, Stopped Diapason Bass 8, Hohlflote 8, Dulciana 8, Principal 4, Twelfth 2 2/3, Fifteenth 2 (preparation for one additional 8’ stop and one 4 foot)

Swell: Open Diapason 8, Viole d’Amore 8, Voix Celestes 8, Principal 4, Oboe 8 (preparation for a 16’ Bourdon, a Piccolo and a reed).

Pedal: Bourdon 16

 

Stonehaven Mackie Academy IIImanualige Ingram Orgel

findet sich auf der Mander website

 

Edinburgh Royal Infirmary

Eine James Conacher aus 1879 I/6

Edinburgh St. Margaret’s Parish II/11 Bj 1936 Compton

 

Cambuslang Old II/23 rebuild Conacher 1969  

diese Orgel kann auf ebay gefunden werden.

 

Dowally Church, Perthshire

Eine Casson Positive Orgel (findet man auf Walcker.com genauer beschrieben) die ursprünglich in Dunkeld Catedral 1900-1908 gespielt hat. Diese Orgeln sind hochinteressant, aber schwierig zu warten.  Diese Orgel ist mir bekannt, wir haben sie vor zwei Jahren während einem service gehört.

Gerne weitere Infos,

gerhard@walcker.com

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Orgel-Spieltechniken, Küchler-Blessing versus gwm

Sehr geehrter Herr Walcker-Mayer,

Sie schreiben in einem Ihrer Artikel, dass sämtliche von Ihnen befragten Organisten (u.a. Heinz Wunderlich) die Frage, ob man als Spieler das besondere Anspracheverhalten einer mechanischen Kegellade musikalisch für unterschiedliche Klangwirkungen nutzen könne, verneinten. Im selben Artikel beschreiben Sie kurz zuvor, dass die Tonventile bei einer Schleiflade durch den Winddruck „aufgerissen“ werden (und deswegen eine vergleichbar breite Gestaltungspalette gar nicht erst ermöglichen). Aus meiner Erfahrung muss ich Ihnen (und – im ersten Punkt – damit leider auch den vielen ungenannten Kollegen) widersprechen: es gibt durchaus Spieltechniken, mit denen sich in geradezu erstaunlichem Maße der Klang hinsichtlich seiner An- und Absprache modifizieren lässt. Freilich ist da dann geboten, das an vielen Stellen gelehrte und zu beobachtende „Rundstellen“ der Finger bzw. ein Spielen aus den Fingergelenken und damit ein Musizieren mit dem kleinsten „Federweg“ zu vergessen und eher zu einem Musizieren zuzuneigen, mit dem man über unterschiedlichste „Transmissionen“ arbeitet (je nach dem und immer flexibel: mal tatsächlich aus dem Fingergelenk, mal aber auch mit gestreckten Fingern, ganz sensibel auf den Wind- und Federdruck achtend, mal über das Handgelenk, mal über den Unterarm bis hin zum vollen Gewicht aus dem Rücken… und das immer und in sämtlichen Abstufungen). Das funktioniert an mechanischen Kegelladen hervorragend, lässt aber auch geradezu frappierende Klangerlebnisse an – gut in Mechanik und Intonation ausgestalteten – mechanischen Schleifladen zu: praktisch seit Beginn meiner Tätigkeit am Essener Dom ist mir eine große Freude, Laien und Fachleute zu überraschen mit dem großen Ausdrucksreichtum, den ein und dieselbe Registrierung (im Blindtest!) ermöglicht – einfach nur ausgehend von unterschiedlicher Anschlagsqualität. Regelmäßig zeigen dabei im Rahmen des internationalen Orgelzyklus‘ am Essener Dom Organisten wie László Fassang, Nathan Laube, Thomas Ospital und Daniel Beckmann (und viele, viele mehr – ganz bewusst verzichte ich hier auf die Nennung früherer Lehrer), dass solcherlei erwähnte Spieltechnik mitnichten irgendwelche quasi-unseriöse Suggestion ist, sondern schlicht einfach nur: gutes Orgelspiel. Gerne lade ich einmal nach Essen ein, um da entsprechendes aufzuzeigen und zur Diskussion zu stellen. (Dass sich mit einer solchen Spieltechnik übrigens auch das Schwellwerk der Rieger-Walcker in Trossingen durchaus souverän hat beherrschen lassen, sei nur am Rande erwähnt. Roland Eberlein agiert da sehr unprofessionell, wenn er Bossert in einem derart zentralen Punkt angeht, ohne den um seine Meinung zu fragen.) Mit besten Grüßen

Sebastian Küchler-Blessing

Domorganist zu Essen

 

Sehr geehrter Herr Küchler-Blessing,

Haben Sie besten Dank für Ihre hochinteressanten Ausführungen über Spieltechniken an Kegel-und Schleifladenorgeln, die für mich sehr lehrreich sind.

Ich denke, dass Sie in der Schilderung dieser Spieltechniken eine fantastische Art die Orgel zu spielen propagieren, die mich überzeugt haben, dass wir es einfach mit völlig unterschiedlichen Perspektiven der Organisten zu tun haben. So war Wunderlich eher ein  Vertreter einer modernen Spielweise, der einfach von der Orgel erwartete, dass diese möglichst seine klanglichen Vorstellungen vollständig beinhaltet. Das Wichtigste für ihn war bei der Interpretation von Reger eine gut abgestimmte Crescendowalze. Die Idee, dass er mit seinem Spiel an einer Kegellade den Klang modifizieren könne, war ihm völlig fremd. Weswegen er den  Vorschlag machte im Berliner Dom die Pneumatik gegen elektrische Steuerung zu ersetzen. Er übte ja auch ganz intensiv noch im neuzigsten Jahr an seiner elektrisch gesteuerten Hausorgel. Während nun die neuen Generationen, vielleicht kann man diese die postmodernen Interpreten nennen, am menschlichen Körper geschaffene Strukturen in den Interpretationsprozess einbringen, was sicher völlig neue Muster des Orgelspiels offenbaren wird. Es ist aber auch möglich, dass es sich um singuläre Perspektiven handelt, die zwar der Interpret bewusst wahrnimmt, aber der Zuhörer sich verweigert. Insbesondere wenn weitere Filter, wie die der digitalen Beschneidung tiefer ins Geschehen greifen.

Ich habe gestern ein Buch zur Seite gelegt, indem eine meiner stillsten Vermutungen laut und deutlich geäußert wurde: „Es gibt keine Realität, außer die, welche wir in uns selbst schaffen. Wir erzeugen die Realität der Dinge, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten. Unsere Realität existiert nur in der Wahrnehmung.“ Alles dies von Quantenphysikern seit Jahrzehnten geäußert, und die damit gewissermaßen eine Selbstaufhebung ihrer Disziplin bewirken. Denn damit wird gesagt, der Grad der Objektivität ist unendlich schmal. Ob wir Objektivität in der Kunst je finden, das könnte nächtelange Diskussionen hervorrufen.

Was ich damit sagen will, ist, Sie interpretieren nicht nur die Musik vergangener Kompositionen sondern Sie interpretieren auch Ihre Interpretation, zum Beispiel nach einem Konzert. Ihr als Künstler gefundener Weg, die Orgel wesensgerecht zu spielen, bleibt eben auch eine Perspektive. Vielleicht begeistert sie viele junge Organisten, was zu wünschen wäre, dadurch ist aber die andere Perspektive, die der dynamischen Klanggestaltung durch Tastenschlagen kein Interesse entgegenbringt, nicht die Welt des künstlerischen Orgelspiels versperrt. Denn in der Folge würde ja in der Tat Ihre Sicht der Dinge beweisen, dass elektrischen Trakturen den tiefsten Dimensionen künstlerischer Interpretationen kein Zugang gewährt würde.

Es gab und gibt ja genug bekannte Organisten, die gar keine Kenntnis von mechanischen Orgeln hatten, und trotzdem haben diese große Bekanntheit erlangt.

Dennoch muss ich sagen, finde ich Ihren Beitrag ganz toll, weil er gewissermaßen der heutigen Welt der Technik den menschlichen Körper entgegen hält und sagt: da ist noch viel mehr!

Danke und besten Gruß,

Gerhard Walcker-Mayer

 

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Orgeln in Gran Canaria

Eine Woche Intensivkurs in Sachen Orgel auf einer der kanarischen Inseln, das war ein schönes und nachhaltiges Erlebnis. Infolge nur sehr kurzer Reflexionszeit möchte ich mich auf vier Orgeln, die wir dort besichtigt haben begrenzen.

Zunächst haben wir die Walcker-Orgel in Galdar angesehen und gehört.

Es handelt sich hier um Opus 1686, gebaut 1912 mit 19 Register. Das Instrument ist sehr gut erhalten, wurde vor rund 10 Jahren gerichtet und besitzt nun einen brachialen Klang, der alles andere als „spätromantisch“ bezeichnet werden kann. Überzeugt hat die einwandfrei funktionierende Technik, alle Funktionen waren abrufbar. Schade ist, dass von einem Crescendoprinzip nicht die Rede sein kann. Es ist eher so, dass wir einen typischen Klang des 21.JH vor uns haben, der mich mehr erschreckt als erfreut hat.

Alejandro am Spieltisch oben genannter Orgel

Eine der teilweise gefürchteten OESA-Orgeln fanden wir in der Parroquia de San Juan in Arucas, (Fotos unten)  die mich aber ihres geschmeidigen Klanges wegen aber freudig überrascht hat. Doch  die Orgel wäre nach unserem Verständnis unspielbar.

Das Pedal funkt bösartig dazwischen, fehlende und missleidige Töne beeinträchtigen das Spiel auf diesem Instrument. Sie wird selten gespielt. Die Kirche muss außerdem mit Baumaßnahmen am Dach in den nächsten Jahren schon einiges investieren.

Oesa Orgel in Parroquia de San Juan in Arucas

Nach neuen Meeren aufbrechen: am Haus des Christopher Columbus, der hier in Las Palmas eine Zwischenstation eingerichtet hat bei seinen Fahrten nach Amerika, das war schon ein großes Erlebnis. Ganz toll hergerichtet von den Leuten.

Tolle Kakteen eines botanischen Gartens nahe Las Palmas, wo wir noch eine seit über 40-50 Jahren unspielbare Walcker ausgegraben haben. Es ist ein eigenartiges Werk, das noch       vor dem I.Weltkrieg 1914 gebaut wurde als Opus 1858 mit pneum. Kegelladen und 10 Registern auf II.Manuale. Und genau die gleiche Orgel mit selbem gotischen Gehäuse und Gestaltung aber mit Taschenladen ging 1923 nach San Mateo.

Auch das Werk in San Mateo, weswegen hierher auf die Insel gereist sind, ist seit längerer Zeit unspielbar und unser Ziel ist es, endlich diese und jene Orgeln wieder spielbar zu bekommen und so die Orgelmusik auf den Kanaren zu beleben.

 

Hier noch ein Instrument, das jeder kennt, der sich auf der Insel übers Touristische hinaus etwas bewegt: die Orgel der Catedral in Las Palomas:

gwm

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Regen in Schottland..

…ist in der Regel keine Auffälligkeit, der man besondere Beachtung schenken sollte.

Aber wer nahezu 4 Wochen in einem der schönsten Landschaften des nördlichen Europa tätig sein darf, der hofft natürlich, dass er hin und wieder eine lachende Sonne zu sehen bekommt. Doch zunächst kommt es ganz, ganz dunkel:

Denn zunächst steigen zwei Deutsche in den Kellerbereich der Kirche, in dem ein Dreifaltenbalg zu Tode kam, weil (wahrscheinlich) das Grundwasser von der Mainstreet Motherwells, geradezu vom Wasser verwöhnt, sich in diesen dunklen Bereich der Kirche eines Tages in regenreicher Zeit verirrte.

Wir haben fast zwei Wochen in diesem unwirtlichen Bereich arbeiten müssen, um allen Schaden beseitigen zu können. Ein weiterer Grund war, dass der ganze Bereich verschimmelt war, und, dass wir den neuen Balg auseinandergebaut runter bringen mussten, um ihn dann in Kohlenbergbaumanier auf Knien hin-und herrutschend im nur 1,30 m hohen Kellerbereich wieder zusammenbauen mussten.

Nach Einbau dieses neuen Schwimmerbalgs  war es uns dann gelungen wieder einen stabilen Winddruck in der Orgel sicherzustellen.

Dann gings erstmal zu Freunden auf die Highlands nach Kingussie und weiter nach Tomintoul.

Highlandgames in Tomintoul

Hier bei den Highland-Games in Tomintoul war gerade mal die erste halbe Stunde gesegnet mit regenfreier Vorfreude auf das Spektakel. Dann beim ersten Lauf der Knaben unter 17 Jahren legte St. Petrus mit dauerströmendem Bewässern los. (Leider hatte ich den Sprecher falsch verstanden, als die Durchsage kam, man suche noch Läufer „under seventeen“, verstand ich „under seventy“ – und hab mich natürlich gemeldet, eben erfolglos. Weil, wie der Sprecher meinte, solche „lame ducks“ wie ich, auch nur den Hauch einer Chance bei den „Games“ hier haben.)

Unbeirrt bläst ein Dudelsackbläser dem Regen entgegen. Sogar das Objektiv meiner Kamera fing die Regentropfen auf, die Kamera war nach diesem Besuch patschnass.

Highlandgames in Tomintoul

Am nächsten Wochenende konnten wir in Glasgow das erste, brave Steak essen und den freien Eintritt in die Museen genießen. Hier Alexander am originalen Andy Warhol im Modern Museum.

Auch auf der Isle of Arran (nahe Glasgow) konnte man sich an einem herrlich blauen Himmel und einem schönen, breiten Meer erfrischen. Wahrlich eine satte Ruhe, welche die Landschaft ausstrahlt und den total überarbeiteten Orgelbauern etwas Aufbauendes zurück gab.

Blackwaterfoot auf der Isle of Arran

Cairngorms bei Aviemore

So hat Regen in Schottland immer auch eine aufbauende Note ohne die man sich dieses Land überhaupt nicht vorstellen kann.

Glasgow, am Ende dieser Straße in der Kirche rechts steht auch eine Walcker-Orgel,leider nahezu unspielbar.

gwm

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über Bälge…

Nachdem in Motherwell der Motorbalg durch einen Wasserschaden zerstört wurde, habe ich mich über die Feiertage etwas intensiver mit allen möglichen Balg-Konstruktionen beschäftigt. Das war übrigens schon lange geplant, deswegen kommt der Aufputz in ungewöhnlich detaillierter Form daher.

Auf dem Internet gibt es zu Balg und seinen Konstruktionen und daraus folgenden Windanlagen nicht viel zu finden, weil die meisten Orgelbauer sowieso der Meinung sind, ihre Bünde seien esoterischer Natur ähnlich der Illuminaten, da sei jeder noch so banale Handwerksgriff  unter dem Siegel der totalen Verschwiegenheit  am sichersten aufgehoben.

Dass aber der scheinbar wissenschaftliche Klärungsprozess von außen nun in den Orgelbau hinein getragen, mehr Übel als apollinische Klarsicht verursacht hatte, zeigt vor allem ein Umstand, der von keiner Seite mehr bestritten werden kann: nämlich, dass die Orgel nie sowenig Akzeptanz in der Öffentlichkeit vorweisen kann wie heute.

Zunächst ein paar Worte und Bilder über die historische Entwicklung der Orgelbälge.

Die erste mit einer Orgel beschriebene und später auf Bild gebrachte Anlage war die „Wasserorgel des Vitruv (ca.70-80 v.Chr.)“. Der Begriff „Balg“ (abgezogene Tierhaut) sollte aber erst bei den von den Schmieden abgekupferten Bälgen des frühen Mittelalters verwendet werden (vermutlich sind diese Konstruktionen (sog. Sackbälge) bereits bei den ersten nachbyzantinischen Instrumenten um 800 n.Chr. angewandt worden).

Interessant wird die Entwicklung mit den Spanbälgen (Span=Holzbrett). Laut Emile Rupp erfand Hans Lobsinger um 1550 diese Form. Ober-und Unterplatten waren aus 3 Finger dicken Kieferplatten gefertigt. Mit dieser Konstruktion der Spanbälge beginnt  die Geschichte der „beruhigten Windversorgung“.

Werkmeister und Dom Bedos plädieren für einen einzigen, richtig bemessenen Balg für die ganze Orgel, während später in der Orgelromantik der differenzierte Winddruck, das heißt jedes Manual hat seinen eigenen Balg, eingeführt wurde.

Bei Gottfried Silbermann dienten einfaltige Spanbälge mit einer Größe von 3000 x 1500 mm für die Windversorgung. Je nach  Größe der Orgel verwendete Silbermann 2,4 oder gar 6 dieser Spanbälge. Sehr schön zu sehen sind Spanbälge auf der Homepage von Jehmlich, der dort einen 3fachen Spanbalg von G. Silbermann zeigt. Es herrschte unterschiedliche Auffassung darüber, ob ein oder zweifältige Spanbälge die bessere Wahl sind.

Diese Spanbälge werden zeitweise auch Keilbälge genannt, wir haben hier eine zweibälgige Anlage:

Was den Winddruck Silbermanns angeht, liegt mir ein interessantes Schreiben von Horst Jehmlich an Prof. Dr. Kuhn vor. So bezeugt Jehmlich, dass von den rund dreißig Orgeln Silbermann’s nur bei 3 Instrumenten archivarisch der Druck nachgewiesen werden.

Es handelt sich dabei um Winddrücke von 94mmWS, 83mmWS und 97mmWS. Bei letzter Angabe kann ich kaum glauben, dass man solch hohen Winddruck fabrizieren konnte. Und zwar liegt mir eine Aufzeichnung vor, dass es EFW im Ulmer Münster 1856-58 nicht gelang mit 8 oder 9 Kalkanten einen ordentlichen Winddruck von 95mmWS im Pedal hinzukriegen, weswegen man dort bald zu einer Dampfmaschine zur Erzeugung des Windes überging. Auch meine Feststellung, dass nach 1871 (bei der Einführung des Metermasses in Deutschland) erhebliche Fehler bei der Umrechnung von Grad in mm durch Orgelbauer gemacht wurden, bestätigt Jehmlich in seinem Schreiben. Außerdem schreibt Jehmlich, dass bei vielen Orgeln Silbermanns zunächst ein relativ hoher Winddruck bei Restaurierungen vorgenommen, später aber wieder zurückgenommen wurde. (Eine Feststellung, die Prof. Heinz Wunderlich(1919-2012)  bei allen Restaurierungen der Schnitger-Orgeln seinerzeit gemacht hat)

Bälge bei Walcker-Orgeln

Eberhard Friedrich Walcker hat in motorlosen Balgzeiten ab etwa 1842 Kastenbälge gefertigt, was allerdings bei den ganz großen Orgeln zu Problemen geführt haben soll. Die erste Großorgel, die in Deutschland mit einer winderzeugenden Maschine betrieben wurde, war die Walcker-Orgel im Ulmer Münster, die gegen 1860 eine Dampfmaschine erhielt, welche außerhalb der gotischen Mauern die Bälge der großen Orgel antrieb und die im Laufe der Zeit immer wieder durch andere Balg-Konstruktionen aufgefallen ist.

Ich denke, dass Kastenbälge wohl den beruhigtesten und konstantesten Wind erzeugen, den man sich denken kann. In heutigen Zeiten kann man das Hochziehen dieser Bälge mit synchronisierten Schrittmotoren realisieren, so dass kein fauchender Unruhemotor mehr in die Windkanäle einblasen kann. Bei der Orgel in Hoffenheim (1845-1848) hat EFW die ersten Kastenbälge (4 Stück) eingebaut. Walcker restaurierte um 1994 die Walcker-Orgel Opus 208, II/17 in Erlenbach mit einer Kastenbalganlage mit 3 Bälgen. Davon zwei Abbildungen:

links Fotos bei Restaurierungsarbeiten i.d. Werkstatt, die Zeichnung rechts zeigt oben die Ansicht für die drei Fusstritte zum Hochziehen der Bälge

Aber EFW hat von Aristide Cavaille-Coll nicht nur das „Blaupapier“ kennengelernt, sondern auch den Doppelfaltenbalg, der dann wohl ab 1860 Standard bei Walcker werden sollte. Diese Doppelfaltenbälge wurden meist mit Fußtritten und Schöpferbalg unter dem Magazin bei kleinen Orgeln mit Wind gefüllt, bei größeren Orgel wie in Motherwell (1899/II23) wurde mit einem von Hand betriebenem Rad und Transmissionswellen ein dreifaches Keilbalgsystem betrieben. Dieses von Hand betriebene Rad, das eine Pleuelstange bewegt, die wiederum den Tritt für den Schöpferbalg bewegt, wurde bei aufkommender Elektrizität dann gelegentlich mit einem Motor angetrieben – eine tolle Idee, die einen viel besseren, beruhigten Wind lieferte, wie die Zeichnung vom Leipziger Conservatorium zeigt:

Ein mit Handrad betriebenes Windsystem zeigt das Zeichnungsdetail einer III-man. Walcker-Orgel in Mexiko:

Als Reservoir dienten in Motherwell zwei große Magazinbälge ohne Ventile, darüber jeweils ein großer Keilbalg. Diese beiden Keilbälge regulierten mit Klappventilen den Druck von rund 90mmWs, der zu den Pfeifen führte. Auf der Zeichnung kann man schön den alten Antrieb mittels 3facher Wellen und  Keilbälgen im Kellerbereich der Orgel sehen. Hierzu die komplette Zeichnung Motherwell:

Als um die Jahrhundertwende dann die Motorgebläse aufkamen, hat man oft ohne eigenen Motorbalg diesen total unruhigen Wind der Schleudergebläse direkt in die Magazinbälge hineingeblasen, was sich elementar ungünstig für Pfeifen kleiner als 2′ ausgewirkt hat. Der Umstand, dass wir uns in der Spätromantik nur mit wenig kleinen Pfeifen herumschlagen mussten, hat das Übel leicht überdeckt.

Spätestens aber nach dem II.WK, als Sachverständige wie Adolf Graf eine Barockisierung dieser kleineren spätromantischen Instrumente vornahmen, wurde rasch klar, dass Zimbeln auf Kegelladen mit Motorgebläse die Dreieinigkeit des Bösen darstellte und der Klang keinem ästhetisch gesinntem Ohr mehr gefallen konnte. Auch war diese völlige Verkennung der Ursachen ein Grund gegen Kegelladen und Taschenladen zu polemisieren und derartige Konstruktionen zu verteufeln, was zu tausendfachem Mord-und Totschlag romantischer Unschuldsorgeln führte.

Einen großen Witz fand ich bei der Walcker-Orgel in Meckenheim (Opus 123, Bj 1854, II/15), wo noch die Disposition weitgehend erhalten blieb, aber auf Veranlasssung des SV Kaleschke ein minimalistischer Schwimmerbalg direkt hinter dem Motor im Untergehäuse eingebaut wurde, während man die ursprüngliche Kastenbalganlage entfernt hatte.

Natürlich ist ganz klar, dass ein Balg in Schuhkartongröße keine Chance hat das erhaltene Pfeifenwerk annähernd an die Klangeigenschaften der ursprünglichen Orgel aus Eberhard Friedrich Walcker’s Hand heranzuführen. Es ist schon ungeheuerlich mit welchem Dilettantismus  unsere besten historischen Instrumente versorgt werden. Dazu muss man schon als Mathematiker der ganz kleinen Zahl geboren worden sein.

Zur Zeit werden von Michael Walcker-Mayer in Österreich die Bälge der großen Walcker-Orgel im Zagreber Dom frisch beledert. Die Orgel wurde ursprünglich von EFW 1855 mit III/52 gebaut. (1912 wurde die Orgel auf III/60 erweitert, elektrifiziert, und mit Motor und Magazinbälgen ausgestattet, 1939 kamen weitere Register dazu und 1988 wurde die Orgel mit IV/78 Register, neuem Spieltisch und komplett neuer Verkabelung, auf die heutige Größe festgemacht). Interessant war für mich der Umstand, dass ein relativ kleiner Motorbalg, ausgeführt als Doppelfaltenbalg, aber immerhin 700mm Faltenaufgang, dort seine Dienste tat.

Und somit sind wir beim eigentlichen Thema. Die Doppelfaltenbälge haben natürlich doppelten Faltenaufgang im Vergleich zu den Einfaltenbälge, die Oscar Walcker ab den 1920 Jahren in seinen Orgelbau eingeführt hatte, weil eben mit Aufkommen der Orgelbewegung die Windmengen und nachlassendem Baßfundamente in den Orgeln geringere Windvolumen erforderten. Die Schwimmerbälge waren bei den aufkommenden Kleinorgeln der 1930er Jahre notwendig geworden, weil hier zuwenig Platz für Faltenbälge zur Verfügung stand. In unseren Positiven, die in den 1950-1960er Jahren zu tausenden gebaut wurden, waren nur noch größere Zigarrenkisten als Schwimmer für Winddrücke um 50mmWS erforderlich.

Zu dieser Geschichte kurz und bündig (mit Bildern der Fa. Laukhuff) die Entwicklung vom Zweifalten-Magazinbalg zum „einfältigen“ Balg, um dann beim Schwimmerbalg zu endigen:

Wir haben das schön beobachten können bei der Restaurierung der Walcker-Orgel Opus 2654, Bj. 1939, III/54, in Bukarest Athenäum, in der ausschließlich Einfaltenbälge ihre Dienste tun. Der Motorbalg hat hier eine Länge von 1.260mm x 1.000mm und reguliert die 160mmWS des Motors auf 130mmWS. Dieser Wind wird über einen Kanal von 250x400mm an die drei Bälge der Manuale und einen Balg fürs Pedal weitergeführt.

Einer der fünf Einfaltenbälge in Bukarest

Der Einfaltenbalg des HW reguliert auf 90mmWS während die beiden anderen Manualbälge auf 95mmWS mittels Gewichten eingestellt werden. Wichtig ist eigentlich nur, dass die Differenz zwischen den Bälgen nicht mehr als 30-35mm WS betragen soll. Das Pedal dieser Orgel hat bei weitem nicht mehr diese Bassdominanz wie vergleichbare Orgeln vor dem I.WK, weswegen wir hier (im Vergleich zur Orgel in Straßburg St. Paul) von einer biologischen Degenereszenz reden können.

Und nun zurück zu unserem Vorhaben einen durch Feuchtigkeit und Wasser zerstörten Balg zu ersetzen. Klar war für mich, dass wir keinen Magazinbalg mit historischer Verleimung verwenden können, weil dort im Kellerbereich der Kirche, wo offensichtlich auch Grundwasser auftritt und bei regenreicher Zeit ( und das gibt es in Schottland öfters) ein Überlauf entstehen kann, immer mit Auflösung dieser Haut-oder Knochenverleimung  gerechnet werden sollte.

Also überlegten wir uns eine Schwimmerbalgkonstruktion, die aber nur mit doppelt vernähtem Gummituch anstelle des üblichen Leders ausgeführt werden sollte. Diese sollte mit einer Reise von rund 400mm ausreichend Volumen abdecken und es muss sichergestellt werden, dass wir tatsächlich einen Druck von 200mmWS auf 150mmWS herunterregulieren können. Dann kam eine weitere Überlegung dazu, dass wir diese Konstruktion „idiotensicher“ vor dem Zugriff anderer Handwerker machen müssen, die regelmässig dort Kabel verlegten und seltsame Einlagerungen vorgenommen haben.

Nun, das Ergebnis ist dieser Schwimmerbalg, der innen mit 8 Rahmen, die mittels Gummituchscharnier sowohl mit dem Boden als auch der Deckplatte verbunden sind und dadurch der Deckel total parallel nach oben aufgeht. Also auch ein Deplazieren der Gewichte, was hier mehrfach geschah, wird dieser Balg nicht mit schiefgängigem Hochfahren der Deckelplatte quittieren. Der Winddruck des Motors von 200mmWS muss durch diesen Balg auf rund 150mmWS reduziert werden, bevor der Wind weiter in die beiden Magazinbälge geleitet wird. Daher werden wir das extra starke Gummituch doppelt genäht einsetzen.

Also das waren die Gedanken eines Orgelbauers vor einer schlichten Planung, wie man gestern und heute mit Bälgen umgegangen ist und umgehen sollte. Die Auffassung „der Motor bläst mit viel Druck und Windmenge in irgendein Regulatorium“, das war in jedem Fall immer schon falsch. Der feine Wind erst ermöglicht feinen Klang.

gwm

Walcker-Orgel im Konservatorium Petersburg: hier treibt ein vom Fitnessstudio Durchtrainierter drei ausgewachsene Magazinbälge mittels Drehrad an

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über Tasten, Mäuse und eine Toccata…

oder über drei Orgeln, die unser Leben quasi dauerhaft nun begleiten, wie jene aus Tomintoul, Inveraven und nun auch Bovesse (das wir auf unseren Fahrten nach Schottland zwangsläufig tangieren).

…die Tasten

Dazu hat sich auch ein Örgelchen gesellt, das nicht unbedingt auf unserer Speisekarte stand, nun aber mehr und mehr in Erscheinung tritt, nachdem auch dort ein qualitätsbewußter Organist sein Wesen treibt: Die Kochorgel in Solingen-Burg. Klanglich nach der letzten Restaurierung nicht unbedingt ein Hit, aber wir üben uns in Ahnungen. So wurde vom Organisten zuerst einmal bemängelt, dass die schwarzen Tasten ohne Verjüngung nach oben, also rundweg das Plumpeste, was man damals in der Erbauerzeit um 1929 zu tun fand, wurde hier realisiert.

… die Mäuse

Immer in Schottland’s Orgeln anzutreffen, Mäuse- und Rattenfallen. Dieses Jahr fanden wir gar eine Reihe von 50 Maulwürfen an einem Gartenzaun aufgehängt, was den naturverbunden Schottenstil im Umgang mit seiner Natur bestens veranschaulicht. Die hier gezeigten toten Mäuse, alle zutiefst musikverbunden, waren in Orgeln anzutreffen, die immer mal gestörte Baßpfeifen mit Sprachschwierigkeiten hatten, weil die pneumatischen Lederteile angefressen waren.

Anders war es übrigens mit unseren Bässen in Tomintoul, wo, wie gesagt, die Orgel seit 115 Jahren eine Transponiervorrichtung ihre Dienste anbot, aber die Organisten einfach vermuteten, dass die untersten tiefen Töne keinen Klang erzeugten. Oft wunderten sich auch Organisten, dass das große C des Bordun keinen vernünftigen Klang produzierte, bis man die Mütze und Kärtchen der Gesangbuchanzeige aus der Pfeife dann entfernte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier noch ein paar Hinweise auf gängige Rundwege durch die Highlands. Der linke führt direkt ins Verderben: möglich, dass man 30 Meilen läuft ohne einen einzigen Menschen anzutreffen. Der rechte Weg deutet auf gesellige aber auch belanglose Gespräche in den Destillen.

die Toccata….

Sie wurde bei der Einweihung auf der 3registrigen Orgel in Bovesse gespielt und ich denke, dass esam besten zeigt, welche Möglichkeiten diese kleinen Orgeln bieten, wenn man sich die Sache auf dem Video anhört. 

 

Tomintoul und Inveraven aus der CD von Schmitt bespielt, während die Barras-Toccata von Benoit Lebeau am Ende der Orgelweihe in Bovesse am 4.Mai das Publikum begeisterte.

 

 

 

 

Hier also das Video:

 
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